Lazar Gulkowitsch: Schriften zur Begriffsgeschichte (Edition)

Projektbeschreibung

1937 veröffentlichte Lazar Gulkowitsch die erste Monographie, die sich überhaupt titelgebend mit der Begriffsgeschichte befasste: »Zur Grundlegung einer begriffsgeschichtlichen Methode in der Sprachwissenschaft«. Gulkowitsch, 1898 im Russischen Kaiserreich bei Nowogrudok geboren, war zunächst Talmudschüler. Nach Studium und Promotion in Königsberg war er bis 1933 Lektor für Geschichte des späten Judentums an der Leipziger Universität. Im Exil hatte er in Tartu (Estland) einen in Europa einzigartigen Lehrstuhl für jüdische Studien inne. 1941 wurde Gulkowitsch in Tartu von deutschen Truppen ermordet.
Die begriffsgeschichtliche Methode diente Gulkowitsch vornehmlich dazu, eine nahtlose Tradition des Judentums zu sichern. Das jüdische Volk, so Gulkowitsch, habe gezeigt, wie sich eine Kultur ohne Staatswesen entwickelt. Konkretisiert hat er seine Begriffsgeschichte in verschiedenen Arbeiten zum Begriff Hāsid (des Frommen, Gerechten), wobei er die These einer kontinuierlichen Entfaltung des Begriffs vom Alten Testament bis zum osteuropäischen Chassidismus entwickelte. Sein jüdisch geprägter Ansatz stand dabei in mehrfacher Hinsicht in Beziehung zur außerjüdischen Begriffsgeschichte.
Die 1930er Jahre waren international in verschiedenen Disziplinen eine Schwellenzeit für die Herausbildung der begriffsgeschichtlichen Methode (Otto Brunner, Erich Rothacker, die Annales-Schule und A.O. Lovejoys Great Chain of Being). Mehrere aus dem Judentum stammende Intellektuelle (Karl Mannheim, Ludwik Fleck, Richard Koebner, Marc Bloch), zogen in dieser Zeit aus der Historizität der Begriffe weitreichende Konsequenzen. Doch nur Gulkowitsch hat die Begriffsgeschichte konsequent auf die jüdische Geistes- und Kulturgeschichte angewandt. Im Unterschied zu anderen zeitgenössischen begriffsgeschichtlichen Überlegungen, die die Schwelle der Moderne betonen, versuchte er zu zeigen, dass es im Judentum keinen Bruch gegeben habe. Nahezu gleichzeitig mit parallelen Ansätzen der frühen Erforschung des Chassidismus bei Martin Buber, Simon Dubnow und Gershom Scholem arbeitete Gulkowitsch dessen Geschichte begriffshistorisch auf. Der Chassidismus war für ihn eine gleichermaßen geistige wie soziale, aber nichtstaatliche Erscheinung, die sich, zeitlich gesehen, in der von Koselleck untersuchten Sattelzeit (1750–1850) herausbildet. Gulkowitsch verstand sich in seiner Arbeit gleichermaßen als Philologe wie als Soziologe, der auch Registerwechsel (etwa des Hāsid-Begriffs von einer theologischen zu einer ethischen und sozialen Kategorie) zu beschreiben versuchte.
Im Mittelpunkt der Edition steht Gulkowitschs »Grundlegung einer begriffsgeschichtlichen Methode in der Sprachwissenschaft«. Ergänzend werden in einem Anhang weitere kürzere einschlägige Texte bzw. Ausschnitte anderer gedruckter und ungedruckter Schriften dokumentiert.
Die Edition erfolgt – in Zusammenarbeit mit Annett Martini (FU Berlin) – im Rahmen des Projektes Europäische Traditionen – Enzyklopädie jüdischer Kulturen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, das unter Leitung von Dan Diner am Leibniz-Institut für Jüdische Studien und Kultur – Simon Dubnow angesiedelt ist. Der Band erscheint in der Reihe Archiv Jüdischer Geschichte und Kultur.

gefördert durch die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig 2018–2021
Leitung: Ernst Müller, in Zusammenarbeit mit Annett Martini (FU Berlin)