(Dis-)Figuration der Schrift. Bibelphilologie und Literaturwissenschaft in der Neuzeit
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Leitung: Kai Bremer, Daniel Weidner
Kulturwissenschaft und Religion
Es
gibt ein steigendes Interesse der Kulturwissenschaften für Religion.
Oft wird diese als das 'Andere' der traditionellen Philologien
aufgefasst: als das radikal Ausgeschlossene, das auch die alten
Fächergrenzen und Methoden überschreitet und einen neuen Zugang fordert -
Kulturwissenschaft statt Philologie. Dagegen versucht das vorgestellte
Projekt, Religion gerade dort zu untersuchen, wo sie sich mit der
Tradition der Philologie berührt: im philologisch-kritischen Umgang mit
der Bibel. Dabei zeigt sich nicht nur, dass viele der
kulturwissenschaftlichen Methoden eine philologische Vorgeschichte
haben, sondern dass auch die Philologie selbst immer schon aus
kulturellen Spannungsfeldern hervorgeht - nicht zuletzt aus der
Auseinandersetzung über die Bibel. Dabei ist die Heilige Schrift mehr
als nur ein Text unter anderen oder gar als eine Motivquelle für
literarische Texte: Sie ist ein in sich komplexes, differenziertes und
teilweise auch paradoxes epistemologisches Modell literarischen Wissens,
das auch nach dem Ende seiner selbstverständlichen Geltung die
europäische Kultur des Buches nachhaltig bestimmt.
Dramatik und Bibel(-kritik)
Leitung: Kai Bremer
In dem Forschungsprojekt von Kai Bremer
wird der Zusammenhang zwischen Dramatik und Bibel(-kritik) von der
Frühen Neuzeit bis in die Moderne untersucht. Ausgangspunkt dafür ist
die Vernachlässigung der theozentrischen gegenüber der
anthropozentrischen Dimension in den Studien zur theatrum mundi-Bildlichkeit
in der begriffsgeschichtlichen und der literaturwissenschaftlichen
Forschung (so etwa bei R. KONERSMANN und W. BARNER). Im Projekt wird
diese 'Daseinsmetapher' (H. BLUMENBERG) dagegen als Mittel zur
Geschichte des Verstehens gedeutet, wodurch zugleich die theozentrische
Dramatik in den Blick gerät. Das theozentrierte Drama gilt gemeinhin als
Medium der religiösen Popularisierung und damit der propagatio fidei.
Jenseits dieser schematischen Funktionalisierung finden sich kaum
Studien, die den Zusammenhang zwischen Theologie und Dramatik
untersuchen. Angesichts der Theozentriertheit der theatrum mundi-Metaphorik
wie großer Teile des Dramas genügt das allerdings kaum. Wenn die Welt
das Theater Gottes ist, so ist die Inszenierung des Gottesworts zugleich
Lobpreis Gottes und Auslegung der Heiligen Schrift. Die
philologische Akribie, mit der die theozentrischen Dramen ausgearbeitet
wurden, ist nicht nur Folge eines Verantwortungsgefühls gegenüber dem
Publikum. Die theozentrischen Dramen sind das Ergebnis einer poetischen
Praxis, die ihrerseits zwei miteinander korrespondierende
Grundvoraussetzungen hat: Theologie und Philologie.
Im Projekt werden folgende Perspektiven untersucht:
1. Die Theologie des Theaters: Spektakulär im Wortsinn wird El gran teatro del mundo
durch Gott als Richter - CALDERÓN dramatisiert also das Weltgericht.
Das "endlose Spiegelspiel zwischen Welt und Bühne" (H.-C. V. HERRMANN)
ist jedoch keine Erfindung CALDERÓNS. Dramatisierungen des Weltgerichts
kennt im Rahmen der Fronleichnamsfeiern bereits das späte Mittelalter.
Die Weltgerichtsdramen sind nicht als einfaches Hin und Her zwischen
Gott und Mensch zu verstehen sind, weil die Instanz des Richters den
vorgeblich starr, theologisch gesprochen prädestinativen Rahmen des
Welttheaters in Frage stellt. Theologisch formuliert bedeutet das: die
Sündenlehre ist der poetologische Subtext der Weltgerichtsdramatik. Das
wird mittels eines Dreischritts vom spätmittelalterlichen und
reformatorischen Weltgerichtsspiel über CALDERÓNS El gran teatro del mundo zu den modernen Erneuerungen des dramatischen Weltgerichts bei GOETHE und HOFFMANNSTHAL untersucht.
2. Das Theater der Theologie:
Die Anthropozentriertheit der begriffsgeschichtlichen Forschungen zur
Welttheater-Metaphorik wirft die Frage auf, wie sich deren Begriffe im
theozentrischen Bedeutungszusammenhang verhalten. Mit der
Welttheatermetaphorik liegt ein komplexes Verweissystem von Zeichen von
Bedeutungen vor. Einige der Zeichen verweisen zudem auf weitere
Referenzsysteme - insbesondere die Emblematik. Der dadurch gewonnene
theozentrische Diskurs des theatrum mundi wird außerdem auf den Gebrauch der Metapher in theologischen Texten beispielsweise schon bei CALVIN zurückbezogen.
3. Die Dramatisierung der Bibel:
Mit dem Bibeldrama ergänzt in der Frühen Neuzeit ein Variante der
theozentrischen Dramatik die etablierten Formen des religiösen Spiels.
