Camouflage. Landschaftslektüren zwischen Theater, Kunst und Krieg 1914–1945

Projektbeschreibung

Die technischen Entwicklungen, vor allem im Bereich der Aviatik und der Fotografie, ließen im Ersten Weltkrieg zum ersten Mal das systematische Ausspionieren des Gegners zur Kriegsstrategie werden. Durch die Aufklärungsfliegerei entstanden aus unzähligen Fotos zusammengesetzte panoramaartige Luftbildkarten der gesamten Frontlandschaft, die während des Krieges laufend aktualisiert wurden. Noch bevor Flugzeuge technisch dazu in der Lage waren, Bomben zu transportieren, wurde so der Blick von oben zur Gefahr. Diese neuen technischen Voraussetzungen veränderten die Militärstrategie grundlegend und machten im Ersten Weltkrieg erstmalig im großen Stil Tarnungsmaßnahmen erforderlich. Zu diesem Zweck wurden in allen kriegsbeteiligten Armeen spezialisierte Camouflage-Einheiten gegründet, für die gezielt Künstler, vor allem Maler und Bühnenbildner, rekrutiert wurden. Gerade die Experimente einiger Avantgardebewegungen – bis dahin zumeist eher als unpatriotisch diffamiert – ließen sich für patriotische Zwecke nutzen: Die Techniken des Brechens einer eindeutigen Perspektive, des Auflösens von Formen und Konturen, der Verschmelzung von Figur und Grund, bislang auf dem Gebiet des Künstlerischen erprobt, wurden nun für militärische Zwecke einsetzbar. Ebenso wichtig für die Camouflage waren auch die für das Theater so typischen Verfahren der Täuschung, Illusion, Maskierung und Verkleidung: Es entstand eine Art Kriegskulisse aus Attrappen und anderen illusionistischen Vorspiegelungen. Im Zweiten Weltkrieg zog man sogar Zauberer, als Illusionskünstler par excellence, zurate, um ganze Städte verschwinden zu lassen. Das Dissertationsprojekt fragt danach, auf welche Weise künstlerische Arbeitsweisen, Fragestellungen, Techniken und Experimentalanordnungen durch die Entwicklung der Camouflage in den dezidiert kunstfernen Bereich des Krieges hineinwirkten. In welchem Maße fungierten die Ateliers von Künstlern und Künstlerinnen als Laboratorium für den Krieg? Zudem will das Dissertationsprojekt den spezifischen Landschaftsbegriff und die Landschaftsimaginationen, die sich in den Tarnungstechniken der beiden Weltkriege widerspiegeln, ihnen zugrunde liegen oder durch diese gebrochen werden, analysieren. Dabei erweist sich die Kriegslandschaft als ein höchst deutungsbedürftiges und deutbares dynamisches Raumgefüge, das sich zwischen den unterschiedlich Beteiligten – den Kämpfenden, Betrachtenden, Gestaltenden, Manipulierenden und Erinnernden – ereignet.

2014–2016
Bearbeitung: Hannah Wiemer

Veranstaltungen

Vortrag
04.06.2015 · 14.00 Uhr

Hannah Wiemer: Deceiving the Enemy – Educating the Senses for War. The Camouflage School of the Royal Engineers in Kensington Gardens 1916–18

eikones NFS Bildkritik, Rheinsprung 11, 4051 Basel

weiterlesen