Antike-Rezeption im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Literarische Modelle, archäologische Dimensionen, kulturwissenschaftliche Perspektiven
gefördert mit Mitteln der DFG 2000-2003
Leitung: Michael Franz
Ko-Leitung: Hildegard Backhaus
Die auffällige Renaissance und zentrale Bedeutung der Antike in der
Literatur, Theorie und Wissenschaft seit den 60er Jahren dieses
Jahrhunderts ereignet sich gerade nicht unter dem Vorzeichen einer
Reetablierung der Tradition. Vielmehr erweist sich die Antike als
historischer Referenzpunkt auf der Suche nach Neuorientierungen
angesichts der Herausforderungen der Gegenwart. Signifikant sind neue
Schwerpunktsetzungen in Anknüpfung an vernachlässigte, abgewertete,
unabgegoltene antike Ansätze: von der Dekonstruktion kanonischer Texte
über die Wiederentdeckung der kommunikativen Agonistik der Sophisten und
die Rezeption der epikureischen Semiotik und Ästhetik bis zu
mediengeschichtlichen Untersuchungen und Gender-Forschungen zur Antike.
Zugleich fordert die postkoloniale Kritik am Eurozentrismus/
Okzidentalismus mehr denn je dazu heraus, nach dem Europaspezifischen
der Antike-Rezeption in einer Geschichte wechselseitiger kultureller
Einflüsse zu fragen.
Literarische Modelle haben einen
spezifischen Anteil am Wandel der Antike-Rezeption im letzten Drittel
des 20. Jahrhunderts. So ist die Problematisierung von Zentrum und
Peripherie in Christoph Ransmayrs Roman Die letzte Welt nicht unabhängig von neuen kulturellen und sozialen Bewegungen in der Gegenwart. Heiner Müllers Epochengedicht Mommsens Block
entzündet sich an der Frage, warum Mommsen keine römische
Kaisergeschichte geschrieben hat und woran Weltreiche zerbrechen. Sarah
Kane sucht sich (in Phaidra's Love) der Realität der äußeren
Zwänge, Kämpfe und Widerstände durch die performative Darstellung von
Tod und Gewalt unter Bezugnahme auf Senecas Dramaturgie des
Schrecklichen zu vergewissern.
Das Projekt gliedert sich in fünf
Schwerpunkte: Europaspezifik und Postcolonial Studies; Selbstreflexion
der Archäologie; Demokratie und Literatur; historische
Subjektivitätsformen und Gender-Aspekte; Semiotik und Poetik.


