LEONARDO-Effekte. Exemplarische Konstellationen aus der Trennungsgeschichte von Natur- und Geisteswissenschaften: 1800 - 1900 - 2000
gefördert mit Mitteln der DFG 2001-2005
Leitung: Karlheinz Barck, Marie Guthmüller, Sandra Mühlenberend, Erik Porath, Mai Wegener, Caroline Welsh
Christina Brandt
Paul Valéry hat Leonardo da Vinci als emblematische Figur einer
poietischen Wissenskultur bezeichnet. Gegen dualistische Modelle, die
einen Gegensatz von Natur und Geschichte, von Geist und Körper
konstruieren, lassen sich Leonardo-Effekte an den Grenzen einer
disziplinären Ordnung beobachten, die einen wissenschaftsgeschichtlichen
Blickwechsel jenseits der Trennung von Wissenshemisphären in Richtung
auf transversale Zugänge, auf Trennung und Vermischung ermöglichen.
Untersucht
wurden Leonardo-Effekte symptomatisch in vier exemplarischen
Konfigurationen. Eine diachrone Studie widmet sich der von der Romantik
ausgehenden Tradition poietischer und imaginärer Enzyklopädien (Novalis'
Vision einer Poetisierung der Wissenschaften), die den Gedanken
variieren, daß die "eigentlich unnatürliche Trennung der Poesie und
Wissenschaft"
(F. Schlegel) überwunden werden müsse. Der Roman wird
in dieser Tradition als moderne Form fiktiven enzyklopädischen Wissens
verstanden (Balzac, Flaubert, Musil, Joyce); Schriftsteller entwerfen im
20. Jahrhundert inter-mediale imaginäre Enzyklopädieprojekte (J. L.
Borges, H. G. Wells, G. Bataille, R. Queneau, B. Brecht, H. Mann, A.
Savinio) auf der Suche nach neuen Ordnungen des Wissens.
Drei
synchrone Studien haben Leitmetaphern und Denkfiguren als diskursive
Leonardo-Effekte und Zonen transversalen Wissens untersucht:
- um 1800 den Ort des sich konstituierenden disziplinären Wissens an der Schwelle von Histoire naturelle zur Naturwissenschaft in philosophischen und literarischen Schriften;
- um 1900 anhand der Diskursfigur des sogenannten psycho-physischen Parallelismus die Konfiguration eines "nervösen Zeitalters";
- um 2000 in der Debatte über die Lesbarkeit des Lebens und deren Literarisierung (Science Fiction) die biopolitischen Herausforderungen der dualistischen Wissensmodelle.
Publikationen
Trajekte-Buchreihe
Neuronen und Neurosen
Der psychische Apparat bei Freud und Lacan. Ein historisch-theoretischer Versuch zu Freuds Entwurf von 1895
Verlag: Wilhelm Fink Verlag, München, 2004
214 Seiten
ISBN: 978-3-7705-4003-7
Weitere Informationen
Monographien:
- Caroline Welsh: Hirnhöhlenpoetiken. Theorien zur Wahrnehmung in Wissenschaft, Ästhetik und Literatur um 1800. Freiburg i.Br., November 2003.
Kollektivband:
- Christina Brandt, Karlheinz Barck, Mai Wegener, Caroline Welsh: Leonardo-Effekte. Exemplarische Konstellationen aus der Trennungsgeschichte von Natur- und Geisteswissenschaften: 1800 - 1900 – 2000, erscheint München: Fink 2006
Herausgaben:
- Arthur Rimbaud, Mein traurig Herz voll Tabaksaft. Gedichte französisch-deutsch. Hg. und mit einem Essay "Rimbauds unbedingte Modernität" von Karlheinz Barck. Leipzig: Reclam 2003.
Aufsätze, Artikel:
- Karlheinz Barck: Science/Fiction im Werk von Werner Krauss, in: Werner Krauss. Literatur/Geschichte/Schreiben, hg. v. H. Hofer; T. Krüger; Ch. Riehn. Tübingen/Basel: Francke-Verlag 2003, S. 99–107.
- Karlheinz Barck: Connecting Benjamin: The Aesthetic Approach to Technology, in: Mapping Benjamin. The Work of Art in the digital Age. Ed. by H. U. Gumbrecht; M. Marrinan. Stanford. 2003, S. 39-44.
- Karlheinz Barck: Rezeptionsästhetik im Rückblick, in: W. Adam; H. Dainat; G. Schandera (Hg.): Wissenschaft und Systemveränderung. Rezeptionsforschung in Ost und West – eine konvergente Entwicklung? Heidelberg: Winter-Verlag 2003, S. 69–77.
- Karlheinz Barck: Literatur/Denken: Über einige Relationen zwischen Literatur und Wissenschaft, in: Perspektiven geisteswissenschaftlicher Forschung. Hg. v. Vorstand des Vereins Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin. Berlin 2003, S. 52–59.
- Karlheinz Barck: Estetica, scienza e/o sapere mondano?, in: Àgalma. Rivista di studi culturali e di estetica 6(2003). Rom, S. 25–30.
- Christina Brandt: Die kodifizierte Ordnung der Dinge. Zum Gebrauch von Metaphern in den Wissenschaften, in: M. Michel (Hrsg.): Fakt&Fiktion_7.0. Wissenschaft und Welterzählung. Die narrative Ordnung der Dinge. Zürich: Chronos Verlag 2003, S. 73-77.
- Christina Brandt: Die zwei (und mehr) Kulturen des „Klons“. Utopie und Fiktion im biowissenschaftlichen Diskurs der Nachkriegszeit, in: NTM. Zeitschrift fuer Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 17 (2009), 3, S. 243-275.
- Mai Wegener: Der psychophysische Parallelismus. Zu einer Diskursfigur im Feld der wissenschaftlichen Umbrüche des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in: NTM. Zeitschrift fuer Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 17 (2009), 3, S. 277-316.
- Mai Wegener: «Tout le reste est... littérature». Valéry und die Frage nach der Wissenschaft, in: Trajekte Nr. 6, 3. Jahrg., Berlin April 2003, S.38-43.
- Mai Wegener: Abschreibesysteme. Wilhelm Fließ’ Plagiatsaffäre, in: Trajekte Nr. 7, 4. Jahrg., Berlin September 2003, S. 4-9
- Mai Wegener, Lemma "unbewußt, das Unbewußte", in: K. Barck, M. Fontius, D. Schlenstedt u.a. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe, Stuttgart, Weimar: Metzler 2005
- Mai Wegener; Caroline Welsh: "Leonardo-Effekte: Wo Neues entsteht, da mischt es sich" im Jahresband der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin. Gekürzte Fassung in der Frankfurter Rundschau vom 31.08.2004, Nr. 202: S. 16 im 'Forum Humanwissenschaften' unter dem Titel: "Die Zwingburg der Begriffe zerschlagen"
- Caroline Welsh: Die „Stimmung“ im Spannungsfeld zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Ein Blick auf deren Trennungsgeschichte aus der Perspektive einer Denkfigur, in: NTM. Zeitschrift fuer Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 17 (2009), 2, S. 135-169.
- Caroline Welsh: Die Sirene und das Klavier. Vom Mythos der Sphärenharmonie zur experimentellen Sinnesphysiologie. In: B. Dotzler, H. Schmidgen, C. Weber (Hg.): Parasiten und Sirenen: Zwei ZwischenRäume. (Preprint 253 des MPI f. Wissenschaftsgeschichte. Berlin, Januar 2004, S. 57-85).


