Figuren des 'Sakralen' in der Dialektik der Säkularisierung
gefördert mit Mitteln der DFG 2000-2005
Leitung: Ernst Müller, Martin Treml, Daniel Weidner, Sigrid Weigel
In seiner engeren Bedeutung bezeichnet der Begriff der Säkularisierung die Übertragung kirchlicher Güter an den Staat. Wo er über diesen religionssoziologischen und kulturhistorischen Aspekt hinausgeht, umfaßt er v.a. Fragen der Geschichtsphilosophie: die Übertragung von Rechten bzw. der Souveränität überhaupt auf weltliche Institutionen oder Personen, die Kontroverse um die 'Legitimität der Neuzeit' (H. Blumenberg), das Konzept der historischen Zeit bzw. die Kategorie 'Weltgeschichte' gegenüber dem Heilsgeschehen (K. Löwith), das Konzept der Theokratie sowie im Anschluß daran Fragen der Politischen Theologie. Demgegenüber werden im Projekt auf literaturtheoretischer, philosophiehistorischer und religionswissenschaftlicher Grundlage Überlegungen zur Säkularisierung als Praktik und Rhetorik angestellt.
Gegenstand ist nicht (1) die Betrachtung religiöser Texte als Literatur (z.B. Poetik religiöser Texte, Stilistik und Formgeschichte biblischer und religiöser Texte etc.) und auch nicht (2) die Funktion von Kunst oder anderer kultureller Formen als Religion (Programme von Kunstreligion, auch Medientheologie, Technokult oder Sport als 'neue Religion' – wie überhaupt alle 'quasi-religiösen' Phänomene).
Vielmehr soll es um die Untersuchung der differenzierten und vielgestaltigen Sphäre des Übergangs und der Übertragungen in der Dialektik der Säkularisierung gehen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Transformation von Bedeutungen am Übergang zwischen Religiösem und Profanem anhand von kulturellen Deutungsmustern, Wissenspraktiken, von Schreibweisen und ästhetischen Verfahren.
Das Hauptaugenmerk richtet sich (1) auf jene Spuren und Zeugnisse, in denen Bezugnahmen auf Reste von und Erinnerungen an biblische, religiöse und göttliche Momente im Denken und an daran gebundene Vorstellungen von Schrift, Bild, Stimme zum Ausdruck kommen, (2) andererseits auf Momente der verwandelten oder entstellten Wiederkehr als des 'Nachlebens' (A. Warburg) religiöser Bedeutungen und auf Figuren der Resakralisierung in einer entzauberten Moderne bzw. in einer 'Welt ohne Gott'. Diese finden ihren Ausdruck vornehmlich in Verfahrensweisen, die als Metamorphosen und Maskierungen einer oktroyierten oder als normativ erwarteten Konversion zu analysieren sind (vgl. Maranentum und maranische Schreibweise), als Schreiben und Denken zwischen zwei Sprachen, das sich zugleich zwischen Religion und Philosophie wie auch zwischen Offenbarung und Aufklärung situiert (Moses Mendelssohn), als explizite Doppelreferenz auf die Hegelsche Kategorie der Weltgeschichte und das Buch Gottes (Heinrich Heine) bzw. als Doppelbildung von klassisch-antikem und religiösem Wissen, wie es für viele Gelehrte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts typisch ist (z.B. Jacob Bernays, Aby Warburg, Sigmund Freud), oder als Übertragung religiöser Topoi in die Kultur der Moderne (z.B. Walter Benjamins 'profane Erleuchtung').
Schließlich und nicht zuletzt zählen dazu auch Übertragungen im buchstäblichen Sinne, d.h. Übersetzungen religiöser Texte sowie Übersetzungstheorien, die das 'normale' Problem von Übersetzungen insofern überschreiten, als sie den Wechsel nicht nur zwischen zwei unterschiedlichen (National-) Sprachen, sondern zwischen vollkommen differenten Schrift- und Bedeutungskonzepten betreffen.
