Freud und die Naturwissenschaften: um 1900 und um 2000

  1. Projektbeschreibung
  2. Publikationen
  3. Veranstaltungen
  4. Pressestimmen

Programmförderung BMBF 2008-2010
Leitung: Christine Kirchhoff, Gerhard Scharbert

Die Untersuchungsanordnung des Projekts war gegenstrebig angelegt: Während Sigmund Freud mit seinen Arbeiten, insbesondere mit dem Entwurf einer Psychologie (1895), dem Versuch einer "naturwissenschaftlichen Psychologie", die Grenzen der zeitgenössischen Neurologie überschritt und die Psychoanalyse entwickelte, ist die Psychoanalyse seit den 1990er Jahren von Seiten der Neurowissenschaften (wieder)entdeckt worden. Vor allem mit Hilfe bildgebender Verfahren, wie fRMI und PET, wird seither versucht, die seit Freuds Zeiten getrennt operierende Disziplinen mit dem Ziel einer Neuro-Psychoanalyse wieder zusammenzuführen.
Mit dem Ziel einer wechselseitigen Erhellung ging es im Projekt darum, einerseits die Rolle naturwissenschaftlicher Referenzen in Freuds Entwicklung der psychoanalytischen Theorie zu untersuchen, und andererseits zu ergründen, was sich mit der aktuellen Wiederentdeckung Freuds verbindet und welche Aspekte, Indikatoren und Begriffe dabei für die neurowissenschaftliche Forschung relevant werden.
Für die Zeit um 1900 wurden die Einflüsse der Naturwissenschaften und der Medizin auf Sigmund Freuds Werk untersucht, wobei Schwerpunkte auf der Neurologie und der Entwicklungsbiologie, sowie der Evolutionstheorie nach Darwin lagen. Auch die französische Psychiatrie des 19. Jahrhunderts, deren Überlegungen zum Verhältnis von Wahn und Traum, Sprache und Symptom auf Freuds Anschauungen ebenfalls eingewirkt haben, sowie die Traditionen der Schule Johannes Müllers, aus der Freuds Lehrer Ernst Wilhelm von Brücke hervorgegangen war, konnten als wichtige Einflussfaktoren beschrieben werden. Ferner wurde anhand einzelner Konzepte untersucht, wie sich die von Freud mit Rückgriff auf das Vokabular der zeitgenössischen Neurologie gebildeten Begriffe gegenüber ihrer Herkunftswissenschaft verselbständigt haben, indem sie innerhalb des entstehenden Theoriekorpus der Psychoanalyse eine neue Bedeutung angenommen haben.
Daran anknüpfend wurde untersucht, wie sich wiederum die Begriffe der Psychoanalyse verändern, wenn sie als neuro-psychoanalytische Konzepte reformuliert werden. Problematiken insbesondere hinsichtlich der Stellung der Metapsychologie, wie des Triebbegriffes wurden aufgezeigt und bezüglich des implizierten Verständnisses von Subjektivität und Kultur untersucht. Gemäß eines auch psychoanalytischen Forschungsinteresses wurde zudem nach dem "Begehren der Neurowissenschaften" gefragt, d.h. die Frage gestellt, welche (unbewussten) Wünsche und Ängste mit dem Versuch einer neurowissenschaftlichen Begründung der Psychoanalyse verbunden sein könnten.
Der Dialog zwischen Neurowissenschaften und Psychoanalyse ist noch lange nicht beendet. Das Projekt mit seiner kulturwissenschaftlichen und wissenschaftshistorischen Perspektive konnte sich aber durch Tagungen sowie Arbeitsgespräche mit den Gastwissenschaftlern Tamara Fischmann (Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt a.M.) und Christine Zunke (Universität Oldenburg) nachhaltig als Akteur innerhalb dieser Debatten positionieren (u.a. als Kooperationspartner der International Society for Neuropsychoanalysis und für Marianne Leuzinger-Bohleber, Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt a.M.).

Publikationen

  • Christine Kirchhoff/Gerhard Scharbert (Hg.): Freuds Referenzen. Berlin: Kadmos (voraussichtlich 2011).
  • Sigrid Weigel/Christine Kirchhoff/Gerhard Scharbert (Hg.): Freud and Neurosciences (voraussichtlich Ende 2011).

