Freud und die Naturwissenschaften: um 1900 und um 2000

Programmförderung BMBF 2008–2010
Leitung: Christine Kirchhoff, Gerhard Scharbert
Gastwissenschaftler: Tamara Fischmann, Christine Zunke

  1. Projektbeschreibung
  2. Publikationen
  3. Veranstaltungen
  4. Medienecho

I. Projektbeschreibung

Das Projekt folgte einer gegenstrebigen Untersuchungsanordnung: Während Sigmund Freud mit seinen Arbeiten die Grenzen der zeitgenössischen Neurologie überschritt und die Psychoanalyse entwickelte, ist die Psychoanalyse seit den 1990er Jahren von Seiten der Neurowissenschaften (wieder)entdeckt worden. Vor allem mit Hilfe bildgebender Verfahren (fRMI, PET) wird seither versucht, die seit Freuds Zeiten getrennt operierenden Disziplinen mit dem Ziel einer Neuro-Psychoanalyse wieder zusammenzuführen.
Zur wechselseitigen Erhellung untersuchte das Projekt einerseits die Rolle naturwissenschaftlicher Referenzen in Freuds Entwicklung der psychoanalytischen Theorie, und andererseits, was sich mit der aktuellen Wiederentdeckung Freuds verbindet und welche Aspekte, Indikatoren und Begriffe dabei für die neurowissenschaftliche Forschung relevant werden.
Für die Zeit um 1900 wurden die Einflüsse der Naturwissenschaften und der Medizin auf Sigmund Freuds Werk untersucht, wobei Schwerpunkte auf der Neurologie und der Entwicklungsbiologie sowie der Evolutionstheorie nach Darwin lagen. Auch die französische Psychiatrie des 19. Jahrhunderts, deren Überlegungen zum Verhältnis von Wahn und Traum oder Sprache und Symptom ebenfalls auf Freuds Anschauungen eingewirkt haben, sowie die Traditionen der Schule Johannes Müllers, aus der Freuds Lehrer Ernst Wilhelm von Brücke hervorgegangen war, konnten als wichtige Einflussfaktoren beschrieben werden. Ferner wurde anhand einzelner Konzepte nachgewiesen, wie sich die von Freud mit Rückgriff auf das Vokabular der zeitgenössischen Neurologie gebildeten Begriffe gegenüber ihrer Herkunftswissenschaft verselbständigt haben, indem sie innerhalb des entstehenden Theoriekorpus der Psychoanalyse eine neue Bedeutung angenommen haben.
Für die Zeit um 2000 konnte gezeigt werden, wie sich wiederum die Begriffe der Psychoanalyse verändern, wenn sie als neuro-psychoanalytische Konzepte reformuliert werden. Problematiken insbesondere hinsichtlich der Stellung der Metapsychologie wie des Triebbegriffs wurden aufgezeigt und bezüglich des implizierten Verständnisses von Subjektivität und Kultur untersucht. Gemäß eines auch psychoanalytischen Forschungsinteresses wurde zudem nach dem »Begehren der Neurowissenschaften« gefragt, d.h. die Frage gestellt, welche (unbewussten) Wünsche und Ängste mit dem Versuch einer neurowissenschaftlichen Begründung der Psychoanalyse verbunden sein könnten. Auf alle Fälle bleibt festzuhalten, dass der Dialog zwischen Neurowissenschaften und Psychoanalyse noch lange nicht beendet ist.

Das Projekt mit seiner kulturwissenschaftlichen und wissenschaftshistorischen Perspektive konnte sich durch Tagungen sowie Arbeitsgespräche mit den Gastwissenschaftlern Tamara Fischmann (Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt a.M.) und Christine Zunke (Universität Oldenburg) nachhaltig als Akteur innerhalb dieser Debatten positionieren (u.a. als Kooperationspartner der International Society for Neuropsychoanalysis und für Marianne Leuzinger-Bohleber, Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt a.M.).

