Erbe – Erbschaft – Vererbung. Überlieferungskonzepte zwischen Natur und Kultur im historischen Wandel
gefördert im Rahmen des Programms "Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften" der VolkswagenStiftung 2004-2007
Leitung: Sigrid Weigel
Leitung: Bernhard Jussen, Mitarbeiter: Karin Gottschalk, Urban Kressin (Schule für Historische Forschung der Uni Bielefeld)
Mitarbeiter: Ohad Parnes, Ulrike Vedder, Stefan Willer
Der Begriff des Erbes zeichnet sich dadurch aus, dass er – im
Unterschied zu Konzepten wie Geschichte, Tradition oder Evolution – die
verschiedenen Dimensionen von Überlieferung verbindet, indem er deren
Zusammenspiel in der Organisation von Kontinuität und Veränderung und am
Übergang von Natur und Kultur reguliert. Im Umgang mit dem Erbe regeln
die Lebenden sowohl ihren Austausch mit den Verstorbenen als auch ihr
Verhältnis zu den noch nicht Geborenen. Die modernen, gegenwärtig
gültigen Erbekonzepte entspringen den weitreichenden Umbrüchen, die um
1800 anzusiedeln sind: Naturalisierung der Vererbung, Kodifizierung des
Erbrechts, Politisierung und Nationalisierung des kulturellen Erbes,
bürgerliche Familialisierung und Individualisierung, Verzeitlichung und
Futurisierung. Das Projekt hat die Vor- und Nachgeschichte dieser
Umbrüche untersucht.
Um die Genese der Engführung zwischen
Familien- und Erbschaftsvorstellungen zu rekonstruieren, wurde in einem
Teilprojekt danach gefragt, wie sich im Mittelalter das Verhältnis von
Verwandtschaft, Jenseitsökonomie und Überlieferung gestaltet hat.
Aufgrund der Verschmelzung von Familie und Erben analysierte ein
weiteres Teilprojekt die Wechselwirkung von Erbrecht und
Familienkonzepten in vormodernen und modernen Gesellschaften. Das
erforderte eine vergleichende Untersuchung in diachroner Perspektive zu
der Frage, welche Bedeutung Verwandtschaftsbegriffe in der Geschichte
des Erbrechts haben, und umgekehrt, in Form welcher Regelungen (z.B.
Adoption) das Erbrecht sich in der Familiengeschichte niederschlägt. Da
die Literatur als ein Schauplatz für die Konflikte mit dem (Ver-)Erben
und die Sorge darum betrachtet werden kann, las ein drittes Teilprojekt
die Literatur des 19. Jahrhunderts daraufhin, wie in ihr die genannten
Umbrüche in den Erbgesetzen und das veränderte Verhältnis in der
Beziehung zwischen Vorfahren und Nachkommen zum Ausdruck kommen. Um in
einem weiteren Teilprojekt die Vererbungstheorien der Moderne auf die
Verhandlungen zwischen Kultur und Natur hin zu untersuchen, wurde danach
gefragt, wo und in welcher Weise kulturelle Aspekte in genetischen
Modellen zum Zuge kommen. Zu diesem Zweck wurde die Biologie der
Vererbung auf explizite und implizite Motive zur Vererbung erworbener
Eigenschaften hin untersucht. Schließlich wurden in einem fünften
Teilprojekt die Politik des kulturellen Erbes und seine Verbindung zum
nationalen Diskurs am Beispiel von Deutschland rekonstruiert und
daraufhin befragt, ob und wie sich die anderen Aspekte von Erbschaft in
dieser Ebene des 'symbolischen Kapitals' niederschlagen.
Das
interdisziplinäre Format konzentrierte sich auf den Austausch zwischen
historischen, rechtsgeschichtlichen, literatur- und
kulturgeschichtlichen sowie biowissenschaftlichen Perspektiven.
Gemeinsamer methodischer Bezugspunkt war eine kulturwissenschaftlich
aufgefasste Begriffsgeschichte, die das Scharnier für die Verknüpfung
der unterschiedlichen Untersuchungskonstellationen bildete. Darin kamen
wissenschafts- und diskursgeschichtliche Perspektiven, Forschungen zur
historischen Semantik und Analysen von literarischen und anderen Texten
zum Zuge. Wird die Literatur als Archiv eines kulturell vermittelten
Wissens über das Erben und Erbgesetze sowie als Schauplatz gelesen, auf
dem die Konflikte im Umgang mit dem Erbe formuliert und imaginär
ausagiert werden, so stellen auch andere textuelle Zeugnisse
verschiedener Wissensregister wichtiges Material dar, um die
Erbschaftsvorstellungen, die Erbe-Politik und die materielle Kultur des
Erbens und Vererbens in der Geschichte zu untersuchen.
Die Forschungsarbeit schließt an das Projekt »Das Konzept der Generation: Zur narrativen, zeitlichen und biologischen Konstruktion von Genealogie« an, welches von 2001−2005 am ZfL durchgeführt wurde. Seit Juli 2007 wird die Forschung im Projekt »Generationen in der Erbengesellschaft – ein Deutungsmuster soziokulturellen Wandels« fortgeführt und erweitert (ebenfalls gefördert durch die VolkswagenStiftung im Rahmen des Programms »Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften«).
Publikationen
Trajekte-Buchreihe
Das Testament als literarisches Dispositiv
Kulturelle Praktiken des Erbes in der Literatur des 19. Jahrhunderts
Verlag: Fink Verlag, München, 2011
428 Seiten
ISBN: 978-3-7705-5061-6
Weitere Informationen
Das Konzept der Generation
Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte
Verlag: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main, 2008
385 Seiten
ISBN: 978-3-518-29455-0
Weitere Informationen
Trajekte-Buchreihe
Genea-Logik
Generation, Tradition und Evolution zwischen Kultur- und Naturwissenschaften
Verlag: Wilhelm Fink Verlag, München, 2006
288 Seiten
ISBN: 978-3-7705-4173-7
Weitere Informationen
PrePrint 1
Erbe, Erbschaft, Vererbung
Überlieferungskonzepte zwischen Natur und Kultur im historischen Wandel
2005
Weitere Informationen
Veranstaltungen
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Arbeitstagung
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Buchvorstellung mit Diskussion
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16.07.2008
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Mittwochsvortrag
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Pressestimmen
Wie zwischen Vergangenem und Künftigem vermittelt wird (01.12.2006)
Erbe, Erbschaft und Vererbung: ein Projekt zu Überlieferungskonzepten zwischen Natur und Kultur im historischen Wandel, in: VolkswagenStiftung (Hg.), Impulse für die Wissenschaft 2007 – Aus der Arbeit der VolkswagenStiftung (Hannover, Dez. 2006), S. 70–74


