Forschungsschwerpunkt I

  1. Archiv / Kulturwissenschaft
  2. Religion / Repräsentation
  3. Europa / Osten

Im Forschungsschwerpunkt I wird die Europäische Kulturgeschichte insbesondere im Hinblick auf – historische und topographische – Ungleichzeitigkeiten der Säkularisierung und im Hinblick auf das ›Nachleben‹ (Aby Warburg) religionsgeschichtlicher Bedeutungen in der Moderne erforscht. Die Europäische Kulturgeschichte wird dabei nicht als eine feste, geographisch und zeitlich umrissene Einheit behandelt; vielmehr geht es um Diskurse und kulturelle Praktiken, mit denen »ein solches Gebilde wie Europa« (Erich Auerbach) entstanden ist und permanent rekonzeptualisiert wird, um die Art und Weise, wie sich ›Europa‹ aus je unterschiedlichen historischen, topographischen und religionskulturellen Sichtweisen darstellt. Dabei werden auch Wechselbeziehungen zwischen europäischen und nicht-europäischen Kulturen einbezogen.

Im Hinblick auf konkurrierende Paradigmen zur Herleitung der Europäischen Kultur – aus orientalisch-antiken, aus mediterranen oder aus jüdisch-christlichen Ursprüngen – werden kulturvergleichende Methoden in Rücksicht auf religionshistorische Differenzen modifiziert und weiterentwickelt. Die interdisziplinäre Projektarbeit zielt dabei insgesamt auf die Entwicklung einer kulturwissenschaftlichen Epistemologie, die es vermag, komparatistische Verfahren dort zu überschreiten, wo diese auf die Konstitution nationaler, ethnischer, sprachlicher, religiöser und gattungsspezifischer Entitäten angewiesen ist, um überhaupt komparativ vorgehen zu können. Anstelle vergleichender Verfahren werden im ZfL Untersuchungsanordnungen gewählt, in denen plurale, uneindeutige und uneinheitliche Kulturen als Ergebnis von Verhandlungen, Abgrenzungen oder Austausch, als Produkt von Übersetzung, Zusammenspiel oder Überlagerung, von Wettstreit oder Widerstreit verschiedener Traditionen analysiert werden können.

Das Forschungsdesign der Projekte zielt darauf ab, Untersuchungsanordnungen zu überwinden, in denen nach dem ›Verhältnis von Text und Kontext‹, von Literatur und Politik bzw. Religion o.a. gefragt wird. Denn in solchen Fragestellungen werden nicht nur gegenwärtige Gattungsbegriffe (z.B. die Engführung des Literaturbegriffs auf poetisch-fiktionale Texte gegenüber einem vorgängigen weiteren Begriff von Literatur) in die Geschichte zurückprojiziert; unberücksichtigt bleibt auch, dass bei der Herstellung des Wissens über den ›Kontext‹, das aus anderen Disziplinen importiert wird, ebenfalls Texte im Spiele waren. Die Forschungsprojekte des ZfL konzentrieren sich statt dessen auf Konstellationen, an denen sich Entstehung und Umbrüche von Figuren/Figurationen sowie von Konzepten, Deutungsmustern und kulturellen Praktiken untersuchen lassen.

Diese Arbeit schließt an die ›erste Kulturwissenschaft› an, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem Zusammenwirken von anthropologischen, physio-psychischen, religionshistorischen, philosophischen und philologischen Ansätzen entstanden ist und sich mit den Arbeiten von Wissenschaftlern verbindet, die – aus je unterschiedlichen Disziplinen kommend – kulturwissenschaftliche Methoden entwickelt haben: Aby Warburg aus der Kunstgeschichte, Sigmund Freud aus der Neurologie, Ernst Cassirer aus der Philosophie, Georg Simmel aus der Soziologie, Walter Benjamin aus der Germanistik und Erich Auerbach aus der Romanistik. Diese Art Kulturwissenschaft fokussiert die kultischen und rituellen Ursprünge der Kultur und deren Transformationen in symbolische, diskursive, künstlerische und systematische Formen des Wissens. Sie untersucht das Nachleben archaischer, antiker oder religiöser Bedeutungsfiguren in der Geschichte der Säkularisierung und Modernisierung.