Jeremia – Künder des Untergangs. Gedächtnisspuren bei Stefan Zweig und Franz Werfel

Zwei jüdische Schriftsteller, Stefan Zweig und Franz Werfel, nehmen den biblischen Propheten Jeremia in ihre Dichtung in Form eines Dramas (Zweig: Jeremias 1917) und eines Romans (Werfel: Höret die Stimme 1937) auf. St. Zweig und F. Werfel rekurrieren in unterschiedlicher Weise auf den biblischen Hypotext (Jer) und schaffen eine je eigene Form hyper- bzw. intertextueller Bezugnahme.

Jeremia stellt für die Darstellung der letzten 40 Jahre vor dem Untergang Jerusalems eine Kontrastfigur zu den religiösen, gesellschaftlichen und politischen Erschütterungen dar. Ein literarischer Blick in die Geschichte wird an jener Stelle produktiv, wo eine Gestalt wie der Prophet Jeremia im Prozess seines Nachlebens zur Lesbarkeit gelangt. Hieran knüpft sodann die Frage, welches Potential Literatur inmitten einer Kriegssituation (1917 bzw. 1937) als Mahnung und Warnung zu leisten vermag und warum Jeremia als Gedächtnisfigur aktualisiert wird. Den beiden Dichtern kann es scheinbar nicht darum gehen, eine Figur geschichtlich zu inventarisieren, sondern anhand dieser Gestalt (den Umständen) einer Zeit zu widersprechen. Die Transposition spiegelt sich auf einer doppelten Ebene, denn einerseits wird das Propheten-Narrativ strukturell, d.h. hypertextuell, transformiert (Roman, Drama); andererseits wird der historische Index dieser Gedächtnisspur neubestimmt.

Dieses Forschungsprojekt untersucht, wie die beiden Dichter aus dem biblischen Prätext einen Roman bzw. ein Drama transformieren. Der biblische Prophetentext (Jer) wird in seiner Eignung, Textstruktur und seinem Handlungsschema bestimmt werden. Beide Werke sind Transmodalisierungen des Hypotexts: während Werfels Roman eine intramodale Transmodalisierung im narrativen Modus darstellt, nimmt Stefan Zweig eine intermodale Transmodalisierung in Form einer Dramatisierung vor. »Wer ist (wie) Jeremia im 20. Jahrhundert?« soll gleichermaßen der zeitlichen Frage des Gedächtnisses vorstehen. Das Gedächtnis an die Vergangenheit erschließt sich weniger an einer historischen Faktizität, sondern in der Lebendigkeit jener Ereignisse, die auch Ausdruck des nicht Gelungenen, Verlorenen und Zerstörten sind und sich nicht als Glanz der Sieghaftigkeit des historisch bzw. evolutionär Gewordenen manifestieren. Franz Werfel und Stefan Zweig scheint daran zu liegen, an den kritischen Punkt von Verlust und Katastrophe zu erinnern, um dieses »Jetzt einer bestimmten Erkennbarkeit« (Benjamin, GS V.1, 578) – in einer neuen Konstellation – zu artikulieren.

2014–2016
Leitung: Lukas Pallitsch

Medienecho

30.12.2014
Zukunft der Wissenschaft: Der Literaturwissenschaftler Lukas Pallitsch

Radioportrait von Hanna Metzen, in: RBB Kulturradio, Sendung: Kulturradio am Vormittag vom 30.12.2014 (4:28 min), anhören (verfügbar bis 06.01.2015)