Ausdrucksgebärden zwischen Evolutionstheorie und Kulturgeschichte
Programmförderung BMBF 2008–2010
Mitarbeiter: Tobias Robert Klein, Erik Porath
Gastwissenschaftler:
Daniel K. Avorgbedor, Jonathan Bach, IIit Ferber, Katherina Zakravsky
Ausdrucksgebärden beanspruchen in der Emotions- und Hirnforschung eine zentrale Stelle als Indikatoren für die Erforschung mentaler Phänomene – allerdings zumeist historisch unreflektiert. Das Projekt widmete sich deshalb den wissenschafts- und kulturgeschichtlichen Voraussetzungen des Ausdrucksbegriffs. Ausdruck wurde zwischen 1700 und 1850 schrittweise zu jenem anthropologisch, künstlerisch und naturwissenschaftlich besetzten Begriffsfeld entfaltet, dessen Höhepunkt im späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreicht wurde. Ausdrucksgebärden sind seither ein epistemischer Schauplatz, auf dem sich physiologische/biologische und kulturwissenschaftliche/künstlerische Deutungsmuster berühren, überlagern und miteinander konkurrieren. Einerseits tritt Ausdruck als produktionsästhetische Kategorie der Gestaltung, (Trans-)Formation und Sublimierung künstlerischer und wissenschaftlicher Artefakte und Versuchsanordnungen auf, andererseits aber auch als Effekt und Verwirklichung der bewussten und unbewussten Absichten und Affekte von Individuen.
Gegenstand des Projekts waren Konzepte des Ausdrucks und der Ausdrucksgebärden vom 18. bis zum 20. Jahrhundert an der Schnittstelle zwischen Natur- und Kulturwissenschaften. Eine besondere Aufmerksamkeit galt dabei dem Zusammenhang von Indikatoren/Zeichen, den jeweiligen Deutungsparametern und deren Ort in der Theoriebildung sowie der Spannung zwischen universalistischen Deutungsansätzen und kulturspezifischen Momenten des Ausdrucks, wie sie z.B. afrikanischen Musikperformances zugrunde liegen. Ausgangspunkt war dabei zunächst eine Aufarbeitung der begriffs- und wissensgeschichtlichen Voraussetzungen des Nachdenkens über Ausdrucksphänomene seit dem 18. Jahrhundert. Hierzu fand im Januar 2009 die interdisziplinäre Tagung Figuren des Ausdrucks. Formation einer Wissenskategorie zwischen 1700 und 1850 statt, deren Ergebnisse in erweiterter Form 2011 erscheinen.
Mit Bezug auf die zentrale Rolle, die Aby Warburg und andere Vertreter der ersten Kulturwissenschaft um 1900 für das Forschungsprofil des ZfL spielen, richtete das Projekt in einem zweiten Schritt seine Aufmerksamkeit auf die lange zu wenig beachtete Rolle naturwissenschaftlicher Theoreme für die Konzeptualisierung von Ausdruck, um die eigentümliche Mobilität, Wandlungsfähigkeit und Geschichtlichkeit von Ausdrucksphänomenen herauszuarbeiten. Das Interesse galt dabei dem Ausdruck als einem Grenzphänomen, das zwischen Körperlichkeit und Bewegung, zwischen Sprachlichkeit und Kommunikation angesiedelt ist. Diesen "Rändern und Interferenzen des Ausdrucks" widmete sich eine zweite Tagung Anfang 2010, bei der verschiedene Schauplätzen in Architektur, Theater, Tanz, Musik, Anthropologie, Sprach- und Kognitionsforschung untersucht wurden, die für methodologische Fragen ausdruckstheoretischer Überlegungen im 20. Jahrhundert relevant gewesen sind. Eine entsprechende Publikation erscheint 2011. Beide Sammelbände enthalten auch Beiträge von Kollegen aus anderen Projekten des Forschungsschwerpunkts II, Kulturgeschichte des Wissens", (Jörg Thomas Richter, Armin Schäfer, Jan Söffner, Margarete Vöhringer).
Neben der vielfältigen auswärtigen Vortragstätigkeit der Mitarbeiter (u.a. auf den Kongressen der International Society of Gesture Studies, Frankfurt/O., den German-American Frontiers of the Humanities in Philadelphia und der International Society for Conceptual History, Moskau) ergaben sich aus der Projektarbeit Kooperationen mit der Kunst- und Musikhochschule Zürich im Rahmen der Reihe Wissenskünste (08/2008–02/2010), die Künstler und Wissenschaftler zu interdisziplinären Gesprächen zusammenführte, sowie die (Mit)organisation verschiedener Konferenzen und Tagungen am ZfL.
Publikationen
- Figuren des Ausdrucks. Formation einer Wissenskategorie vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, hg. v. Tobias Robert Klein/Erik Porath, München: Fink (voraussichtlich 2011).
