Einheit und Vielfalt. Epospoetiken des Späthumanismus und der Frühaufklärung

Mit dem Aufstieg des Romans im 18. Jahrhundert beginnt eine Auseinandersetzung mit seiner Konkurrenz- und Schwestergattung, dem Epos. Zum einen dient das Epos dabei als Folie zur Beschreibung des Romans: Als Form objektiver Totalität (Hegel) steht das Epos dem die Formlosigkeit zum Prinzip erhebenden modernen Roman gegenüber, als Relikt einer Zeit, in der noch der »Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege« war (Lukács). Zugleich aber zieht die alte Gattung, die die Fülle der Welt noch in die Einheit dichterischer Form zu bringen vermochte, selbst das Interesse auf sich und wird, in der Nachfolge von F.A. Wolffs Überlegungen zur Homerischen Frage, zur autorlosen, dem Geiste des Volks direkt entspringenden Ur- und Gründungserzählung stilisiert. Die moderne Sicht auf das Epos ist damit von Grundannahmen geprägt, die für das antike oder mittelalterliche Epos noch keinerlei Gültigkeit besaßen.

Um die Entwicklung des Epos-Diskurses in der Moderne besser zu verstehen, aber auch, um mögliche alternative Genealogien des Epos zu finden, verfolgt das Projekt die um 1800 entstehenden Topoi von der epischen Totalität und der epischen Fülle zurück in die Zeit von 1550–1750. In Poetiken des Späthumanismus und der Frühaufklärung wird das Epos zunächst als eine Gattung gezeichnet, die auf die Darstellung kosmischer Einheit abzielt und zugleich die Fülle weltlicher Erscheinungen preist. Mit dem Aufkommen des Rationalismus in der Philosophie Leibniz‘ und seiner Nachfolger jedoch, der die Wirklichkeit als bloße Realisierung einer aus einer Fülle von Möglichkeiten denkt, erfährt das bis dahin der epischen Gattung zugrundeliegende Weltbild eine Relativierung. Die philosophischen Erkenntnisse führen nicht zuletzt auch zu einer Neubewertung der Bedeutung und Funktionen von Literatur. Von diesem neuen Literaturverständnis ausgehend erproben die Epospoetiken dieser Zeit die Möglichkeiten, die das neue Weltbild dem Epos für die Darstellung der Welt als kosmisches Ganzes eröffnet. Das Projekt verfolgt die Einflüsse rationalistischer Philosophie auf die Epospoetiken der frühen Neuzeit und untersucht, wie poetische Arbeiten selbst das Verständnis von Wirklichkeit beeinflussen und reflektieren.

Programmförderung Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2018–2019
Leitung: Maria Kuberg