Publikationen
Monografien:
Ernst Müller, Andrea Schatz, Martin
Treml, Daniel Weidner, Sigrid Weigel,: Übersetzungen, Konversionen,
Maskierungen. Zur Dialektik der Säkularisierung um 1800, erscheint
2006/07
Ernst Müller, Martin Treml, Daniel Weidner, Sigrid
Weigel: Figuren des Sakralen. Aufsätze zur Dialektik der
Säkularisierung, erscheint 2006/07
Ernst Müller: Kunstreligion
und ästhetische Religiosität. In den Philosophien von der Aufklärung bis
zum Ausgang des deutschen Idealismus, Berlin: Akademie-Verlag 2004.
Sigrid
Weigel: Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte. Schauplätze
von Shakespeare bis Benjamin, München/Paderborn: Fink Verlag 2004.
Herausgaben:
Gershom Scholem. Literatur und Rhetorik. Hg. v. Sigrid Weigel, Stéphane Mosès. Köln 2000
Franz Rosenzweig, Zur jüdischen Erziehung. Drei Sendschreiben. Hg. v. Daniel Weidner (mit Nachw.). Berlin: JVB 2002.
Max Wiener, Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation. Hg. v. Daniel Weidner (mit Nachw.). Berlin: JVB 2002.
Aufsätze, Artikel:
Ernst
Müller: Säkularisierung als Verwindung der Metaphysik (Gianni Vattimo).
In: Trajekte. Newsletter des Zentrums für Literaturforschung Berlin.
Heft 8, 4. Jg., April 2004, S. 46 f.
Ernst Müller: Zur Modernität
des Religionsbegriffs in der 'Phänomenologie des Geistes'. In: Andreas
Arndt / Ernst Müller (Hg.), Hegels Phänomenologie heute (Deutsche
Zeitschrift für Philosophie, Sonderband), Berlin: Akademie-Verlag, 2004,
S. 176-193.
Ernst Müller: (Art.) religiös, Religiosität,
Religion. In: Karlheinz Barck u.a. (Hg.): Ästhetische Grundbegriffe.
Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 5, Stuttgart und Weimar:
Metzler, 2003, S. 227-264.
Ernst Müller: (Art.) mythisch, Mythos,
Mythologie. In: Karlheinz Barck u.a. (Hg.): Ästhetische Grundbegriffe.
Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 4 (Medien – Populär),
Stuttgart und Weimar: Metzler, 2002, S. 309-346.
Ernst Müller:
Kants Symbolbegriff in Ästhetik und Religionstheorie. Zum Ursprung des
Begriffs in den 'Träumen eines Geistersehers'. In: Volker Gerhardt, Rolf
Horstmann und Ralph Schumacher (Hg.): Kant und die Berliner Aufklärung.
Akten des 9. Internationalen Kant-Kongresses des Instituts für
Philosophie der Humboldt Universität zu Berlin und der Kant-Gesellschaft
e.V. 26. bis 31. März 2000 in Berlin. Berlin, New York: de Gruyter,
2001, Bd. 3, S. 929-940.
Ernst Müller: Die 'verschleierte Isis'
der Vernunft. Kants Ästhetik und die Depotenzierung der Religion. In:
Deutsche Zeitschrift für Philosophie (1999), Heft 4, S. 553-571.
Ernst
Müller: 'Gerichtsbarkeit bis in die verborgensten Winkel des Herzens'.
Ästhetische Religiosität als politisches Konzept bei Kant - Schiller -
Humboldt. In: Karlheinz Barck, Richard Faber (Hg.): Ästhetik des
Politischen - Politik des Ästhetischen. Würzburg: Köngshausen und
Neumann, 1999, S. 121-133.
Ernst Müller: Beraubung oder
Erschleichung des Absoluten? Das Erhabene als Grenzkategorie
ästhetischer und religiöser Erfahrung. In: Jörg Herrmann, Andreas
Mertin, Eveline Valtink (Hg.): Die Gegenwart der Kunst. Ästhetische und
religiöse Erfahrung heute, hg. von, München: Fink, 1998. S. 144-164.
Ernst
Müller: Religion als 'Kunst ohne Kunstwerk'. Friedrich Schleiermacher
Reden 'Über die Religion' und das Problem ästhetischer Subjektivität.
In: Wolfgang Braungart, Gotthard Fuchs, Manfred Koch (Hg.): Religiöse
und ästhetische Erfahrung. I: um 1800. München, Wien, Zürich: Schöningh,
1997, S. 149-165.