Christine Kirchhoff:

  • "Das hat doch etwas zu bedeuten?" Von Überlebseln und Phasen, in: Frank Dirkopf u.a. (Hg.): Aktualität der Anfänge. Freuds Brief an Fließ vom 6.12.1896. Bielefeld: transcript, 2008, S. 77–93.
  • Zur Nachträglichkeit kollektiver Erinnerungsprozesse: Erinnerung als Entübersetzung, in: Schmid, Harald (Hg.): Geschichtspolitik und kollektives Gedächtnis. Formen der Erinnerung Bd. 41. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009, S. 107–122.
  • Affected by the Other. On Emotion in Psychoanalysis, in: Sabine Flach/Daniel Margulies/Jan Söffner (Hg.): Habitus in Habitat I – Emotion and Motion. Bern: Peter Lang, 2010, S. 111–120.
  • Wozu noch Metapsychologie? In: Journal für Psychologie 18 (1), 2010 (Online: www.journal-fuer-psychologie.de/jfp-1-2010-05.html).
  • "Wenn jemand spricht, wird es hell. Sehen des Unsichtbaren in Psychoanalyse und Neurowissenschaften", in: Trajekte 21, 2010, S. 45–47.
  • Aufschub, Hoffnung, Reihenbildung. Freud und die Naturwissenschaften
  • Serving various Masters. How Culture Shapes the Apparatus, in: Sigrid Weigel/Christine Kirchhoff/Gerhard Scharbert (Hg.): Freud and Neurosciences (voraussichtlich Ende 2011).
  • Vom Überleben des Wunsches als Todestrieb. Nachträglichkeit, Subjekt und Geschichte bei Freud, in: Falko Schmieder (Hg.): Überleben. Historische und aktuelle Konstellationen. München: Fink (erscheint voraussichtlich 2011).
  • Von der Wiederkehr des Wunsches als Todestrieb und der Nachträglichkeit in der Theorie, in: Jahrbuch der Psychoanalyse 62 (erscheint April 2011).

Gerhard Scharbert:

  • Vererbung, Nervosität, Psychopathologie des Alltagslebens. Jacques-Joseph Moreau de Tours' vergessener Text "Un Chapitre oublié de la pathologie mentale", in: Trajekte 17 (2008), S. 39–42.
  • Rezension von: Claudia Breger; Irmela Marei Krüger-Fürhoff; Tanja Nusser (Hg.): Engineering Life. Narrationen vom Menschen in Biomedizin, Kultur und Literatur. Berlin 2008, in: Weimarer Beiträge 3 (2009), S. 468–472.
  • Leonhard Euler: Elemente einer Lehre von den Körpern (Übers. aus dem Lat.), in: Wladimir Velminski (Hg.): Leonhard Euler. Die Entstehung der Graphentheorie. Berlin: Kadmos 2009, S. 29–57.
  • Mensch und Maschine, in: not 3 (2009), S. 66–67.
  • Freud and Evolution, in: History and Philosophy of the Life Sciences 31 (2009), S. 295–312.
  • Leonhard Euler: Theses Philosophicae (Textherstellung aus dem Manuskript und Übersetzung aus dem Lateinischen), in: Wladimir Velminski: Form, Zahl, Symbol. Leonhard Eulers Strategien der Anschaulichkeit. Berlin: Akademie-Verlag 2009, S. 254–292.
  • "Psychologus nemo, nisi Physiologus" – Johannes Müller und die Perspektiven einer médecine philosophique: Eine Entdeckung aus dem Universitätsarchiv, in: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 29 (2010), S. 213–227.
  • mit Karl-Heinz Pantke/Natalie Arsalan: Verbale Kommunikation nach einem Locked-in-Syndrom, in: Christine Kühn u.a. (Hg.): Das Locked-in-Syndrom. Geschichte, Erscheinungsbild, Diagnose und Chancen der Rehabilitation. Frankfurt a.M.: Mabuse 2010, S. 147–162.
  • Sprache als Symptom von Pinel bis Freud, in Christine Kirchhoff/Gerhard Scharbert (Hg.): Freuds Referenzen. Berlin: Kadmos (voraussichtlich 2011).
  • Cognitio animi experimentalis – Intoxication, Hallucination, Imagination, and Modernity, in: Sabine Flach/Daniel Margulies/Jan Söffner (Hg.): Habitus in Habitat II – Other Sides of Cognition (voraussichtlich 2011).
  • En tout cerveau s'accomplit un développement naturel. Darwinian Traces in Rimbaud?, in: Sabine Flach/Barbara Larson (Hg.): Darwin and Aesthetics (voraussichtlich 2011).
  • Dichterwahn. Über die Pathologisierung von Modernität. München: Fink 2011. Weitere Informationen über den Band

 

Pressestimmen

Traumbeleg (03.11.2010)

Artikel von Thomas Thiel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3.11.2010

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