Der Umbau hinter der Restauration. Eine Medienarchäologie der Nachkriegszeit
gefördert mit Mitteln der DFG 2005-2007
Leitung: Inge Münz-Koenen
Mitarbeiter: Oksana Bulgakowa, Justus Fetscher
Das Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Jahre 1945-1960 in Deutschland aus einer medienästhetischen und einer kulturkomparatistischen Doppelperspektive zu untersuchen. In drei Projektteilen gehen die BearbeiterInnen der Frage nach, ob sich hinter den immer noch dominierenden Negativdiagnosen namentlich der ‚restaurativen 50er Jahre‘ ein Netzwerk miteinander konkurrierender Medienkulturen verbirgt, das freizulegen 'archäologischer' Spurensuche bedarf. Forschungsleitend ist die Beobachtung, daß ein bisher unerkannter Widerspruch zwischen der Blindheit der Zeitgenossen für die Medialität der eigenen Praxis einerseits und der Blindheit der ab 1960 boomenden Medientheorien für die Nachkriegskulturen andererseits besteht.
Mediengeschichtlich betrachtet, sind dies jene Jahre, in denen die ‚traditionellen‘ Leitmedien der sogenannten Massenkultur - Hörfunk, Kinofilm und Presse - Hochkonjunktur haben, bevor mit den sechziger Jahren weltweit das Zeitalter der elektronischen Medien beginnt. Kulturgeschichtlich gesehen, bestand im Nachkriegsdeutschland eine einmalige Konstellation durch die Kopräsenz der vier alliierten Siegermächte mit ihren unterschiedlichen Leitkulturen, Mentalitäten, Erfahrungen und Traditionen. Weit differenzierter, als dies mittels der Ost-West-Konfrontationslogik zu erfassen wäre, ist mithin ein Schauplatz freizulegen, auf dem verschiedene Medienkulturen sich überkreuzten, miteinander konkurrierten, auf alle Fälle jedoch: interagierten. Die so entstehende deutsche Nachkriegskultur ist aus dieser Sicht gleichermaßen Produkt eines transkulturellen 'cross over' wie Resultat der 'mixed media' auf dem Stand der technischen Aufnahme- und Wiedergabeverfahren dieser Zeit.
Die drei Projektteile heißen:
- Zeit-Schriften. Das Jahrzehnt der Illustrierten (Inge Münz-Koenen)
- Hörfunk und Hörspiel 1945-1960 (Justus Fetscher))
- Lesbarkeit des Körpers im Film (Oksana Bulgakowa)
Die kulturgeschichtlichen Zuständigkeiten verteilen sich auf Germanistik (I.M.-K.), Komparatistk (J.F.) und Slavistik (O.B.).
Die
deutsche Nachkriegszeit wird zu einem medienästhetischen Gegenstand
unter der Voraussetzung, daß die auditiven, visuellen und audiovisuellen
Darstellungsformen als mediengenerierte verstanden werden. Hörspiele,
Bildzeitschriften und Kinofilme erzeugen aus dieser Sicht
Wahrnehmungsdispositive, die eine spezifische, technisch präformierte
Organisation der Sinne bewirken. Mit diesem Medienbegriff unterscheidet
sich das Projekt von Herangehensweisen, die unter 'Medium' ein
bedeutungsneutrales Transportmittel für Ideen, Botschaften, Texte oder
Informationen verstehen. Um die eingangs genannte Doppelperspektive zum
Tragen zu bringen, arbeiten die ProjektmitarbeiterInnen mit einem
Kulturbegriff, der auf die Untersuchung der Alltagskultur(en) gerichtet
ist. Auch dieser widerspricht der Selbstwahrnehmung dieser Zeit, die
ganz dem 'high culture'-Modell verpflichtet blieb. Unter der
Allgegenwart der Medien bilden sich dagegen Mikrokulturen aus (z.B.
Jugend-, Freizeit- und Musikkulturen), die ohne präformierte Bilder und
Töne nicht denkbar wären, aber nicht einfach entgegengenommen, sondern
tagtäglich praktiziert werden und mit charakteristischen images und
sounds (z. B. der 'fünfziger Jahre') den Lebenstil ganzer Generationen
prägen. Die Analysen in den drei Projektteilen konzentrieren sich auf
Inszenierungen von Massenwirksamkeit als Inszenierungen
apparategestützten Sehens und Hörens. Im Zentrum steht die mediale
Organisation der Sinne durch die auf das Un- und Vorbewußte wirkenden
Steuerung- und Interaktionsimpulse. Zusammengenommen markieren solche
Veränderungen einen Umbruch im kollektiven Wahrnehmungsvermögen, das
sich von der Dominanz der Lesekultur (der 'Gutenberg-Galaxis') und deren
logozentrischer Epistemologie löst, ohne bereits im Zeitalter der
elektronischen und digitalen Medien angekommen zu sein.
Das Projekt hat zwei Ergebnisformen:
- eine Kollektivmonographie unter dem Titel Post Scriptum. Eine Medienarchäologie der Nachkriegszeit
- eine Mulimedia-DVD mit kommentierten Bild-, Ton-, Text- und Filmdokumenten zum Thema.


