Jahresthema 2017/2018: Diversität

Projektbeschreibung

Diversität bedeutet Diverses: Das diversity management ist mehr und mehr verbindlicher Bestandteil von Organisationsstrukturen; ›biodiversity‹ wird in der UN-Dekade der biologischen Vielfalt zum politischen Schlüsselbegriff, der den Schutz der Natur mit ihrer nachhaltigen und gerechten ökonomischen Nutzung verschränken soll; politisch markiert ›diversity‹ den Respekt vor unterschiedlichen Identitäten und das Bemühen, allen Gruppen eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Aber just dieses Lob der Vielfalt wurde gegen diversitätspolitische Orientierungen ins Feld geführt, als im November 2016 in der New York Times im Anschluss an die US-Präsidentschaftswahlen die These aufgestellt wurde, dass »the fixation on diversity« mitentscheidend für ihr Ergebnis gewesen sei.

Den Herausforderungen der aktuellen Diversitätsproblematik wendet sich das ZfL mit seinem Jahresthema 2017/2018 zu. Den Auftakt dazu bilden drei auf unserem Faltblatt bzw. auf unserem Blog versammelte Beiträge. Ernst Müller und Falko Schmieder beleuchten einige Stationen der Geschichte des relativ jungen Begriffs und eröffnen Perspektiven auf die interdisziplinären Übertragungsprozesse – zwischen Biologie und Gesellschaftstheorie, zwischen ›Natur‹ und ›Kultur‹ –, die zu seiner gegenwärtigen Bedeutungsfülle und Aktualität beigetragen haben. Eva Axer zeigt am Beispiel Johann Gottfried Herders, dass die Frage nach der Einheit von kultureller Vielfalt und Mannigfaltigkeit schon im 18. Jahrhundert ein Problem darstellte und wie es damals durch Analogiebildungen von Natur und Kultur unter Rekurs auf die Vorstellung typischer Urformen gelöst wurde. Georg Toepfer fragt in seinem Beitrag zur Biodiversität, welche biologischen Konzepte den Diversitätsprogrammatiken von heute zugrunde liegen. Wie verhält sich biologische Wissensproduktion zu aktivistischem Naturschutz? Und welcher Darstellungstechniken bedarf es, um Fülle und Vielfalt des Lebenden sinnfällig zu machen?

Diversität darstellen: Der Titel der ZfL-Jahrestagung, die im Januar 2018 stattfindet, benennt das Interesse der Literatur- und Kulturforschung an diesem Thema. Es richtet sich auf die Perspektiven und Konstruktionsweisen, Formen und Formate, Narrative und Paradigmen, die Vielfalt ordnen oder Ordnung gerade zu vermeiden suchen. Das zu untersuchen, setzt eine vorläufige Distanzierung und Urteilsenthaltung voraus; nur so können die Darstellungsformen von Diversität überhaupt erst in der ihnen eigenen Diversität den Blick kommen. Unpolitisch ist diese Herangehensweise nicht, denn im Zentrum steht die Frage, wie Diversität zu einem normativen Konzept werden konnte und was das bedeutet.

Neben dieser Tagung widmen sich weitere ZfL-Veranstaltungen dem Jahresthema. Die Sommerakademie 2017 für den wissenschaftlichen Nachwuchs untersucht Genealogien der Diversität; eine für 2019 geplante interdisziplinäre Tagung erkundet das Konzept des Aussterbens – etwa biologischer Arten, bedrohter Sprachen, gesellschaftlicher Klassen oder literarischer Gattungen –; die Literaturtage fragen nach Sonderlingen als Figuren einer Singularität oder Partikularität, die sich entzieht.

Veranstaltungen

Jahrestagung des ZfL
11.01.2018 – 12.01.2018

Diversität darstellen

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum

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7. Internationale Sommerakademie des ZfL 2017
09.10.2017 – 12.10.2017

Genealogien der Diversität. Kontexte und Figurationen eines umstrittenen Konzepts

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et.

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Vortrag im Museum für Kommunikation
27.06.2017 · 18.30 Uhr

Matthias Schwartz/Dirk Naguschewski (ZfL): »Du bist Deutschland«. Diversität als Werbeziel

Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, 10117 Berlin

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