Liminale Stimmen. Zur Kultur- und Wissensgeschichte nichtmenschlicher Vokalisierung um 1800 und 1900

Projektbeschreibung

Signum humaner Vernunft, Inbegriff tierlicher Sprachlosigkeit oder Ausweis maschineller Intelligenz? Die Stimme scheint sich anthropologischen Grenzbestimmungen sowohl anzubieten als auch zu verweigern. In ihrer Schwellenposition zwischen bedeutungslosem Laut und artikulierter Botschaft, Naturgeräusch und Sprachkultur, Tier, Mensch und Maschine eignet ihr ein bis heute wirkmächtiges Konfliktpotential, dem das Promotionsprojekt kultur- und wissensgeschichtlich nachgehen möchte.

Die Fokussierung der beiden Jahrhundertwenden als historische Ausgangspunkte der Untersuchung gründet in der Annahme, dass die 1784 von Wolfgang von Kempelen entwickelte Sprechmaschine und der 1877 von Thomas A. Edison erfundene Phonograph entscheidende Umbrüche im Umgang mit der Stimme markieren. Beide Medientechniken reagierten zum einen auf bereits bestehende Debatten um die genuine Menschlichkeit von Stimme und Sprache, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert im Austausch zwischen Philosophie, Literatur und den Naturwissenschaften ausgetragen wurden; zum anderen verhalfen sie denselben Debatten zu einem grundlegenden Neuanstoß: Indem Sprechmaschine und Phonograph, aber auch andere auditive Medientechniken wie Mikrophon und Echograph die Stimmen und Geräusche jenseits bzw. ober- und unterhalb menschlicher Artikulationsbedingungen und Wahrnehmungsschwellen hörbar werden ließen, sensibilisierten sie ihre Zeitgenossen für die Frage nach den Stimmen der Anderen, nach der Sprech- und Sprachfähigkeit von Tieren und Maschinen. Davon zeugen nicht allein die Sprachautomaten und sprechenden bzw. tönenden Tiere, welche sowohl in der romantischen als auch in der Literatur der Jahrhundertwende zahlreich auf den Plan treten. Auch im Rahmen philosophischer und naturwissenschaftlicher Wissensdiskurse und -praktiken wurden tierliche und maschinelle Stimmen wirkungsvoll inszeniert. Während die um 1800 entwickelten Techniken der künstlichen Reproduktion kreatürlicher Stimmen Einblicke in deren (artspezifische) Funktionsmechanismen geben sollten – sei es im Kontext von Experimentalphonetik und Sprechmaschinentechnologie, sei es innerhalb der Sprachevolutionsdebatte und der in diese eingebetteten vergleichenden Anatomie und Physiologie der Stimmbildung –, rückten mit der um 1900 sich etablierenden Tierphonographie Verfahren der medientechnischen Aufzeichnung, Darstellung und Deutung von Tierstimmen in den Mittelpunkt des Interesses.

 Das Promotionsprojekt fragt nach den epistemischen und ästhetischen Zugriffen, den anthropologischen Irritationen und nicht zuletzt den politischen Visionen, welche sich mit der Erkundung nichtmenschlicher Vokalisierung verbanden. Inwieweit wurden die Grenzen dessen, was um 1800 und 1900 als human, animalisch oder mechanisch galt, über die wissenschaftliche und kulturelle Arbeit an und mit nichtmenschlichen Stimmen verhandelt? Welche Rolle spielten die sensorisch-epistemischen Entzüge der Stimme für jene Grenzarbeit? Welche wiederkehrenden Gesten, Deutungsmuster und Problemkonstellationen durchziehen die Kultur- und Wissensgeschichte nichtmenschlicher Vokalisierung? Und schließlich: Inwiefern lässt Letztere eine Geschichte der Stimme aufscheinen, welche der engen Verflechtung menschlicher und nichtmenschlicher Stimmen Rechnung trägt?

2014–2015
Bearbeitung: Denise Reimann

Veranstaltungen

Workshop
27.11.2015 – 28.11.2015

Zirpen, Bellen und Trompeten. Tierlaute in der Medien-, Literatur- und Wissensgeschichte

Universität Luzern, Frohburgstr. 3, 6002 Luzern (Schweiz) Hörsaal 8

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