- Kinästhetik und Kommunikation: Ränder und Interferenzen des Ausdrucks, hg. v. Tobias Robert Klein/Erik Porath, Berlin: Kadmos (voraussichtlich 2011).
Tobias Robert Klein
- "Nachahmung, Ausdruck und Nervenerschütterung: Zum epistemischen Ort von Johann Jakob Engels 'Ueber musikalische Malerey'".
- "Evolution” vs. "Gesamtkunstwerk”: Wagner, Darwin und die ästhetischen Grundlagen der Musikpsychologie.
- 'Musik in Passagen': Walter Benjamin und die Musik der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts", in: Klang und Musik im Werk von Walter Benjamin. Benjamin und die Musik, hg. v. Sigrid Weigel/Tobias Robert Klein/Asmus Trautsch (voraussichtlich Berlin 2011).
- 'I remember only the grandiose moment when they all started to sing' – Schönbergs Survivor und Nonos Ricorda als musikalische Manifestation der Erinnerung", in: Überleben. Historische und aktuelle Konstellationen, hg. v. Falko Schmieder, München 2011, S. 77–91.
- 'Weinen Machen. Über drei Methoden sich einer Sefwi-Trauerklage (Südghana) zu nähern", in: Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin – Das Forschungsjahr 2009, Berlin 2010, S. 53–58.
- 'Amsterdam – Gustav Mahler – Das Lied von der Erde" und "Hiplife – VIP – Ahomka wo mu", in: Also singen wir. 60 Beiträge zur Kulturgeschichte der Musik, hg. v. Dirk Naguschewski und Stefan Willer, Trajekte Extra, Berlin 2010.
- Kurvendiskussion: Ausdruck, Dynamik und musikalische Bewegung nach 1900", in: Trajekte 17 (2008), S. 12–16.
- 'Fondling breasts and playing guitar: Textual and contextual expressions of a socio-musical conflict in Accra", in: Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie (Sonderband Musiktheorie und Musikwissenschaft), hg. v. Tobias Janz und Jan-Phillip-Sprick (im Druck, Online-Edition)
Erik Porath
- "Medialität und Ausdruck. (Un)kalkulierbare Effekte zwischen 'System der Deklamation' und 'Geberdenprotokoll'".
- "Von den Grenzen des Ausdrucks: Ausdrucksbewegungen in produktionsästhetischer Perspektive bei Fiedler, Freud und Musil".
- Ränder der Enzyklopädie, hg. v. Christine Blättler und Erik Porath, Berlin: Merve (voraussichtlich 2011); darin: "Jazz".
- Assoziation und Ambiguierung, Symptom und Revenant. Zur Medientheorie der Freudschen Psychoanalyse, in: Medienbewegungen. Praktiken der Bezugnahme, hg. v. Gisela Fehrmann, Ludwig Jäger und Meike Adam, München (voraussichtlich 2011).
- 'Ausdrucksbewegung', 'Kodex der Gesten' und Undeutlichkeit. Ausdruck und Ausdruckslosigkeit in Walter Benjamins Überlegungen zu Brechts epischem Theater, zur Graphologie Ludwig Klages’ und zum Berliner 'Sprachwitz'", in: Benjamin-Studien, hg. v. Detlev Schöttker und Daniel Weidner, Bd. 3 (2012/13) (voraussichtlich 2012).
- "Überlebende und Überlebte. Zwischen Unsterblichkeitswunsch und Vergänglichkeit bei Freud und Canetti", in: Überleben. Historische und aktuelle Konstellationen, hg. v. Falko Schmieder, München 2011.
- "Situation and Motion. The Art of Expression in Fiedler and Freud", in: Habitus in Habitat I – Emotion and Motion, hg. von Sabine Flach und Jan Söffner, Bern u.a. 2010, S. 97–109.
- "Geist der neuen Welt – Ray Barretto – Summertime", in: Also singen wir. 60 Beiträge zur Kulturgeschichte der Musik, hg. v. Dirk Naguschewski und Stefan Willer, Trajekte Extra, Berlin 2010.
- Vom Reflexbogen zum psychischen Apparat: Neurologie und Psychoanalyse um 1900, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 32 (2009), S. 53–69.
- Zwischen Lebenden und Toten, zwischen Assoziation und Vergessen: Das Subjekt und sein Name, in: Namen. Benennung, Verehrung, Wirkung. Positionen der europäischen Moderne, hg. v. Tatjana Petzer, Sylvia Sasse, Franziska Thun-Hohenstein und Sandro Zanetti, Berlin 2009, S. 243–259.
- Begriffsgeschichte des Mediums oder Mediengeschichte von Begriffen? Methodologische Überlegungen, in: Begriffsgeschichte der Naturwissenschaften. Zur historischen und kulturellen Dimension naturwissenschaftlicher Konzepte, hg. v. Ernst Müller und Falko Schmieder, Berlin/New York 2008, S. 253–272.



