Kulturelle Semantik der Schwarzmeerregion

Projektbeschreibung

Das Erkenntnisinteresse des Projekts richtete sich auf den Schwarzmeerraum als einen Schauplatz der Verhandlung pluraler kultureller, religiöser und symbolischer Praktiken. Ziel war es, symbolische, imaginäre und affektive Besetzungen raumbezogener Topoi auf ihre Genese aus unterschiedlichen kulturellen Erbschaften – vor allem aus der Zeit des osmanischen und russischen Imperiums – zu befragen. Anders als in Westeuropa mit seiner dominanten römischen Erbschaft konnten im Schwarzmeerraum die wechselnden imperialen Überschreibungen die Spuren älterer Codierungen nicht tilgen.

Das Projekt untersuchte vor diesem Hintergrund in einer ersten Phase Raumsemantiken der Krim bei Krimtataren und Russen und ging hier der Frage nach, wie sich Krimtataren und Russen seit der russischen Eroberung der Krim 1783 auf die Halbinsel beziehen und welche kulturellen, historischen und räumlichen Zuordnungen sie hierbei vornehmen: Welche Kontinuitäten werden beansprucht, welche Zusammenhänge hergestellt? Welche historischen Traditionen werden besonders herausgestellt, welche hingegen vernachlässigt? Welche Orte, Personen oder historische Ereignisse werden mit besonderer symbolischer und/oder affektiver Bedeutung aufgeladen? Von besonderem Interesse war hierbei, dass Krimtataren heute nicht nur auf der Krim selbst, sondern auch in verschiedenen Regionen des Schwarzmeerraumes (Türkei, Rumänien) sowie in Mittelasien leben. An diesen Orten haben sie jeweils eigene, politisch und affektiv aufgeladene Sichtweisen auf die Krim entwickelt. Russische Perspektiven auf die Krim lassen sich nicht nur in administrativen Praktiken, sondern auch in der Belletristik ausmachen, wo man imperiale Zuschreibungen ebenso wie eine Verklärung der Halbinsel zum Sehnsuchtsort findet. Gegenstand der vergleichenden Untersuchung waren historiografische, publizistische und literarische Schriften von Krimtataren und Russen, in denen die Krim in geschichtliche und kulturelle Zusammenhänge gestellt wird. Ergänzend wurden auch Werke der darstellenden Künste (Filme u.a.) in die Betrachtung mit einbezogen. Das Projekt hat die historische und kulturelle Bedingtheit der unterschiedlichen Sichtweisen auf die Krim herausgearbeitet.
In einer zweiten Phase wurden kulturelle Semantisierungen des Schwarzen Meeres aus einer anderen geografischen Perspektive in den Blick genommen: Am Beispiel der türkischen Hafenstadt Trabzon wurde untersucht, wie sich Schwarzmeerimaginationen, die in verschiedenen Zeiten von unterschiedlichen Akteuren entwickelt wurden, überlagern, ergänzen, aber teilweise auch verdrängen. Trabzon ist nicht nur eine türkische und ehemals osmanische Hafenstadt, sondern war auch Sitz des gleichnamigen griechischen Reiches. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Stadt vorübergehend vom Russischen Reich erobert, und im 21. Jahrhundert gilt Trabzon zudem als eines der Zentren einer »türkischen Schwarzmeerkultur«, der im türkischen kulturellen Gedächtnis eine gewisse, teilweise auch ethnisch konnotierte Eigenständigkeit zugewiesen wird. Es wurde untersucht, ob und wie sich diese unterschiedlichen politischen und kulturellen Zugehörigkeiten auf die Vorstellungen vom Schwarzen Meer auswirkten, die in Trabzon entwickelt wurden.
Der Fokus auf zwei Regionen bietet über die bloß geografische Gegenüberstellung hinaus noch andere Vergleichsmöglichkeiten: Wie gehen Akteure mit vergleichbarem historischem Erbe (griechisch-byzantinisches Erbe bei gleichzeitig multiethnischer Bevölkerung; zahlenmäßig relevante türkische Bevölkerungen an beiden Orten) um?

Programmförderung BMBF 2014–2016

Veranstaltungen

Lecture
03.12.2015 · 11.15 Uhr

Sebastian Cwiklinski: The Islamists' View of the Balkans on the Eve of and During the First World War

Istanbul University, Avrasya Enstitüsü Salon (Türkei)

weiterlesen
Workshop
05.12.2014 – 06.12.2014

»Imperiale Emotionen«. Zur Konzeptualisierung ost-westlicher Affektkulturen angesichts der Ukraine-Krise

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Seminarraum 303

weiterlesen
Vortrag
27.05.2014 – 29.05.2014

Sebastian Cwiklinski: Das Khanat der Krim in der ukrainischen Forschung

Förderale Universität Kasan, Kremljovskaja Ul., Kasan 420008 (Russ. Förderation)

weiterlesen
Vortrag
14.03.2014 – 15.03.2014

Sebastian Cwiklinski: Diplomatie des Khanats der Krim in der russischen, polnischen, ukrainischen, türkischen und krimtatarischen Geschichtsschreibung

Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der Republik Tatarstan, 420111 Kasan, Baumanstr. 20

weiterlesen