Aporien forcierter Modernisierung: Figurationen des Nationalen im Sowjetimperium
Programmförderung BMBF 2008–2010
Leitung: Franziska Thun-Hohenstein
Mitarbeiter: Giorgi Maisuradze, Zoran Terzić
Gastwissenschaftler:
Irina Sandomirskaja
»Georgien hat den Kamm des Kaukasus überschritten« – mit diesen Worten
signalisierte 1991 der georgische Dichter und langjährige Vorsitzende des
georgischen Schriftstellerverbandes, Irakli Abašije (1909–1992), im Rückblick
für die Kultursituation in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ein neues
Dispositiv: Nicht mehr Russland gebe die Blickrichtung auf Georgien vor,
stattdessen sei es nun die georgische Kultur selber, die durch die Expansion
nach Norden die Strategien ihrer Selbstrepräsentation bestimme. Die Bühne, die
die georgische Kultur Abašije zufolge betreten hatte – die Sowjetunion –, war
zu dieser Zeit ein Ort, an dem Terror und Gewalt herrschten, während in den
öffentlichen Diskursen Erfolge bei der Industrialisierung und Modernisierung
gefeiert wurden und das Land als ein Hort der ›Brüderlichkeit›‹ und ›Völkerfreundschaft‹
gepriesen wurde.
Das Projekt untersuchte in diesem Zusammenhang u.a. die Metapher vom
Sowjetimperium als einer »kommunalen Wohnung« (Y. Slezkine) mit vielen Zimmern,
in denen verschiedene Nationen bzw. Nationalitäten unter einem gemeinsamen Dach
lebten. Diese Metapher verweist auf ein breites Spektrum an kulturellen
Praktiken: von massenhafter Enteignung und Zwangsumsiedlung über latente
Konflikte oder wachsenden Zusammenhalt bis hin zum Ausbruch aus der Zwangsnähe
nach 1991.
Eine kulturwissenschaftliche Analyse solcher diskursiver, ikonographischer
und symbolischer Repräsentationsformen des Nationalen in der Stalin-Zeit
offenbart, dass die Kultur des sowjetischen Nationalen mit Hilfe von
Operationen (wie Archaisierung, Vereinfachung, Mythopoesis) und Figuren
(»Stalin als Vater der Völker«, »Mutter-Heimat«, »älterer Bruder«) als
genealogische konstruiert wird.
Georgien ist nicht nur deshalb ein paradigmatisches Beispiel für eine derartige
Forschungsperspektive, weil Stalins Heimat in den offiziellen Diskursen viel
Aufmerksamkeit gewidmet wurde, sondern auch weil sich die georgische Kultur –
und damit gleichsam die Sowjetzivilisation – durch ihre weit in die Geschichte
zurückreichende Tradition als eine besonders archaische inszenieren ließ. So
begann die Darstellung der Geschichte Russlands im Schullehrbuch von 1937 mit
Urartu, dem altorientalischen Reich in Transkaukasien, das als der erste ›Vielvölkerstaat‹
auf dem Territorium der späteren UdSSR galt. Ethnogenese, Historiographie und
Literaturgeschichte ließen sich in den 1930er/40er-Jahren, in denen der
stalinsche nationale Kanon etabliert wurde, insofern ideologisch
instrumentalisieren, als selbst das Vornationale und Prähistorische
nationalisiert wurde.
In signifikanter Weise wurde beispielsweise der mittelalterliche Dichter Šota Rustaveli (12./13. Jh.) nicht nur zu einer georgisch-nationalen Integrationsfigur, sondern in einem pompös inszenierten Jubiläum (1937) zum Symbol einer frühen georgischen, d.h. ›östlichen‹, Renaissance, die der europäischen vorausgegangen sei. Das Nationale (das georgische kulturelle Erbe) wurde auf diese Weise zu einem zentralen Schauplatz, um das Postulat einer Überlegenheit der sowjetischen über die europäische Kultur zu begründen.
Die Genealogien, Rhetoriken und Repräsentationen des Georgischen im Raum der
Sowjetkultur lassen erkennen, auf welche Weise traditionelle Pathosformeln (wie
z.B. »Sonniges Georgien«) und Topoi (wie z.B. die Kolchis) aus dem
romantisch-nationalen ins sozialistisch-sowjetische Paradigma überführt wurden
(Durch die Beteiligung von Zoran Terzić an der Projektarbeit konnte zudem eine
kulturvergleichende Perspektive zu jugoslawischen bzw. postjugoslawischen
Entwicklungen in die Diskussionen einbezogen werden).
