Reden über Lyrik

Theodor W. Adornos vermeintliches Verdikt über die Unmöglichkeit, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben ist mit Sicherheit eine der radikalsten Aussagen zum Stand der Lyrik nach dem Zweiten Weltkrieg. »Es ist schon längst nicht mehr möglich, die Gattungsgesetze der Lyrik zu bestimmen«, schreibt Emil Staiger 1952. Während der Literaturwissenschaftler mit der von ihm eingeführten Differenzierung von ›Lyrik‹ und ›Lyrischem‹ dazu ansetzt neue Bestimmungsmöglichkeiten für Lyrik zu etablieren, versucht Paul Celan solche Zuschreibungen mit seinen Gedichten beständig auszuhebeln. Weiter angefacht wird die Diskussion über die Möglichkeiten von Lyrik in den folgenden Jahren nicht nur durch berühmte Autoren und Autorinnen wie Ingeborg Bachmann, Paul Celan und Gottfried Benn, sondern auch durch institutionalisierte Foren wie die Frankfurter Poetikvorlesung, die seit dem Wintersemester 1959/1960 regelmäßig stattfindet. Vorbild sind die traditionsreichen »Chairs of Poetry« aus England und den USA, doch in Deutschland wird die Vorlesungsreihe mit der Hoffnung begründet, ethische und ästhetische Fragen behandeln und klären zu können.

Ziel des Promotionsvorhabens mit dem Arbeitstitel Reden über Lyrik ist es, die besondere Rolle der Lyriker und Lyrikerinnen in der Geschichte der Frankfurter Poetikvorlesungen herauszuarbeiten. Dabei soll keine Literaturgeschichte dieser spezifischen Poetikdozentur geschrieben werden, im Fokus der Arbeit stehen vielmehr allgemeine Fragen nach der Form von Reden über Lyrik in einer Poetikvorlesung, deren Status zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit oszilliert und die auf diese Weise in einem besonderen Spannungsverhältnis zu ihrem lyrischen Gegenstand steht. Untersucht wird deshalb der Umgang mit dem ›lyrischen Ich‹ in der poetischen Praxis, sowie mit an die Sprache gebundenen Subjekttheorien, die auch das Format der Poetikvorlesung berühren. Aufschlussreich ist vor allem der Kontrast zwischen dem Versuch der modernen Lyrik nach 1945, das lyrische Ich und somit vermeintlich jegliche Ideologie aus der Lyrik zu verbannen, und der zunehmenden Präsenz des Autors oder der Autorin im öffentlichen Raum. Zuletzt widmet sich die Arbeit Fragen der Adressierung, die durch den Begriff der »Vorlesung« provoziert, aber von den Dozenten und Dozentinnen ungern erfüllt werden.

Elsa-Neumann-Stipendium des Landes Berlin 2016–2018
Bearbeitung: Insa Braun

Veranstaltungen

Vortrag
19.04.2018 · 13.15 Uhr

Insa Braun: »Ich ohne Gewähr«. The Absent Subject in Ingeborg Bachmann’s Frankfurt Lectures on Poetics

Yale University, Department of German, William L. Harkness Hall (WLH), 100 Wall St, New Haven, CT 06511 (USA), Room 309

weiterlesen