Belebte Häuser. Literarische ›Biotekturen‹ des 20. und 21. Jahrhunderts

Projektbeschreibung

Als gebauter Übergang zwischen Ich und Welt hat das Haus von jeher den Blick von Denkern und Literaten auf sich gezogen. Seine Mauern schirmen die Bewohner von einem potentiell feindlichen Außen ab (Heidegger) und bilden einen Raum der »beschützten Innerlich­keit« (Bachelard). Gleichzeitig ist das Haus dem Menschen nicht nur Behausung, sondern regelrecht »Gehäuse« (Benjamin). Doch was geschieht, wenn das Haus nicht nur bewohnt, sondern ›belebt‹ erscheint? Wenn sich die architektonische Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen dem Ich und der Welt verlebendigt? Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit literarischen Erzähltexten des 20. und 21. Jahrhunderts, in denen das Haus eine Art Eigenleben entwickelt – indem es beispielsweise atmet oder verfault, seine Lage, Form oder Größe verändert, seine Bewohner aus sich ausstößt oder sich gar zur Erzählinstanz aufschwingt.

Während sich die Forschung in erster Linie auf Werke des 19. Jahrhunderts konzentriert hat, und fiktionale Häuser- und Innenraumdarstellungen bislang meist als Ausdruck eines Ich bzw. als Projektionsfläche seelischer Zustände der Figuren untersucht worden sind, ist die Ausrichtung dieses Projekts eine andere. Die Texte des Dissertationskorpus (u.a. Boris Vians Roman L’Écume des jours, Julio Cortázars »Casa tomada«, Ilse Aichingers »Wo ich wohne«, J.G. Ballards High-Rise und Brittani Sonnenbergs Home Leave) brechen mit der übermächtigen Position eines Ich, das Dinge – in diesem Fall: Häuser – zu animieren vermag. Damit verschiebt sich der Fokus von der Beseelung (bspw. bei der Heimsuchung durch Geister in Spukhauserzählungen) auf eine Belebung bzw. Lebendigkeit des Hauses. Der Arbeitsbegriff der ›Biotektur‹ soll helfen, diese Verschränkung von Lebendigem und architektonisch Konstruiertem in den Blick zu nehmen.

Ziel der Arbeit ist es, die narrativen und rhetorischen Mittel, anhand derer die Belebung in den Werken jeweils erzeugt wird, herauszuarbeiten und zu kontrastieren. Zentral ist dabei die Frage, wie sich die Belebung und Ermächtigung des Hauses auf seine Bewohner auswirkt, wie also die Texte das Verhältnis zwischen Ich und Haus – und somit auch zwischen Ich und Welt – entwerfen und dabei die Grenze zwischen Lebendigem und Unbelebtem verwischen.

2017–2019
Bearbeitung: Lena Abraham