An der Grenze des Obszönen. Realismus, Profanierung, Ästhetik

Projektbeschreibung

Das Projekt untersucht den Begriff des Obszönen und seine Bedeutung für den deutschsprachigen Realismus zwischen 1855 und 1926. Trotz der spärlichen aber ausschlaggebenden Anwesenheit des Terminus des ›Obszönen‹ in der Philosophie und Theorie beschränken sich die meisten bisherigen Auseinandersetzungen mit diesem Begriff entweder auf kulturkritische Provokationen oder geschichtlich-juridische Arbeiten zur Pornographie, Zensur und Moral. Insofern setzen sie auch eine Definition des Obszönen voraus, etwa als (sexueller) Tabubruch und Darstellung der Lüsternheit.

Im Gegensatz zu solchen Ansätzen unternimmt dieses Projekt als Erstes eine kritische Genealogie des Obszönen an sich. Das Obszöne ist nämlich ein roter Faden in der Phänomenologie und Ästhetik des 20. Jahrhunderts, der u. a. auf die Literaturkritik sowie -praxis der Gründerzeit und deren Versuche, die Welt aus der Sicht menschlicher Erkenntnisse festzulegen, zurückgeht. Anhand dieser Genealogie wird argumentiert, dass das Obszöne weniger als ein bloßes Synonym für das sexuell Schlüpfrige oder das Skatologische, sondern vielmehr als ein Darstellungs- und Erkenntnismodus verstanden werden sollte. Es ist ein Name für das unheimliche Beharren der Sinnenwelt innerhalb einer aggressiv anthropozentrischen Kultur und eine Reaktion auf den vermeintlichen Exzess der Erscheinung jenseits oder außerhalb dessen, was in einen Bedeutungsrahmen aufgenommen werden kann.

Diese Neubewertung des Obszönen als besonders phobische Ausdrucksweise für das, was Schiller mal »Sinnlichkeit ohne Seele« genannt hat, ermöglicht darüber hinaus eine erneute Erwägung der Rolle des Obszönen jenseits von Fragen inhaltlicher Unsittlichkeit im sogenannten ›poetischen Realismus‹ und seinen literaturgeschichtlichen Erben. In Kapiteln zu Stifter, Freytag, Fontane, Holz, Benn und Kafka wird entfaltet, wie diese Autoren in ihren Werken versuchen, gegen das Obszöne anzusteuern bzw. sich damit auseinanderzusetzen. Durch diese Lektüren wird gezeigt, dass das Obszöne das Gespenst ist, das das ästhetische und epistemologische Programm des deutschen Realismus heimsucht, die Kehrseite seiner humanistischen Versprechen, die Fremdheit der Außenwelt ein für allemal zu erfassen.

Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung 2017–2018
Leitung: Erica Weitzman