Entgrenzung der Mimesis. Ethnologie und Primitivismus im Collège de Sociologie und in den Ästhetiken und Poetiken von Georges Bataille, Roger Caillois und Michel Leiris

Projektbeschreibung

Gegenstand des Dissertationsprojekts sind die diskursiven Konstellationen rund um das Collège de Sociologie – jener Gruppe von dissidenten französischen Surrealisten, Schriftstellern und Intellektuellen rund um Georges Bataille, Michel Leiris und Roger Caillois, die zwischen 1937 und 1939 nicht mehr Literatur, sondern eine neue Form von Wissenschaft betreiben wollten, und mit der die gerade erst geborene französische Ethnologie bereits eine erste avantgardistische Volte schlug: Die selbsternannten »Sakralsoziologen« wollten die Paradigmen der französischen Ethnologie bzw. Religionssoziologie auf die europäische Moderne übertragen und machten sich auf die Suche nach religiösen bzw. »sakralen« Phänomenen der Gegenwart. Das Collège de Sociologie beschränkte sich jedoch nicht auf theoretische Analysen: Seine Teilnehmer übten sich nicht zuletzt darin, selbst zu »Schamanen« bzw. »Zauberlehrlingen« zu werden und machten damit die Gruppe zum Schauplatz einer mimetischen Aneignung der Ethnologie, welche zugleich als Versuch einer kritischen Revision der neuen Wissenschaft, wie auch als Inszenierung und Prozessierung eines zeitgenössischen Primitivismus verstanden werden muss. Den Fokus der Arbeit bilden dabei die Irritations- und Revisionsprozessen, die durch diese avantgardistische Aneignung der Ethnologie im Feld des Ästhetischen und Literarischen in Gang gesetzt wurden. Untersucht wird die im Rekurs auf ethnologische Kategorien wie das »Primitive«, »Sakrale« und religiöse bzw. »magische« Praktiken ermöglichte Reevaluation von Konzepten der ästhetischen und literarischen Moderne, an erster Stelle eine Neujustierung und ›Entgrenzung‹ der (Theorie und Praxis) der Mimesis. Damit schließt die Arbeit an jüngere Forschungen an, die nach den ästhetisch und literarisch produktiven Dimensionen des Primitivismus im 20. Jahrhundert fragen und macht dabei zugleich deutlich, dass die Periode des Collège de Sociologie für Bataille, Caillois und Leiris einen ästhetischen und literarischen Transformationsprozess ermöglichte, dessen Rekonstruktion schließlich auch eine neue Perspektive auf die ästhetiktheoretischen, poetologischen und literarischen Arbeiten der drei Autoren ermöglicht.

2011–2013
Leitung: Rosa Eidelpes

Veranstaltungen

Workshop
08.12.2012 · 10.00 Uhr

Kulturtheorie an den Rändern der Wissenschaft. Georges Bataille zum 50. Todestag

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum

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