Prognostik und Literatur

  1. Projektbeschreibung

Programmförderung BMBF 2010–2013
Leitung: Benjamin Bühler, Stefan Willer

Das Projekt erforscht den systematischen Zusammenhang von Prognostik und Literatur anhand ausgewählter historischer Stationen von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Dabei wird Prognostik – wörtlich »Vor-Kenntnis« – als Zukunftswissen im doppelten Sinn verstanden: zum einen als Wissen von Zukunft (Zukunft als epistemischer Gegenstand), zum anderen als Wissen in Zukunft (Zukunft als epistemische Zeitlichkeit bzw. epistemischer Modus). Der spezifische Einsatz des Projekts liegt darin, dieses Wissen auf seine sprachliche Darstellbarkeit hin zu befragen, also eine futurische Epistemologie mit der Analyse futurischer Aussageweisen zu verknüpfen. Somit steht der Begriff der Literatur für das gesamte Spektrum futurischer Sprechakte, Rhetoriken und Schreibweisen, wie sie sich auch und gerade in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Zukunft aufweisen lassen. Der Ansatz des Projekts ist also wissenshistorisch und wissenspoetologisch.
Mit der Frage nach der Erkennbarkeit und Darstellbarkeit der Zukunft werden zentrale, gleichwohl häufig ausgeklammerte Aspekte von Wissen thematisch:

  • Zukunftswissen ist gemachtes Wissen, weshalb die jeweiligen Kulturtechniken (z.B. Opferschau, Traumdeutung, Szenario-Technik) und Poetologien (des Vorhersagens, Ahnens, Wünschens, Drohens usw.) in den Fokus rücken.
  • Aussagen über die Zukunft müssen autorisiertes Wissen sein, was von den jeweiligen Sprecherpositionen (z.B. Wahrsager, Prophet, Demograph) abhängt.
  • Die Einbettung von Aussagen über die Zukunft in Narrative (z.B. des Fortschritts oder der Degeneration) verleiht ihnen einen sinnstiftenden Rahmen und eine Evidenz, die ihre Glaubwürdigkeit steigert.
  • Zukunftswissen führt die Rolle von Fiktionen in der Wissenschaft vor: zum einen als Versuchsfelder für Hypothesen, Szenarien oder Gedankenexperimente, zum anderen als regulative Fiktionen, die zukünftiges Forschungshandeln konstituieren und legitimieren (etwa durch Investitionen in Forschungsrichtungen wie regenerative Energiequellen oder durch Erstellung neuer rechtlicher Rahmenbedingungen, z.B. für die Forschung an menschlichen Embryonen).
  • Mit Zukunftswissen stehen die Grenzen des Wissens von innen und von außen zur Debatte: Als Zone des Ungewissen thematisiert es, was überhaupt gewusst werden kann, und im Modus des Phantasmatischen überschreitet es das bekannte und gesicherte Wissen.
  • Da sich Prognostik letztlich weniger auf die zukünftige Gegenwart als vielmehr auf die jeweils gegenwärtige Zukunft richtet, zeigt sich an den vielfältigen Formen des Zukunftswissens die Rolle von Wissensordnungen für gesellschaftliche Selbstbeschreibungen.
  • Weil das Wissen in Zukunft immer wieder in sozialen Zusammenhängen zur Darstellung kommt und das Wissen von Zukunft im Horizont gegenwärtiger politischer Maßnahmen steht, manifestieren sich in der Prognostik Formen der Verknüpfung von Wissen und Politik.

In methodischer Hinsicht ist Zukunftswissen ein Modell für die historische und philologische Untersuchung der symbolischen Seite von Wissensproduktion. Ob Zukunft auf dem Feld der Biologie, Ökonomie oder Politik verhandelt wird: Die sprachliche Organisation und die historische Spezifik von Zukunftsszenarien und Kulturtechniken der Prognose erfordern einen textanalytischen Zugang, den die Literaturwissenschaft mit ihrem Instrumentarium für die Untersuchung narrativer Formen, rhetorischer Figuren und Fiktionen bereit stellt. Darüber hinaus markiert die Literatur einen bevorzugten Gegenstand der Untersuchung, denn sie entwickelt nicht nur Zukunftsszenarien in komplexen Erzählkonstruktionen, in ihr kann auch die Unterscheidung von gewissem und ungewissem Wissen in der Schwebe bleiben, womit sie die Grenzbedingungen von Wissen in den Blick rückt. In dieser wissenspoetologischen Perspektivierung gehören somit auch die einschlägigen prognostischen Gattungen zum Untersuchungsbereich des Projekts: Utopien, Dystopien, Science Fiction.

(Abb.: Friedrich Eduard Bilz: »Der Zukunftsstaat. Staatseinrichtung im Jahre 2000«, Leipzig: Bilz 1904)