Das Konzept der Generation: Zur narrativen, zeitlichen und biologischen Konstruktion von Genealogie
gefördert mit Mitteln der DFG 2001-2005
Leitung: Sigrid Weigel
Thomas Macho (HU Berlin): bis 2002
Mitarbeiter: Ohad Parnes, Ulrike Vedder, Stefan Willer
Die gegenwärtige Konjunktur des Generationenbegriffs reicht von der
Literatur über die Soziologie, Psychoanalyse, Geschichtsschreibung und
Wissenschaftsgeschichte bis ins Feuilleton und die Produktwerbung.
"Generation" versteht sich als kulturelles Deutungsmuster, das sowohl
eine Einheit von Erfahrungen und Eigenschaften faßt als auch den
zeitlichen Abstand und die Merkmalsunterschiede zu vorausgegangenen
Generationen definiert. Damit ist das narrative Muster der Generation,
das in Literatur und Geschichte auf eine lange Tradition zurückblicken
kann, auf viele andere Bereiche übertragen worden – und zwar
ausgerechnet in einer historischen Situation, in der die Praktiken, die
mit den Fortschritten der Biowissenschaften und der Reproduktionsmedizin
entstehen, als Intervention in die bislang als natürlich erachtete
Genealogie der familialen Generationenverhältnisse interpretiert werden.
Den
zahllosen Texten, die mit dem Begriff der Generation operieren, steht
ein auffälliger Mangel an systematischen Untersuchungen zu Bedeutung und
Geschichte des Konzepts gegenüber. Nach wie vor ist die
Forschungsliteratur fast ausschließlich auf einen soziologischen Begriff
festgelegt: auf Karl Mannheims Verständnis der Generation als einer
Kohorte, deren Zusammenhang sich durch jahrgangsspezifische Erlebnisse
und Milieuwirkungen begründet – sowie auf die Genese dieses
soziologischen Begriffs im 19. Jahrhundert. Die Vorgeschichte des
vieldeutigen, hybriden, zwischen verschiedenen Diskursen und Disziplinen
kursierenden Konzepts der Generation schien lange Zeit unter der
Dominanz dieses soziologischen Begriffs verdrängt zu sein.
Diese
Vorgeschichte, die Genese und Archäologie des Konzepts im Feld zwischen
Literatur- und Wissenschaftsgeschichte, hat das Projekt zum "Konzept der
Generation" zwischen 2001 und 2005 bearbeitet. Dabei erwies sich, dass
die Generation als hybrides Konzept, das sich zwischen mehreren
Bereichen des Wissens bewegt, einen exemplarischen Fall für die
Rekonstruktion der Trennungsgeschichte zwischen Geistes- und
Naturwissenschaften darstellt. So wird in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts mit der Zäsur von der Präformationslehre zur Epigenesis die
Generation zu einem zentralen Dispositiv für Biologie und
Zeugungslehre, während sich gleichzeitig eine Familialisierung des
Generationenverhältnisses ereignet, die das heutige soziologische
Konzept präfiguriert. Zeitgleich vollziehen sich semantische
Umcodierungen, etwa der Bedeutungswandel des deutschen Wortes
"Geschlechter" (von den Ahnentafeln zu einem gender-Konzept), in deren
Folge sich die Generation in eine (eher männlich konnotierte) Agentur
von Entwicklung und Bildung, also von futurisierter Geschichte,
verwandelt.
Die Ergebnisse der Projektgruppe dokumentieren nicht
nur die Rekonstruktion solcher wissenschaftsgeschichtlicher
Differenzierungen im Begriff "Generation". Sie erschließen auch die
verschwundenen Bedeutungen der Generation als symbolischer Form der
Kulturgeschichte: als mythologisches Narrativ, als zyklisches
Zeitmodell, als Repräsentation von Verwandtschaftsordnungen. Diese vor-
und außerdisziplinäre Geschichte des Generationenkonzepts – gerade auch
mit Blick auf die konzeptuell hybriden Darstellungsmodi literarischer
Texte – lässt sich nun als unabdingbare Ergänzung jüngerer, disziplinär
fixierter Konzepte der Generation lesen.
Fortgeführt und erweitert wurde die Forschungsarbeit von Oktober 2004 bis Juni 2007 in dem Projekt Erbe, Erbschaft, Vererbung. Überlieferungskonzepte zwischen Natur und Kultur im historischen Wandel
sowie seit Juli 2007 im Projekt Generationen in der Erbengesellschaft –
ein Deutungsmuster soziokulturellen Wandels (beide gefördert durch die
VolkswagenStiftung im Rahmen des Programms "Schlüsselthemen der
Geisteswissenschaften").
Publikationen
Das Konzept der Generation
Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte
Verlag: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main, 2008
385 Seiten
ISBN: 978-3-518-29455-0
Weitere Informationen
Trajekte-Buchreihe
Genea-Logik
Generation, Tradition und Evolution zwischen Kultur- und Naturwissenschaften
Verlag: Wilhelm Fink Verlag, München, 2006
288 Seiten
ISBN: 978-3-7705-4173-7
Weitere Informationen
Trajekte-Buchreihe
Generation
Zur Genealogie des Konzepts - Konzepte von Genealogie
Verlag: Wilhelm Fink Verlag, München, 2005
342 Seiten
ISBN: 978-3-7705-4082-2
Weitere Informationen
Pressestimmen
Zeugungsgeschehen und Kultur (02.02.2009)
Ohad Parnes, Ulrike Vedder und Stefan Willer untersuchen das 'Konzept der Generation'. Rezension von Roger Fornoff, in: literaturkritik.de Nr. 2/2009
Generationengeschichte (21.11.2008)
Rezension von Volker Depkat, in: H-Soz-u-Kult vom 21.11.2008
Ich bin von heute, Sie sind von gestern (10.03.2008)
Erfreulich respektlos: Eine Kulturgeschichte des Vexierworts 'Generation'. Rezension von Petra Gehring, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.03.2008
Vom Dichten und Zeugen (13.02.2007)
Rezension von Jochen Strobel, in: literaturkritik.de Nr.2, Februar 2007
Genea-Logik (09.01.2007)
Rezension von Petra Gehring, in: Zeitschrift für deutsche Philologie, Bd. 126/2007, S. 634-637
Generation, Genealogie und Genetik (08.11.2006)
An der Schwelle zwischen Kultur- und Naturwissenschaften. Rezension von Arne De Winde, in: IASLonline vom 19.11.2006
Generation, Genealogie und Genetik (08.11.2006)
An der Schwelle zwischen Kultur- und Naturwissenschaften. Rezension von Arne De Winde, in: IASLonline vom 19.11.2006
Sei was du geworden bist (20.09.2006)
Sigrid Weigel besticht mit einem großen Wurf zur Evolution. Rezension von Hartwin Brandt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.09.06, S. 36
Generationen strukturieren heute nicht mehr die Gesellschaft (01.06.2006)
Interview mit Sigrid Weigel, in: Psychologie heute (Juni 2006), S. 36-39
Holzfällen. Mit Sigrid Weigel am Baum des Wissens sägen (03.09.2002)
Rezension von Caroline Pross, in: Süddeutsche Zeitung vom 03.09.2002