Diese Dramatik tritt in dem Moment auf den Spielplan, da die
neuzeitliche Bibelkritik einsetzt. Die Forschung hat bisher die Frage
nach dem Zusammenhang zwischen Bibelkritik und -dramatik nicht eingehend
gestellt. Das ist erstaunlich, weil einige für die neuzeitliche
Bibelkritik zentrale Humanisten und Theologen zugleich Bibeldramen
verfasst haben, so DE BÈZE, GROTIUS und HEINSIUS. Die Bibeldramatik
erfährt - anders als das Bibelepos - in der Moderne grundlegende
Reformulierungen etwa durch BODMER und KLOPSTOCK, durch HEBBEL oder
WERFEL, aber auch auf der Oper. Inwieweit auch hier Zusammenhänge
zwischen der Bibelkritik und der Bibeldramatik bestehen, ist ebenfalls
Gegenstand des Projekts.
4. Die Poetisierung der Bibel:
In der frühneuzeitlichen Bibelkritik und noch in den Anfängen der
modernen Bibelphilologie werden einzelne biblische Bücher, etwa das Buch
Hiob oder das Hohelied, wiederholt als 'Dramen'
interpretiert. Damit prägen poetologische und philologische
Verstehenskategorien den bibelkritischen Diskurs - Ausdruck der
generellen disziplinären Offenheit der wissenschaftlichen Diskurse bis
ins späte 18. Jahrhundert. Die Bedeutung von Gattungszuschreibung
innerhalb des bibelkritischen Diskurses werden rekonstruiert und ins
Verhältnis zur Mitte des 18. Jahrhunderts beginnenden
Trennungsgeschichte von Philologie und Theologie gesetzt.
Bibelkritik und Literaturwissenschaft
Leitung: Daniel Weidner
Das Teilprojekt von Daniel Weidner
beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Bibelkritik und
Literaturwissenschaft. Zwar ist seit langem ein Allgemeinplatz, daß die
Philologie zu einem wesentlichen Teil von der im Verlaufe der Neuzeit
sich herausbildenden Bibelkritik abstammt. Weil Bibel- und
Literaturwissenschaft aber spätestens seit dem 19. Jahrhundert getrennte
Wege gehen, ist die Philologie der Bibel - abgesehen von der gut
erforschten Geschichte der Hermeneutik - noch kaum Gegenstand genauerer
literaturtheoretisch interessierter Untersuchungen gewesen. Dabei
erschöpft sich etwa HERDERS und SCHLEIERMACHERS Beschäftigung mit der
Bibel keinesfalls in ihrer Hermeneutik, sondern impliziert auch Fragen
der Datierung, der Textkritik und der 'höheren Kritik' sowie Konzepte
der Zeichenhaftigkeit, der Textualität und der Autorschaft. Ohne diesen
Kontext und ohne die Vorgeschichte der Auseinandersetzung um die Bibel
insbesondere im englischen Deismus ist aber auch die Herausbildung der
Hermeneutik kaum zu verstehen.
Gegenstand des Projektes sind also
einerseits die auf dem Gebiet der Bibelkritik verhandelten
literaturtheoretischen Probleme, andererseits deren Rezeption im
allgemeinen literarischen und literaturwissenschaftlichen Diskurs. So
wird etwa in den Diskussionen über den literarischen Charakter der Bibel
bei HEINE oder M. ARNOLD das bibelkritische Wissen in vielfacher Weise
adaptiert, umgeschrieben und gebrochen, um an allgemeine
literaturpolitische und kulturkritische Diskurse anschlußfähig zu sein.
Kernzeit der Untersuchung ist die Hochphase der historisch-kritischen
Methode von 1750-1920; die Vorgeschichte im 17. Jahrhundert (HOBBES,
SPINOZA) wird ebenso einbezogen wie das Auseinanderbrechen des
historisch-kritischen Paradigmas in einer Reihe nachkritischer Projekte
wie der BUBER-ROSENZWEIG-Übersetzung oder der
"Bible-as-literature"-Debatte. Das Projekt ist komparativ angelegt, weil
die Debatte über die Bibel in verschiedenen Phasen abwechselnd durch
die je spezifisch ausgerichtete englische und deutsche Tradition
dominiert wird.
Die Bibelkritik ist von zentraler Bedeutung für
die Geschichte einer kulturwissenschaftlich verstandenen Philologie. Sie
diskutiert am Text der Bibel allgemeine literaturtheoretische Fragen
ebenso wie Gattungsfragen; hier werden Techniken der Textbehandlung wie
Textkritik, 'Quellenscheidung', Übersetzung und Edition entwickelt;
methodische Probleme, die Bedeutung anonymer Literatur und 'kleiner
Formen' werden ebenso erörtert wie der Zusammenhang von Text-,
Rezeptions- und Kulturanalyse. Dabei können die kritisch-philologischen
Lektüretechniken durchaus als Entwurf einer diskursiven Archäologie
avant la lettre verstanden werden, die bei der Begründung der 'ersten
Kulturwissenschaft' um 1900 eine wichtige und heute oft vergessene Rolle
gespielt hat: WARBURG, FREUD und CASSIRER orientieren sich nicht nur an
religionsgeschichtlichem Material, sondern auch an Methoden der
Religionsgeschichte, die wiederum wesentlich von der Bibelkritik etwa
von D.F. STRAUSS, J. WELLHAUSEN und H. GUNKEL bestimmt worden sind.
Publikationen
Trajekte-Buchreihe
Bibel und Literatur um 1800
Verlag: Wilhelm Fink Verlag, München, 2011
437 Seiten
ISBN: 978-3-7705-5000-5
Weitere Informationen
Trajekte-Buchreihe
Bibel als Literatur
Verlag: Wilhelm Fink Verlag, München, 2008
352 Seiten
ISBN: 978-3-7705-4560-5
Weitere Informationen
Veranstaltungen
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12.01. –
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Konferenz
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23.11. –
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Workshop
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