Archäologie der Moderne. Eine neue Sinneskultur im frühen 20. Jahrhundert
gefördert mit Mitteln der DFG 2001-2005
Leitung: Inge Münz-Koenen
Mitarbeiter: Justus Fetscher, Marianne Streisand
Das 20. Jahrhundert ist verschiedentlich als das
Jahrhundert der Avantgarde(n) bezeichnet worden. Deren historischer Ort
ist gleichwohl nach wie vor umstritten. Das Projekt antwortet auf eine
gegenwärtige Problemlage, die durch entgegengesetzte
Forschungsstrategien gekennzeichnet ist: einerseits durch die Tendenz
zur Kanonbildung, mit der Künstler der historischen Avantgarden im
Ergebnis einer nachträglich konstruierten kunstimmanenten
Kontinuitätsgeschichte zu Exponenten einer 'klassischen' Moderne gemacht
werden, andererseits durch die Betonung des Bruchs der Avantgarden mit
der sie umgebenden modernen Kultur. Die bisherige Forschung stützt sich
dabei weitgehend auf die kulturutopische Programmatik, die Absichts- und
Kriegserklärungen der verschiedenen 'Ismen' (Futurismus,
Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus, Konstruktivismus).
Demgegenüber konzentriert sich das Projekt auf die avantgardistischen
Praktiken, die Experimente mit Materialien, Techniken, Formen und
Verfahren, die veränderte Sinnesstrukturen der modernen Umwelt zum
Ausgangspunkt nehmen, um ihrerseits die Künste als Wahrnehmungsmedien
der Moderne neu zu konfigurieren. Die Bedeutung der Avantgarden bestand
im Entwerfen und Ausprobieren einer neuen Kultur der Sinne, in
angestrebten und praktizierten 'Wahrnehmungsrevolutionen', die mit
sozialen und politischen Bewegungen im ersten Drittel des 20.
Jahrhunderts interagierten, ohne in ihnen aufzugehen. Durch ihre enge
Verschränkung mit wissenschaftlichen Entdeckungen und technischen
Erfindungen wurden die Künste im Europa dieser Zeit zu sensiblen
Wahrnehmungsmedien der modernen Lebenswelt. Dabei verändert sich der
Bezug zwischen Moderne und Avantgarde so, daß letztere zu einem
Schlüssel für erstere wird: Die Avantgarden eröffnen einen Zugang zu
einer komplex veränderten Wahrnehmungswelt, indem sie herkömmliche
ästhetische Repräsentationsformen dekonstruieren und mit
Ausdrucksmitteln experimentieren, die den neuen Sinnesstrukturen
Rechnung tragen. Phänomene wie Primitivierung, Fragmentierung, Rhythmisierung,
die von den ProjektmitarbeiterInnen gleich Sonden an die Formationen
ästhetischer Erfahrung und künstlerischen Wissens angelegt werden,
stehen für eine von Wahrnehmungskonventionen befreite Elementarzerlegung
und Neukomposition künstlerischen Materials.
Die 'archäologische' Methode des Projekts legt die künstlerischen Fundstücke frei und bezieht sie auf eine Topographie der Fundorte,
auf ein ausdifferenziertes Feld simultaner ästhetischer und
epistemologischer Ereignisse in Ost-, West- und Mitteleuropa. Diese
Aufmerksamkeit auf die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Kultur- und
Lebensformen setzt eine linear-fortschrittsgeschichtliche Narration von
"Vor-", "Hoch-" und "Postmoderne" außer Kraft. Metaerzählungen wie die
von einer kohärenten abendländischen Zivilisationsgeschichte im Zentrum
und unterentwickelten Kulturen an den Peripherien werden korrigiert: Die
vermeintliche Vormoderne gehört - archäologisch gewendet - als ein
'Anderes' der Moderne dieser selbst an.
Veranstaltungen
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14.11. –
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Workshop
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