Das Arsenal an rhetorischen, symbolischen und ikonographischen Figuren eines
ideologiekonformen national-georgischen Kanons belegt, dass im Unterschied zur
stalinschen Formel für die sozialistisch-realistische Kunst – »National in der
Form, sozialistisch im Inhalt« – das Nationale de facto zunehmend
essentialisiert und zu einer Kategorie des Inhalts wurde (eine These, die
bereits der russische Schriftsteller Vasilij Grossman vertreten hatte). Dieser
Vorgang, der auch als »Georgisierung« Georgiens (Ronald Suny) verstanden wird,
impliziert, dass die Neuformung Georgiens im Sowjetimperium zu einer »sozialistischen
Nation« sowohl mit einer Übersetzung des romantisch-nationalen Kanons des 19.
Jahrhunderts ins Sowjetische (Sozialistische) als auch mit einer
Nationalisierung des Sozialistischen (im Sinne einer symbolischen und
affektiven Aufladung) verbunden war. Die untersuchten sowjet-georgischen
Figurationen des Nationalen verweisen zudem darauf, dass diese Vorgänge einem
Nationalismus Vorschub geleistet haben, der im postsowjetischen Georgien
aufbrach und dessen Nachwirken bis heute virulent geblieben ist.
Die Aktualität der Fragestellung bewirkte, dass die Forschungen des Projektes
auch in Georgien, wo der Nationalismus ein bislang wenig erforschtes Phänomen
darstellt, auf reges Interesse nicht nur seitens der akademischen
Öffentlichkeit (u.a. Teilnahme an der internationalen Tagung »Black Sea
Identity« der Ilia Chavchavadze Univ. Tbilissi, Batumi 23.–24.5.2008), sondern
auch der allgemeinen Medien gestoßen sind.
Publikationen
Geschlossene Gesellschaft und ihre Wächter
Verlag: Bakur Sulakauri Verlag, Tbilissi, Oktober 2011
155 Seiten
Weitere Informationen
Giorgi Maisuradze, Franziska Thun-Hohenstein: ›Sonniges Georgien‹. Figurationen des Nationalen im Sowjetimperium (1921–1953) (erscheint voraussichtlich 2012)
Zaal Andronikashivili, Giorgi Maisuradze, Franziska Thun-Hohenstein (Hg.): Der Kulturheros – ein Paradigma zwischen Kult, Kultur und Politik (erscheint voraussichtlich 2012)
Giorgi Maisuradze
(zus. mit Zaal Andronikashvili) »sekularizacia da sekularizaciis bedi saquarteloshi« [Die Säkularisierung und ihr Schicksal in Georgien], in: Giga Zedania, Merab Gaganidze (Hg.): Säkularisierung: Konzepte und Kontexte, Tbilisi 2009, S. 266–286
»chaketili sazogadoeba da misi darajebi« [Die geschlossene Gesellschaft und ihre Hüter], in: Tskheli shokoladi 46, 2009, S. 87–94
»stalinis aqcenti da qartuli enis apokalifsi« [Stalins Akzent und die Apokalypse der georgischen Sprache], in: Tskheli shokoladi 48, 2009, S. 101–113
»patriotizmi rogorc religia« [Patriotismus als Religion], in: Tskheli shokoladi 49, 2009, S. 99–108
»temi da satogadoeba« [Gemeinschaft und Gesellschaft], in: Tshheli shokoladi 50, 2009, S. 96–108
»gmiri« [Der Held], in: Tskheli shokoladi 51, 2009, S. 88–98
»panteonidan panteonamde« [Von Pantheon zu Pantheon], in: Tskheli shokoladi 53, 2009, S. 106–113
»gadzlierebuli locva. martlmadidebloba postsabchota saqartveloshi« [›Intensiver beten‹. Die Orthodoxie in postsowjetischer Zeit], in: Tskheli shokoladi 56, 2010, S. 97–106
»postsachota kavshiri anu gandevnili warsuli« [Die Postsowjetunion oder die verdrängte Vergangenheit], in: Tskheli shokoladi 59, 2010, S.103–111
»dakarguli konteqsti« [Der verlorene Kontext], in: Tskheli shokoladi 60, 2010, S. 116–122
»xma ghvtisa da xma erisa« [Die Stimme Gottes und die Stimme des Volkes], in: Tskheli shokoladi 63, 2010, S. 109–116
»didi da mcire imperiebi« [Das große und das kleine Imperium], in: Tskheli schokoladi 66, 2010
dakarguli konteqstebi [Verlorene Kontexte], Tbilisi: Bakur Sulakauri 2011
Genese und Genealogie. Bedeutung und Funktion des Ursprungs in der Ordnung der Genealogie. Berlin: Kadmos (Dissertation, erscheint voraussichtlich 2012)
Zaal Andronikashivili
»Denkmalkultur in Georgien«, in: Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin. Bericht über das Forschungsjahr 2008, S. 73–82
»›Talent der illegitimen Freude‹. Zur Affektordnung des georgischen Festes«, in: Trajekte 17, 2008, S. 43–46
»Subversive Zweisprachigkeit. Mziuri«, in: Dirk Naguschewski, Stefan Willer: Also singen wir. 60 Beiträge zur Kulturgeschichte der Musik, Berlin: Trajekte Extra 2010



