Poetologie der Körperschaften
gefördert mit Mitteln der DFG 2000-2006
Leitung: Thomas Frank, Albrecht Koschorke, Susanne Lüdemann, Ethel Matala de Mazza
I. Projektbeschreibung
Es hat in Europa Tradition, daß Kollektive sich als Körper
imaginieren. Die daraus hervorgehende Metaphorik dient nicht allein der
Veranschaulichung, sondern verfügt über institutionsbildende Kraft. Aus
der imaginären Selbstvergegenwärtigung von Kollektiven als
Körperschaften erwachsen politische und rechtliche Regulative, die für
die europäische Staatsentwicklung grundlegend sind. Es handelt sich also
um einen Vorstellungskomplex, der funktionellen Charakter
besitzt, weil sich das gesamte Bezugssystem der sozialen Adressierung
und Autorisierung auf ihn stützt. Insofern gehört er sachlich dem
Gegenstandsbereich der Rechtsgeschichte und der politischen Wissenschaft
an. Seiner metaphorischen Beschaffenheit nach fällt er indes in die
Kompetenz der Literaturforschung: Sie spürt den rhetorisch-poetischen
Verfahren nach, die der Produktion sozialer Realität selbst innewohnen.
Heuristisch
lassen sich drei Dimensionen des Begriffs Körperschaft unterscheiden:
Zum einen ist damit die bildliche Selbstrepräsentation einer sozialen
Gruppe durch Referenz auf den menschlichen Körper gemeint, wie sie - in
verschiedenen Traditionslinien - von Platons Politeia, Livius‘ Bericht
über die Anfänge der Ständekämpfe und Paulus‘ mystischem Corpus Christi
ausgehen. Der menschliche Körper ist aber nicht nur Vergleichsobjekt für
den sozialen Körper, sondern - zum andern - auch dessen Bestandteil.
Der Einzelkörper tritt in die Körperschaft ein, und an diesen Akt der
Umwandlung knüpfen sich eine Vielzahl von Schwellengeschichten, die über
die Theorien vom Gesellschaftsvertrag bis zu den
Instituierungsproblemen moderner Staatsverfassungen reichen. Die dritte
Dimension von Körperschaft schließlich betrifft den Vorgang der
Verkörperung oder Inkorporation. In der alteuropäischen Tradition sind
es Einzelne, die das Gemeinwesen verkörpern: In ihrem Körper nimmt der
soziale Körper Menschengestalt an, und ihre Handlungen gelten als
gültige Akte des Kollektivs. Die abendländische Herrschermystik, aber
auch juristische Konstrukte wie die persona ficta, als die der
Staat seit dem frühen 19. Jahrhundert bezeichnet wurde, sind Versuche,
von den Schwierigkeiten und Effekten der Figur der Inkorporation zu
erzählen.
Um dieses genuin europäische Verfahren, den
Personenstatus von Kollektiven körperschaftlich zu denken, als
Gegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung fruchtbar zu machen,
hat das Projekt die literarischen Mechanismen analysiert, die in allen
drei Dimensionen des Korporationsbegriffs am Werk sind. Untersucht
wurden Umgangsweisen mit Körpermetaphoriken, die im politischen
Meinungskampf plaziert und medial durchgesetzt werden mußten; Narrative
der Schwelle, des Eintritts, der Konversion des vorsozialen Einzelnen
zum Glied des sozialen Ganzen; sowie Geschichten um die Einsetzung in
das Amt, um die Ausstattung mit der Fähigkeit, das Kollektiv zu
verkörpern, und um Figuren der Investitur und der Repräsentation, die
ihrer Natur nach außerordentlich bild- und textträchtig sind.
II. Publikationen
A. Koschorke, Th. Frank, S. Lüdemann, E. Matala de Mazza, Der fiktive
Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas.
Frankfurt a. M.: Fischer Tb Wiss. 2006.
Susanne Lüdemann, Metaphern der Gesellschaft. Studien zum soziologischen und politischen Imaginären. München: Fink 2004.
Albrecht
Koschorke, Götterzeichen und Gründungsverbrechen. Die zwei Anfänge des
Staates. In: Neue Rundschau, Heft 1/2004: Facetten des Heiligen, S.
40-55.
Albrecht Koschorke, Poiesis des Leibes. Johann Christian
Reils romantische Medizin. In: Gabriele Brandstetter / Gerhard Neumann
(Hg.), Romantische Wissenspoetik. Die Künste und die Wissenschaften um
1800. Würzburg 2004. S. 259-272.
Uwe Hebekus, Ethel Matala,
Albrecht Koschorke (Hg.), Das Politische. Figurenlehre des sozialen
Körpers nach der Romantik, München: Fink 2003.
Thomas Frank,
Wundertätige Körper. Reliquien und figürliche Reliquiare im Mittelalter.
In: Ebenbilder. Kopien von Körpern - Modelle des Menschen, Katalog der
Ausstellung im Ruhrlandmuseum Essen 26.3.-30.6.2002, hg. v. Jan Gerchow,
Ostfildern 2002, S. 73-82.
A. Koschorke, Th. Frank, S. Lüdemann,
E. Matala de Mazza, A. Kraß: Des Kaisers neue Kleider. Über das
Imaginäre politischer Herrschaft. Texte, Bilder, Lektüren. Frankfurt a.
M.: Fischer Tb Wiss. 2002.
Thomas Frank: Bruderschaften im
spätmittelalterlichen Kirchenstaat. Viterbo, Orvieto, Assisi
(=Bibliothek d. Dt. Histor. Instituts in Rom, Bd. 100). Tübingen:
Niemeyer 2002.


