Narrative des Wahnsinns im großstädtischen Raum, 1900-1930
gefördert mit Mitteln der DFG 2009-2011
Leitung: Armin Schäfer
Forschungsverbund Kulturen des Wahnsinns (1870-1930). Schwellenphänomene der urbanen Moderne
Wenn die Literatur der klassischen Moderne traditionelle Erzählformen transformiert und neue Darstellungsweisen hervorbringt, spielen hierbei Wahnsinn und großstädtischer Raum eine entscheidende Rolle. In der Großstadt-Literatur konstituiert sich ein Wissen vom Wahnsinn, das wissenschaftliche Abhandlungen, Essays und literarische Texte gleichermaßen durchzieht und nicht hinreichend durch die Unterscheidung zwischen einer literarischen und einer wissenschaftlichen Kultur erfasst und dargestellt werden kann. Das Projekt untersucht ein Ensemble von rhetorischen Strategien, narrativen Verfahren und Erzählformen, das einerseits dazu beiträgt, den Wahnsinn verständlich zu machen und das Einmalige und Individuelle des Wahnsinnigen mit der Allgemeinheit von Krankheitseinheiten zu vermitteln. Und andererseits analysiert es, wie sich ein Wissen vom Wahnsinn, das in der Erkrankung eine unverständliche Realität sieht, mit literarischen Darstellungen überlagert, in der die Stadt keine kohärente und verstehbare Einheit mehr bildet: Was die psychiatrischen Texte als pathologisches Verhalten bestimmen, wird in den literarischen Texten zur Grunderfahrung der urbanen Moderne. Während die Narrative des Wahnsinns eine hermeneutische Perspektive in die Psychiatrie hineintragen, sich mit anderen Wissensformen überlagern und dazu beitragen, die Konzepte der psychopathischen Persönlichkeit und des psychopathischen Charakters auszubilden, bringen diese Narrative in der Literatur neue Erzählweisen hervor, die für eine Darstellung der urbanen Moderne grundlegend werden.
Dissertationsprojekt "Das erkrankte Geschlecht. Medizin und Prostitution im Berlin des frühen 20. Jahrhunderts"
Stefan Wünsch
Die
Dissertation verfolgt verschiedene Ziele. Zum einen soll am Beispiel
von sanitätspolizeilichen Kontrollen an Prostituierten im frühen 20.
Jahrhundert untersucht werden, wie während dieser venerologischen
Inspizierungen sexuelle Differenzen hervorgebracht und wirkmächtig
wurden. Das Erkenntnisinteresse liegt auf der Berührung von
Kontrollierendem und Kontrollierter, ein Moment in dem
unterschiedlichstes disziplinäres Wissen von der Gynäkologie über die
Kriminologie bis hin zum modernen Städtebau zusammenlief und
Identitätsstiftend wirkte. Mit der Figur der Prostituierten soll ein
spezifisches Narrativ in den Mittelpunkt gerückt werden, anhand dessen
die Verbreitungs- und Zirkulationsmomente eines zu historisierenden
Wissens aufgedeckt werden sollen. Die Leitfrage ist hierbei: wie
konstituierte sich ein geschlechtliches Selbst um die
Geschlechtskrankheiten oder allgemeiner, wie werden in unserer Kultur
Menschen zu Subjekten gemacht.
Neben diesem inhaltlichen
Anliegen der Studie soll auf der andern Seite ihre Form thematisiert
werden. Gefragt wird, wie eine Arbeit verfasst werden kann, die nicht
nur Diskursformationen rekonstruieren und Welt aus der Ferne erklären
will, sondern auch das eigene Schreiben als Prozess von
Wissensgenerierung stets mit reflektiert. Angestrebt werden
Darstellungsweisen, die dabei helfen, Formen disziplinärer
Wahrheitsansprüche abzubauen. Ziel ist es, eine textliche Collage zu
erstellen, mittels der der Versuch unternommen wird, aus der
Gebundenheit der eigenen Disziplin herauszutreten und den offenen Text
selbst als Angebot zum Dialog zu begreifen, der zum Weiterdenken aber
vor allem zum Weiterschreiben einlädt.


