26 Jul 2017

CfA: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte, Focus ›Diversity‹

Diversität ist ein aktueller Schlüsselbegriff, den man in den begriffsgeschichtlichen Wörterbüchern noch vergeblich sucht. Das am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung herausgegebene E-Journal Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte wird dem Diversitätsbegriff deshalb einen Themenschwerpunkt widmen. Es geht dabei vor allem um die Einbettung des Begriffs in einen größeren mentalitäts- und ideologiegeschichtlichem Zusammenhang, in dem an die Stelle der großen (Emanzipations-)Geschichten und universalistischer Werte die Privilegierung von Differenz(en) gesetzt wurde.
Einzelne Stränge und Zäsuren der Entwicklung dieses Begriffs sind bereits gut erforscht. Was uns als interdisziplinär orientiertes Journal besonders interessiert, sind Übertragungen zwischen verschiedenen Feldern (Politik, Kultur, Ökonomie, Biologie, Ökologie, Chemie), diskursive Knotenpunkte und Zäsuren, an denen sich bislang weitgehend getrennte Begriffsstränge vereinigen oder neue semantische Prägungen ältere Bedeutungen aufgesogen oder neu perspektiviert haben. Vor allem: Wie wird Diversität zwischen den Wissenschaften und dem öffentlich-politischen Diskurs ausgehandelt? Insofern in die wechselseitigen Übertragungen die Bedeutungen einer Fülle von Nachbarkonzepten einfließen, muss ›Diversität‹ als interdisziplinärer Verbundbegriff in seinen jeweiligen Vernetzungen mit anderen (wie Anerkennung, Multikulturalismus, Integration, Inklusion, Identität, Political Correctness) rekonstruiert werden. Auf Grund welcher diskursiven Verschiebungen, als Resultat welcher Aushandlungen entsteht eine Biologie und Gesellschaft zusammenschließende Maxime, wie sie etwa in der Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt der Vereinten Nationen von 2001 festgehalten ist, wonach kulturelle Vielfalt – als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität – für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur sei. Haben wir es hier mit einer Umfunktionierung der mit einem Emanzipationsversprechen verbundenen Begriffe sozialer Protestbewegungen zu tun? Und wie steht es um die Bewertung von Diversität in der Vormoderne?
Um den wesentlichen diskursiven Verschiebungen auf den Grund zu gehen, sind auch Untersuchungen zum Wortfeld (wie Verschiedenheit, Vielfalt, Vielheit, Mannigfaltigkeit) sowie zu Komplementär- und Gegenbegriffen (Einheit, Ganzheit, Allgemeinheit) wünschenswert. Lohnenswert sind ebenfalls Untersuchungen zu den aus der Antike stammenden lateinischen Ausdrücken wie diversitas, pluralitas oder varietas sowie zu nationalsprachlichen Unterschieden und internationalen Übertragungen und dem Auftreten von Ungleichzeitigkeiten und Differenzen in Übersetzungsprozessen (z.B. engl. diversity versus dt. Vielfalt].

Wir bitten bis 15.08.2017 um Themenvorschläge mit kurzem Abstract (ca. 1000 Zeichen) an: Ernst Müller, Email. Die fertigen Artikel (max. 40.000 Zeichen) sollen der Redaktion bis zum 31.10.2017 vorliegen. Die Ausgabe erscheint Ende 2017.