Ikonische Präsenz. Die Evidenz von Bildern in den Religionen

Projektbeschreibung

Die ikonische Produktion erfolgt in den verschiedenen Religionen zwar auf unterschiedliche Weise, unterliegt aber dennoch ähnlichen Mustern, die erst im Vergleich an den Tag treten. Ikonische Präsenz ist vor allem eine Frage der menschlichen Bildpraxis, wie sie in Hans Beltings Bild-Anthropologie (2001) ausgearbeitet wurde. Das Projekt bezieht die Bildgeschichte(n) der Religionen und die Kunstgeschichte der Neuzeit gleichberechtigt aufeinander. Durch den multidisziplinären Forschungsansatz soll das Beispiel Europa in eine Anthropologie der menschlichen Bildpraxis integriert werden.
Hans Belting: Iconic Presence. The Evidence of Images in Religion (ausführliche Projektbeschreibung)

Beteiligte Institutionen und ihre Forschungsprojekte:

1. Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin
Projektleitung: Sigrid Weigel
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Johanna Abel
Kooperation: Martin Treml

Ikonische und Realpräsenz. Mediation in den Religionen

Ikonische Präsenz ist Präsenz im Bild und als Bild. Bereits die faktische Präsenz eines Bildes (seine Medialität) verweist auf die symbolische Präsenz, die an ihm gesucht wird. Im Kult erwirbt die Bildperson jene spezifische Form von Anwesenheit, die Körper besitzen. Mit ihr besetzt das Bild die Erfahrung von zeitlicher oder konstitutiver Abwesenheit. Diese wird in der ikonischen Präsenz sogar markiert, indem das Bild Abwesenheit, ohne sie zu leugnen, in eine andere Art von Anwesenheit verwandelt. Ikonische Präsenz verwandelt sich in den Religionen episodisch in Realpräsenz im Sinne einer inszenierten Erscheinung, bei der das Bild quasi Handlung ergreift.
Allgemein gesprochen, erfüllen Bilder in den Religionen das Verlangen nach Realpräsenz dessen, der im Bild herbei gerufen wird. Realpräsenz wird dabei im 'Hier' und 'Jetzt' des Bildes sinnlich erfahren. Die Rituale richten sich auf Bilder, die als Adressaten einer Kulthandlung auftreten. Diese Kulthandlung wird in den Religionswissenschaften als Mediation beschrieben (B. Meyer 2014).

Teilprojekt Johanna Abel:
Leibpräsenz im hispanischen Kultdrama: der Auto Sacramental im Spiegel einer bildanthropologischen Kulturwissenschaft

In den Fronleichnamsspielen des spanischen Barock, den Autos sacramentales, wurde das Sakrament der Eucharistie in einem multimedialen Spektakel zur öffentlichen Anschauung gebracht. Am Beispiel dieser religiösen Dramen sollen Kult- und Bildpraktiken betrachtet werden, mit denen die Anwesenheit des Göttlichen bzw. der ›magischen Kräfte‹ von Leib und Blut Christi vergegenwärtigt werden.

Aufgrund der ideologischen Militanz des gegenreformatorischen Spanien im Sinne einer Ecclesia triumphans und dem post-tridentinischen Beharren auf den ›wunderbaren Wahrheiten‹ der Kirche wurden die Autos sacramentales als ästhetisches Manifest der gescheiterten Konvivenz der drei Religionskulturen Judentum, Christentum und Islam bezeichnet. Die Ein-Akt-Dramen verbinden sich in der transkulturellen Literaturtradition der iberischen Halbinsel mit einem makrostrukturellen Verengungs- und Umkehrungsprozess von der Convivencia zur Limpieza de sangre (Blutreinheit). Von den mittelalterlichen Übersetzerschulen in Toledo führte der Weg in die frühe Neuzeit über eine konventionsübergreifende Lebenskunde wie der »Disciplina clericalis« schließlich 1492 nach außen in die Kolonialexpansion (Conquista) und als Korrelat innerer Eroberung (Reconquista) zur Vertreibung von Muslimen und Juden aus dem neuentstandenen katholischen Nationalreich.

Die Ikonizität der Transsubstantiation in der katholischen Festkultur Spaniens greift dadurch auch auf die Amerikas und Asien aus und wird als ›Figur des Europäischen‹ Bestandteil eines weltweiten Bildprogramms. Sie erfordert die Erarbeitung eines komplexen Bild- und Präsenzbegriffs, der zwischen den Aspekten von Darstellung, Handlung, Stasis, Bewegung, Visualisierung und Exegese vermittelt. Die allegorischen Dramentexte von Pedro Calderón de la Barca bis Juana Inés de la Cruz zeigen in ihrer speziellen Mischung aus Theologie und Poesie wie Kult und Bild mit literarischen Mitteln Präsenz verliehen wurde. Treten dabei Ritual und Theater durch die dramatische Animation der religiösen Bilder zu sprechenden und körperlich bewegten Allegorien in Konkurrenz? Oder potenzieren sie sich gegenseitig in ihrer Präsenzerzeugung?


2. Kolleg-Forschergruppe BildEvidenz. Geschichte und Ästhetik, Freie Universität Berlin
Sprecher: Klaus Krüger
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Henry Kaap
Assoziierte Wissenschaftlerin: Friederike Wille

Kunst und Religion in der Renaissance. Der Fall Venedig

Teilprojekt Henry Kaap:
Künstlermobilität und Transregionalität. Zur ästhetischen Struktur von Lorenzo Lottos Altargemälden


3. Centrum raně středověkých studií (Center for Early Medieval Studies), Masarykovy Univerzity Brno
Projektleiter: Ivan Foletti
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Zuzana Frantová

Walking to places with living images (Wege der Bilder und Wege zu den Bildern. Kulte und Pilgerstrassen)


Siehe auch:
Balzan Preis 2015 für Hans Belting

Interdisziplinäres Forschungsprojekt gefördert durch die Internationale Stiftung Preis Balzan 2015–2018
Leitung: Hans Belting (Preisträger und Projektleiter)

 

Logo der International Balzan Foundation

Veranstaltungen

Vortrag
28.11.2017

Johanna Abel: From Ritual to Theatre. Spanish Corpus Christi-plays between procession and stage

Center for Early Medieval Studies, Masaryk University, Veveří 470/28, 602 00 Brno (CZ)

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Workshop an der Freien Universität Berlin
19.01.2017 – 20.01.2017

Iconic Presence, Real Presence and Sacred Art

Freie Universität Berlin, verschiedene Veranstaltungsorte

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