Hans Blumenbergs Variationen auf das Ende der Theorie

Unterschreibt man die Diagnose vom »Ende der Theorie«, handelt man sich zwei gegenläufige Schwierigkeiten ein. Zum einen ermangelte einem im Falle des Endes der Theorie auch jede Theorie, die einem dieses Ende begreiflich machen könnte. Zum anderen bestand ein nicht unmaßgeblicher Teil jener Großtheorien, die nun passé scheinen, immer schon darin, bestimmte Enden zu verkünden (vom Tod des Subjekts bis hin zum Ende der Geschichte), inklusive des Endes der Theorie selbst. Das »Ende der Theorie« scheint demnach gleichermaßen theoretisch unzugänglich zu sein wie ein gängiger Modus ihrer Fortsetzung. Eine produktive Umgangsweise mit derlei Verlegenheiten findet sich in den Schriften Hans Blumenbergs. Ein gewisser Abschied von der Theorie lässt sich beobachten, wenn er von dem in der Legitimation der Neuzeit angestrengten Versuch abrückt, Geschichte als eine Ideengeschichte zu erzählen, wo die einzelnen Epochen durch Meisterdenker repräsentiert werden, die ein Geistergespräch führen. Irgendwann unternimmt er zwar immer noch einen Ritt über die Höhenkämme der Geistesgeschichte, jedoch nicht mehr, um die Verwandlung fundamentaler Gedankensysteme in den Blick zu nehmen, sondern die zumindest auf den ersten Blick minimalen Abweichungen bei der Rezeption ein und derselben Anekdote. Wenn sich Blumenberg allerdings bestimmten Metaphern, Bildern und Anekdoten zuwendet, dann niemals, um Theorie hinter sich zu lassen, sondern um sich Klarheit zu verschaffen über die Reichweite, die Leistungsfähigkeit, das Interesse an und die Legitimität von Theorie. So wird etwa im Lachen der Thrakerin über Thales, der während seiner Himmelsbeobachtungen in einen Brunnen fällt, die mutmaßliche Blindheit der Theorie verhandelt. Mit dem Lukrez-Bild vom Schiffbruch mit Zuschauer steht die Frivolität des Theoretikers in Frage, der sein Unbeteiligtsein an dem genießt, was Gegenstand der Theorie ist. In den Höhlenausgängen wird dem Verdacht nachgegangen, dass die Höhle, deren Ausgang Theorie weisen möchte, von ihr erst einmal fabriziert wurde, als ob man dadurch zum Einstieg ins Theoretisieren verführt würde, dass einem ein radikales Aussteigen versprochen werde.

Programmförderung Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2019
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