Narrative des Wahnsinns im großstädtischen Raum, 1900–1930
gefördert von der DFG 2009–2012
Leitung: Armin Schäfer
Forschungsverbund Kulturen des Wahnsinns (1870−1930). Schwellenphänomene der urbanen Moderne
Wenn die Literatur der klassischen Moderne traditionelle Erzählformen transformiert und neue Darstellungsweisen hervorbringt, spielen hierbei Wahnsinn und großstädtischer Raum eine entscheidende Rolle. In der Großstadt-Literatur konstituiert sich ein Wissen vom Wahnsinn, das wissenschaftliche Abhandlungen, Essays und literarische Texte gleichermaßen durchzieht und nicht hinreichend durch die Unterscheidung zwischen einer literarischen und einer wissenschaftlichen Kultur erfasst und dargestellt werden kann. Das Projekt untersucht ein Ensemble von rhetorischen Strategien, narrativen Verfahren und Erzählformen, das einerseits dazu beiträgt, den Wahnsinn verständlich zu machen und das Einmalige und Individuelle des Wahnsinnigen mit der Allgemeinheit von Krankheitseinheiten zu vermitteln. Und andererseits analysiert es, wie sich ein Wissen vom Wahnsinn, das in der Erkrankung eine unverständliche Realität sieht, mit literarischen Darstellungen überlagert, in der die Stadt keine kohärente und verstehbare Einheit mehr bildet: Was die psychiatrischen Texte als pathologisches Verhalten bestimmen, wird in den literarischen Texten zur Grunderfahrung der urbanen Moderne. Während die Narrative des Wahnsinns eine hermeneutische Perspektive in die Psychiatrie hineintragen, sich mit anderen Wissensformen überlagern und dazu beitragen, die Konzepte der psychopathischen Persönlichkeit und des psychopathischen Charakters auszubilden, bringen diese Narrative in der Literatur neue Erzählweisen hervor, die für eine Darstellung der urbanen Moderne grundlegend werden.
Das erkrankte Geschlecht. Medizin und Prostitution im Berlin des frühen 20. Jahrhunderts (Dissertationsprojekt)
Mitarbeiter: Stefan Wünsch
Die Dissertation verfolgt verschiedene Ziele. Zum einen soll
am Beispiel von sanitätspolizeilichen Kontrollen an Prostituierten im frühen
20. Jahrhundert untersucht werden, wie während dieser venerologischen
Inspizierungen sexuelle Differenzen hervorgebracht und wirkmächtig wurden. Das
Erkenntnisinteresse liegt auf der Berührung von Kontrollierendem und
Kontrollierter: In diesem Moment verschränkt sich unterschiedlichstes
disziplinäres Wissen von der Gynäkologie über die Kriminologie bis hin zum
modernen Städtebau und wirkt identitätsstiftend. Mit der Figur der
Prostituierten wird ein spezifisches Narrativ in den Mittelpunkt gerückt,
anhand dessen die Verbreitungs- und Zirkulationsmomente eines zu
historisierenden Wissens aufgedeckt werden sollen. Die Leitfrage ist hierbei:
Wie konstituierte sich ein geschlechtliches Selbst um die
Geschlechtskrankheiten? Oder allgemeiner: Wie werden in unserer Kultur Menschen
zu Subjekten gemacht?
Neben diesem inhaltlichen Anliegen der Studie soll auf der anderen Seite ihre
Form thematisiert werden. Gefragt wird, wie eine Arbeit verfasst werden kann,
die nicht nur Diskursformationen rekonstruieren will, sondern auch das eigene
Schreiben als Prozess von Wissensgenerierung stets mitreflektiert. Angestrebt
werden Darstellungsweisen, die dabei helfen, Formen disziplinärer
Wahrheitsansprüche abzubauen. Ziel ist es, eine textliche Collage zu erstellen,
mittels derer der Versuch unternommen wird, aus der Gebundenheit der eigenen
Disziplin herauszutreten und den offenen Text selbst als Angebot zum Dialog zu
begreifen, der zum Weiterdenken aber vor allem zum Weiterschreiben einlädt.
Publikationen
Armin Schäfer
»Spur und Symptom. Zur Erforschung der Handschrift in der Psychiatrie«, in: Barbara Wittmann (Hg.): Spuren erzeugen. Zeichnen und Schreiben als Verfahren der Selbstaufzeichnung, Berlin, Zürich: Diapahnes 2009, S. 21–38
»Souveränität und Moral im barocken Trauerspiel«, in: Maximilian Bergengruen, Roland Borgards (Hg.): Bann der Gewalt, Göttingen: Wallstein 2009, S. 387–421
»Existenzmöglichkeiten: Versuch über die Auflösung des sensomotorischen Schemas in Thomas Bernhards ›Amras‹«, in: Modern Austrian Literature 42/1, 2009, S. 45–61
»Biopolitik«, in: Roland Borgards, Harald Neumeyer (Hg.): Büchner-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, Stuttgart, Weimar: Metzler 2009, S. 176–181
»Erschöpfte Literatur. Über das Neue bei Samuel Beckett«, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 32/4, 2009, S. 329–344
»Die Wörter ihre Arbeit tun lassen: Jelineks Stimmen«, in: Thomas Eder, Juliane Vogel (Hg.): Lob der Oberfläche. Annäherungen an das Werk Elfriede Jelineks, München: Fink 2010, S. 7–16
Veranstaltungen
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19.11.2010
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