Forschungsschwerpunkt I

  1. Archiv / Kulturwissenschaft
  2. Religion / Repräsentation
  3. Europa / Osten

Im Forschungsschwerpunkt I wird die Europäische Kulturgeschichte insbesondere im Hinblick auf – historische und topographische – Ungleichzeitigkeiten der Säkularisierung und Modernisierung erforscht. Dabei wird Europa nicht als eine feste, geographisch und zeitlich umrissene Einheit behandelt; vielmehr geht es um Diskurse, kulturelle und symbolische Praktiken, die Europa aus unterschiedlichen historischen, topographischen und religions-kulturellen Perspektiven immer wieder neu konstituieren. Die Europäische Kulturgeschichte lässt sich nicht linear erzählen, weil die Anfänge und Enden ebenso wie die Grenzen und Zentren des Europäischen immer wieder rekonzeptualisiert wurden und werden. Insofern gelten die Forschungen des FSP einzelnen exemplarischen Schauplätzen und Figurationen, an denen komplexe Überlagerungen verschiedener kultureller Semantiken und deren Verdichtung in signifikanten Konzepten, Topoi und Pathosformeln erkennbar werden. Ausgehend von aktuellen Fragestellungen, werden deren Archäologie und Genealogie erforscht, wobei sich gerade der Rekurs auf die Vormoderne häufig als notwendig und hilfreich erweist. Dabei können auch grundlegende Ordnungen und Unterscheidungen wie etwa zwischen Schrift und Bild, zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, zwischen Politik, Recht und Religion nicht einfach vorausgesetzt werden, weshalb deren Genese Teil der Untersuchungen ist. Die Einzelprojekte sind verbunden durch die Arbeit an einer Epistemologie historischer Kulturwissenschaften, welche der Komplexität ihrer Gegenstände ebenso wie ihrer historischen Verortung gerecht werden kann. Dabei werden Erkenntnisinteressen und Anregungen der cultural und postcolonial studies aufgenommen, die damit verbundenen Fragen allerdings historisch gewendet, indem der Begriff des Westen durch die Beleuchtung der inneren Heterogenität und Differenzierungsprozesse der europäischen Kulturgeschichte ersetzt wird.

Indem die Europäische Kulturgeschichte die Spezifik der europäischen Entwicklung im Rahmen globalgeschichtlicher Fragestellungen untersucht, greift sie auf das Programm der Ersten Kulturwissenschaft um 1900 bei Autoren wie Max Weber, Aby Warburg, Sigmund Freud und Walter Benjamin zurück. Deren Versuch der Neubegründung einer Forschung jenseits der Dichotomie von Natur- und Geisteswissenschaften ist aktuell von beträchtlicher Relevanz; die Erforschung ihres Denkens dient daher immer auch der methodischen Selbstreflexion des eigenen Vorgehens. In der Europäischen Kulturgeschichte spielt das Nachleben der Religionen eine zentrale Rolle, das nicht auf die christliche Religion beschränkt wird. Einbezogen werden pagane, jüdische und islamische Traditionen. Die theoretische Grundlage bilden Begriffe von Säkularisierung und Modernisierung, die diese nicht als fortschreitenden Prozess begreifen, sondern als Teil einer Kulturgeschichte voller Spannungen und Ambivalenzen, als Dialektik von Entzauberung und Resakralisierung, von Transformation und Verschwinden. 

Die am ZfL betriebene Europäische Kulturgeschichte interessiert sich daher besonders für plurale und hybride Kulturen bzw. für jene Rand- und Grenzzonen, an denen sich die Übersetzung kultureller Semantiken verdichtet. Sie fragt weniger nach dem Verhältnis Europas zu seinem anderen, sondern nach dem Fremden in Europa wie nach Europa in der Fremde und untersucht die historisch und geographisch ausgedehnten Übergangszonen der Mehrsprachigkeit (im weiteren Sinne), etwa in Europas Osten und Süd-Osten. Anstelle des Vergleichs von Einzelkulturen geht es um symptomatische Konflikte und Phänomene, die historisch und kulturell in unterschiedlicher Gestalt auftreten und sich oft als Nachleben weit zurückreichender Erfahrungen und Verwerfungen erweisen.