Forschungsschwerpunkt I
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Im Forschungsschwerpunkt I wird die Europäische Kulturgeschichte
insbesondere im Hinblick auf – historische und topographische –
Ungleichzeitigkeiten der Säkularisierung und im Hinblick auf das ›Nachleben‹ (Aby Warburg) religionsgeschichtlicher Bedeutungen in der
Moderne erforscht. Die Europäische Kulturgeschichte wird dabei nicht als
eine feste, geographisch und zeitlich umrissene Einheit behandelt;
vielmehr geht es um Diskurse und kulturelle Praktiken, mit denen »ein
solches Gebilde wie Europa« (Erich Auerbach) entstanden ist und
permanent rekonzeptualisiert wird, um die Art und Weise, wie sich ›Europa‹ aus je unterschiedlichen historischen, topographischen und
religionskulturellen Sichtweisen darstellt. Dabei werden auch
Wechselbeziehungen zwischen europäischen und nicht-europäischen Kulturen
einbezogen.
Im Hinblick auf konkurrierende Paradigmen zur
Herleitung der Europäischen Kultur – aus orientalisch-antiken, aus
mediterranen oder aus jüdisch-christlichen Ursprüngen – werden
kulturvergleichende Methoden in Rücksicht auf religionshistorische
Differenzen modifiziert und weiterentwickelt. Die interdisziplinäre
Projektarbeit zielt dabei insgesamt auf die Entwicklung einer
kulturwissenschaftlichen Epistemologie, die es vermag, komparatistische
Verfahren dort zu überschreiten, wo diese auf die Konstitution
nationaler, ethnischer, sprachlicher, religiöser und
gattungsspezifischer Entitäten angewiesen ist, um überhaupt komparativ
vorgehen zu können. Anstelle vergleichender Verfahren werden im ZfL
Untersuchungsanordnungen gewählt, in denen plurale, uneindeutige und
uneinheitliche Kulturen als Ergebnis von Verhandlungen, Abgrenzungen
oder Austausch, als Produkt von Übersetzung, Zusammenspiel oder
Überlagerung, von Wettstreit oder Widerstreit verschiedener Traditionen
analysiert werden können.
Das Forschungsdesign der Projekte zielt
darauf ab, Untersuchungsanordnungen zu überwinden, in denen nach dem ›Verhältnis von Text und Kontext‹, von Literatur und Politik bzw.
Religion o.a. gefragt wird. Denn in solchen Fragestellungen werden nicht
nur gegenwärtige Gattungsbegriffe (z.B. die Engführung des
Literaturbegriffs auf poetisch-fiktionale Texte gegenüber einem
vorgängigen weiteren Begriff von Literatur) in die Geschichte
zurückprojiziert; unberücksichtigt bleibt auch, dass bei der Herstellung
des Wissens über den ›Kontext‹, das aus anderen Disziplinen importiert
wird, ebenfalls Texte im Spiele waren. Die Forschungsprojekte des ZfL
konzentrieren sich statt dessen auf Konstellationen, an denen sich Entstehung
und Umbrüche von Figuren/Figurationen sowie von Konzepten, Deutungsmustern
und kulturellen Praktiken untersuchen lassen.
Diese Arbeit
schließt an die ›erste Kulturwissenschaft› an, die zu Beginn des 20.
Jahrhunderts aus dem Zusammenwirken von anthropologischen, physio-psychischen,
religionshistorischen, philosophischen und philologischen Ansätzen
entstanden ist und sich mit den Arbeiten von Wissenschaftlern verbindet,
die – aus je unterschiedlichen Disziplinen kommend –
kulturwissenschaftliche Methoden entwickelt haben: Aby Warburg aus der
Kunstgeschichte, Sigmund Freud aus der Neurologie, Ernst Cassirer aus
der Philosophie, Georg Simmel aus der Soziologie, Walter Benjamin aus
der Germanistik und Erich Auerbach aus der Romanistik. Diese Art
Kulturwissenschaft fokussiert die kultischen und rituellen Ursprünge der
Kultur und deren Transformationen in symbolische, diskursive,
künstlerische und systematische Formen des Wissens. Sie untersucht das Nachleben archaischer, antiker oder religiöser Bedeutungsfiguren in der Geschichte der Säkularisierung und Modernisierung.


