Strategien der Monumentalisierung. Goethe und die augusteische Liebeselegie

Goethe ist ein Monument. Statuen zieren Grünanlagen größerer Städte auf der ganzen Welt, Plätze, Straßen und Gebäude tragen Goethes Namen. Lehr- und Spielpläne, selbst das zeitgenössische Kino arbeitet sich am ›Olympier‹ ab. Die göttliche Gestalt in Weimar und dessen »Alleinherrschaft in der deutschen Literatur« beschäftigten schon Heinrich Heine in seiner Romantischen Schule (1836). Nach dem Urteil des selbsttitulierten ›letzten Romantikers‹ liegt die Etablierung der »Goetheschen Kaiserzeit« in der Individualisierung und buchstäblichen Nominalisierung begründet: »Man sprach nicht mehr von Romantik oder klassischer Poesie, sondern von Goethe und wieder von Goethe.« Der Fremdmonumentalisierung liegt eine Selbststilisierung Goethes als literarische Autorität zugrunde. Dadurch lebt er als kulturelles Denkmal weiter, Schreibweisen arbeiten sich an ihm ab, er ist ins kulturelle Gedächtnis übergegangen. Um es mit Aleida Assmann zu sagen: »Kultur als Monument meint diese Seite der Kultur, die sich inszeniert, die sich für die Mit- und Nachwelt zur Schau stellt, die gesehen, bewahrt, erinnert sein will.« Bezogen auf die Literatur schließen solche Überlegungen zur Inszenierung der eigenen (Literatur-)Geschichtlichkeit an das Ewigkeitspostulat an, welches schon in antiken Texten – hier seien Horaz und Ovid hervorgehoben – beständiges Reflexionsmoment von Dichtung war.

In meiner Dissertation möchte ich den Strategien dieser Inszenierung nachgehen. Dabei werden nicht die aufwendigen Archivierungen der Briefe und Zeugnisse oder gar Eckermanns Gespräche mit Goethe (1836) in den Blick genommen, sondern die Römischen Elegien (1795). Es erscheint lohnenswert, die Implikationen der ästhetischen Neuausrichtung nach der Italienreise unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten. Der Zyklus fragt nach der Aneignung Roms, des in der Tradition unendlich beschriebenen Topos. Dabei transformiert er als moderne Liebeselegie die amores des augusteischen Kanons. Strukturelemente werden aufgegriffen, umgedeutet, ironisch gebrochen oder affirmiert. Die Dichtung der augusteischen Zeit – so die zugespitzte These – wird genutzt, um mithilfe der Reflexion über die Verewigung von Dichtung und Dichter die Goethezeit zu begründen.

Die Römischen Elegien stellen also ein tragendes Element des Goethe-Denkmals dar. Der Zyklus könnte so als Ausdruck einer aneignenden Kulturpolitik gelesen werden, die dann das klassizistische Projekt im Ganzen perspektivierte. Betrachtet man im Gegensatz dazu aber das konstitutiv brüchige elegische Distichon, das polyphone Sprechen des Ich, aber auch die intensive Auseinandersetzung mit der fluiden Metamorphose zu dieser Zeit, spiegelt sich im Text das nie feste Ausbalancieren von Gegensätzen. Kann auf diesem ›unsicheren Terrain‹ ein Monument fußen? Und wofür steht das Denkmal? Wird der spätere Nationalautor vor einer imaginären Nation entworfen oder der Versuch unternommen, eine Art ›Weltautor‹ zu konstruieren?

2017–2019
Bearbeitung: Jakob Gehlen