Martin Treml: Judentum als Schlüssel zur
Religions- und Kulturtheorie. In: Trajekte. Newsletter des Zentrums für
Literaturforschung Berlin. Heft 8, 4. Jg., April 2004, S. 12-15.
Martin Treml: 'Wildes Denken' als Theologie (Slavoj Žižek) . In: ebd., S. 47.
Martin
Treml: Warburg, ein unbekannter Kontinent. In: Kunsthistoriker aktuell.
Zeitschrift des Verbandes österreichischer Kunsthistorikerinnen und
Kunsthistoriker 20 (2003). H. 2, S. 5.
Martin Treml: Biographie
als Reparation. Geschichte eines ungeschriebenen Buches über Aby
Warburg: G. Bings Korrespondenz mit dem Hamburger Senat. In: Süddeutsche
Zeitung. 8. Dezember 2003. S. 16 (zus. m. Thomas Meyer).
Martin
Treml: Mimesis in Palästina. Zwei Briefe von Erich Auerbach und Martin
Buber. In: Trajekte. Newsletter des Zentrums für Literaturforschung
Berlin. Heft 2, 1. Jg., April 2001, S. 4-7 (zusammen mit Karlheinz
Barck).
Daniel Weidner: Scripture and Secularization. Johann
Gottfried Herder's Reading of the Bible, in: New German Critique
(erscheint 2004).
Daniel Weidner: Säkularisierung als Beobachtung
zweiter Ordnung (Niklas Luhmann, Dirk Baecker). In: Trajekte.
Newsletter des Zentrums für Literaturforschung Berlin. Heft 8, 4. Jg.,
April 2004, S. 46.
Daniel Weidner: Gershom Scholem. Tradition,
Geschichte Philologie: in: K. Hödl (Hg.): Historisches Bewußtsein im
jüdischen Kontext. Strategien - Aspekte - Diskurse, Innsbruck u.a.:
Studien Verlag 2004, S. 169-187.
Daniel Weidner: Zur Rhetorik der
Säkularisierung, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für
Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 78/1 (2004), S. 95-132.
Daniel Weidner: Hieroglyphen und heilige Buchstaben. Herders orientalische Semiotik, in: Herder-Jahrbuch 7 (2004), S. 45-68.
Daniel
Weidner: 'Menschliche, heilige Sprache'. Das Hebräische bei Michaelis
und Herder, in: Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur
XCV/2 (2003), S. 171-206.
Daniel Weidner: Politik und Ästhetik:
Lektüre der Bibel bei Michaelis, Herder und de Wette, in: C. Schulte
(Hg.): Hebräische Poesie und Jüdischer Volksgeist. Die
Wirkungsgeschichte von Johann Gottfried Herder um Judentum Mittel- und
Osteuropas. Hildesheim u.a.: Olms 2003, S. 35-65.
Sigrid Weigel:
Susan Taubes und Hannah Arendt. Zwei jüdische Intellektuelle zwischen
Literatur und Philosophie, zwischen Europa und USA, in: A. Huml; M.
Rappenecker (Hg.): Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert.
Literatur- und kulturgeschichtliche Studien. Würzburg 2003, S. 133-149.
Sigrid
Weigel: Die Religionsphilosophin Susan Taubes. 'Negative Theologie' als
Kulturtheorie der Moderne, in: B. Greiner; Ch. Schmidt (Hg.): Arche
Noah. Die Idee der 'Kultur' im deutsch-jüdischen Diskurs. Freiburg i.
Br. 2002, S. 383-401.
Sigrid Weigel: Securalization and
Sacralization, Normalization and Rupture. Kristeva and Arendt on
Forgiveness, in: Publications of the Modern Language Association of
America. March 2002, vol. 117, Nr. 2, pp. 320-323.
Sigrid Weigel: Heinrich Heines Geständnisse. Zur Archäologie einer Schreibposition zwischen Confessiones und De L'Allemagne,
in: S. Braese (Hg.): Konterbande und Camouflage. Szenen aus der Vor-
und Nachgeschichte von Heinrich Heines marranischer Schreibweise. Berlin
2002, S. 25-41.
Veranstaltungen
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30.11. –
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Workshop
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31.01. –
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Workshop
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16.01.2003
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12.07. –
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