II. Publikationen

Autor:
Gerhard Scharbert


Dichterwahn
Über die Pathologisierung von Modernität
Wilhelm Fink Verlag, München, 2011


Herausgeber:
Christine Kirchhoff, Gerhard Scharbert


LiteraturForschung Bd. 15
Freuds Referenzen
Kulturverlag Kadmos, Berlin, 2012



Christine Kirchhoff, Gerhard Scharbert (Hg.): Freuds Referenzen, Berlin: Kulturverlag Kadmos (erscheint 2012)

Sigrid Weigel, Christine Kirchhoff, Gerhard Scharbert (Hg.): Freud and Neurosciences (erscheint Ende 2012)

 

Christine Kirchhoff

»›Das hat doch etwas zu bedeuten?‹ Von Überlebseln und Phasen«, in: Frank Dirkopf u.a. (Hg.): Aktualität der Anfänge. Freuds Brief an Fließ vom 6.12.1896, Bielefeld: transcript 2008, S. 77–93

»Zur Nachträglichkeit kollektiver Erinnerungsprozesse: Erinnerung als Entübersetzung«, in: Harald Schmid (Hg.): Geschichtspolitik und kollektives Gedächtnis: Erinnerungskulturen in Theorie und Praxis, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2009, S. 107–122

»Affected by the Other. On Emotion in Psychoanalysis«, in: Sabine Flach, Daniel Margulies, Jan Söffner (Hg.): Habitus in Habitat I – Emotion and Motion, Bern: Peter Lang 2010, S. 111–12

»Wozu noch Metapsychologie?«, in: Journal für Psychologie, Nr. 18/1, 2010 (Online: www.journal-fuer-psychologie.de/jfp-1-2010-05.html

»Wenn jemand spricht, wird es hell. Sehen des Unsichtbaren in Psychoanalyse und Neurowissenschaften«, in: Trajekte 21, 2010, S. 45–47

»Von der Wiederkehr des unbewußten Wunsches als Todestrieb und der Nachträglichkeit in der Theorie«, in: Jahrbuch der Psychoanalyse 62, Bad Cannstatt: Fromman-Holboog 2011

»Vom Überleben des Wunsches als Todestrieb. Nachträglichkeit, Subjekt und Geschichte bei Freud«, in: Falko Schmieder (Hg.): Überleben. Historische und aktuelle Konstellationen, München: Fink 2011

 

Gerhard Scharbert

»Vererbung, Nervosität, Psychopathologie des Alltagslebens. Jacques-Joseph Moreau de Tours' vergessener Text ›Un Chapitre oublié de la pathologie mentale‹«, in: Trajekte 17, 2008, S. 39–42

Rezension von: Claudia Breger, Irmela Marei Krüger-Fürhoff, Tanja Nusser (Hg.): Engineering Life. Narrationen vom Menschen in Biomedizin, Kultur und Literatur, Berlin: Kulturverlag Kadmos 2008, in: Weimarer Beiträge 3, 2009, S. 468–472

»Mensch und Maschine«, in: not 3, 2009, S. 66–67

»Freud and Evolution«, in: History and Philosophy of the Life Sciences 31/2, 2009, S. 295–312

»›Psychologus nemo, nisi Physiologus‹ – Johannes Müller und die Perspektiven einer médecine philosophique: Eine Entdeckung aus dem Universitätsarchiv«, in: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 29/1, 2010, S. 213–227

(zus. mit Karl-Heinz Pantke, Natalie Arsalan): »Verbale Kommunikation nach einem Locked-in-Syndrom«, in: Christine Kühn u.a. (Hg.): Das Locked-in-Syndrom. Geschichte, Erscheinungsbild, Diagnose und Chancen der Rehabilitation, Frankfurt a. M.: Mabuse 2010, S. 147–162

»Cognitio animi experimentalis – Intoxication, Hallucination, Imagination, and Modernity«, in: Sabine Flach, Daniel Margulies, Jan Söffner (Hg.): Habitus in Habitat II – Other Sides of Cognition, Bern: Peter Lang 2010, S. 171–183

»En tout cerveau s'accomplit un développement naturel. Darwinian Traces in Rimbaud?«, in: Sabine Flach, Barbara Larson (Hg.): Darwin and Aesthetic Theory (erscheint 2012)

IV. Medienecho

Traumbeleg (03.11.2010)

Artikel von Thomas Thiel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3.11.2010