Forschungsschwerpunkt II
- LebensWissen
- Visuelles Wissen
- WissensOrdnungen
Im Forschungsschwerpunkt II wird die Kulturgeschichte des Wissens
insbesondere im Hinblick auf das Verhältnis von Naturwissenschaften,
Geisteswissenschaften und Künsten erforscht, mit Blick sowohl auf die
Genese ihrer entgegengesetzten Episteme und Methoden, wie Erklären und
Verstehen (Dilthey), Empirie und Interpretation oder Messen und Deuten,
als auch auf den Austausch und Transfer zwischen Disziplinen und
Wissenssystemen. Die Forschungen gelten epistemischen Objekten,
Konzepten und Paradigmen, die im Fadenkreuz mehrerer Disziplinen
lokalisiert sind (z.B. Generation, Erbe, Genealogie, Gefühl/ Affekt,
Bewusstsein, Ausdruck u.a.). Das wissenschaftspolitische Engagement
zielt auf die Erarbeitung kulturwissenschaftlicher Kompetenzen für die
Wissensgesellschaft.
Für die Arbeit an ausgewählten
Wissensfiguren oder Theoreme werden Wechselbeziehungen und Übergänge
zwischen dem allgemeinen kulturellen, dem künstlerischen/ literarischen
und dem fachwissenschaftlichem Wissen untersucht. Nicht selten nämlich
gehen literarische Imaginationen, Gedankenexperimente und künstlerische
Entwürfe, sämtlich Produkte einer facultas fingendi im weiten
Sinne, konkreten Forschungsfragen bzw. -hypothesen und deren
systematischer wissenschaftlicher Erforschung voraus. Zum anderen
antworten literarische und künstlerische Arbeiten auf
wissenschaftlich-technische Innovationen, indem sie diese im Sinne eines
Probehandelns experimentell verleiblichen und materialisieren oder in
den fiktiven Kontext menschlicher Kultur stellen, wobei u.a. auch
Wünsche, Phantasmen und Ängste zum Ausdruck kommen oder verschwiegene
Kehrseiten des Fortschritts zu Tage gefördert werden. Insofern zielt die
Einbeziehung von Kunst und Literatur nicht nur auf die Genese
wissenschaftlicher Projekte, sondern auch auf die Erhellung der
Dialektik von impliziten und expliziten Wissen, von positivem Wissen und
Nicht-Wissen.
Darüber hinaus zielt die Arbeit des ZfL auf die
Entwicklung kulturwissenschaftlicher, bild-, text- und
begriffstheoretisch fundierter Beiträge zu den interdisziplinären
Science Studies. Methoden und Instrumentarien der Geistes- und
Kulturwissenschaften, die der Analyse bedeutungsgebender Verfahren
dienen, werden für jene Aspekte naturwissenschaftlicher Objekte und
Theoreme genutzt, die sich im blinden Winkel von deren Methoden
befinden. In diesem Sinne werden rhetorische Verfahren in den
(Natur-)Wissenschaften, wie etwa der Einsatz von Metaphern bei der
Erschließung noch unerforschter Gebiete (prominentestes Beispiel ist der
‚genetische Code’), als kreative, innovative Praktiken betrachtet, aber
auch auf darin eingeschlossene und fortwirkende Vorläufigkeiten des
Wissens hin befragt (Hans Blumenberg). Im Horizont einer Archäologie und
Genealogie des Wissens (Michel Foucault) wird die Generierung
wissenschaftlicher Erklärungen und Theorien als eine Praxis untersucht,
an der unterschiedlichste Medien, Zeichensysteme und Modelle beteiligt
sind, die in den Ergebnissen, in etablierter Nomenklatur und
Terminologie unsichtbar werden.
Ein besonderes Interesse gilt
solchen Forschungsfragen (wie etwa der Vererbung, insbesondere der
Epigenetik, dem Bewusstsein, den Emotionen), die nur in einer
Zusammenarbeit der ‚zwei Kulturen’ zu bewältigen sind, weil ihre
Dunkelstellen an Schnittstellen zwischen physischen/ materiellen/
biologischen und semantischen/ kulturellen Funktionen angesiedelt sind.
Voraussetzung dafür ist die Anerkennung grundlegender epistemischer
Differenzen zwischen quantitativen Verfahren der empirischen/ experimentellen Wissenschaften und qualitativen
Verfahren der hermeneutischen Fächer, z.B. zwischen Messenverfahren und
semantischen Analysen, weil es erst über diese Anerkennung zu einem
produktiven Zusammenwirken der je spezifischen Erkenntnisweisen kommen
kann. Nur so wird es gelingen, die Grenzen der Wissenskulturen zu
überschreiten.
Die Verständigungs- und Sprachprobleme zwischen
den ‚zwei Kulturen’ sind nicht selten Effekte von Missverständnissen,
die extrem unterschiedlichen Bedeutungen ähnlicher oder gar gleich
klingender Begriffe geschuldet sind (wie etwa Information, Code,
Spannung, Dichte, Entropie, Gattung, Generation u. v. m.). Deshalb gilt
ein besonderes Interesse des ZfL solchen Figuren des Wissens, die
zwischen verschiedenen Disziplinen zirkulieren, sowie der Analyse der
Übergänge zwischen Metapher und Begriff im Prozess der Ausbildung von
Fachsprachen. Ein konkretes Ziel ist die Erarbeitung eines
interdisziplinären Wörterbuchs in begriffsgeschichtlicher Perspektive.


