Sakramentale Repräsentation
Programmförderung BMBF 2008–2010
Leitung: Daniel Weidner
Mitarbeiter: Stefanie Ertz, Stefan Manns, Heike Schlie
Gastwissenschaftler:
Brian Britt, Caroline Bynum, Gal Hertz, Thomas Lentes, Hans-Peter Schmidt, Steven Wasserstrom
Das Projekt untersuchte die grundlegende Bedeutung des Sakraments für
Diskurse und Praktiken der Repräsentation in der Frühen Neuzeit. In
interdisziplinärer Zusammenarbeit von Kunstgeschichte,
Literaturwissenschaft und Philosophie wurde an exemplarischen Debatten
und Werken des 16. und 17. Jahrhunderts gezeigt, wie der Diskurs über
Zeichen und deren repräsentative und performative Kraft explizit und
implizit immer wieder auf Debatten über das Sakrament rekurriert. Damit
wird die Repräsentationskultur der Frühen Neuzeit insgesamt als Erbe der
Auseinandersetzung über die Reformation lesbar, die auch dort noch
wirksam bleibt, wo es nicht mehr explizit um sakramentstheologische
Fragen geht.
Die Erforschung der Frühen Neuzeit hat in den letzten Jahrzehnten einen
Begriff der Repräsentation ins Zentrum gestellt, der epistemologische,
mediengeschichtliche und politische Prozesse zu beschreiben erlaubt. Das
Projekt betont in seinen Arbeiten gegenüber anderen Ansätzen die
Bedeutung von sakralen Praktiken und Modellen der Repräsentation.
Das um die Eucharistie zentrierte System heiliger Zeichen, Bilder und
Rituale, deren Formen grundsätzlich durch eine Spannung von Präsenz und
Repräsentation bestimmt sind, wurde in der Reformation zu einem der
wichtigsten Schauplätze kultureller Auseinandersetzungen und ist seitdem
bestimmend für die gesamte Episteme der Repräsentation.
Die
medialen Szenarien der sakramentalen Repräsentation sind dabei
keineswegs auf die Sakramentsfrömmigkeit oder die theologischen
Sakramentsdebatten selbst beschränkt, sondern betreffen Phänomene der
Übertragung und Überdeterminierung in sakralen und profanen
Kulturtechniken der Frühen Neuzeit. Das Modell des Sakraments ist immer
mitgedacht, wenn von Zeichen, von ‚bloßen‘ Zeichen oder von etwas das
‚mehr‘ ist als ein Zeichen, die Rede ist, sei es dass die Märtyrer der
frühen Neuzeit als Zeugen einer Wahrheit inszeniert werden, sei es, dass die Figur des Märtyrers seinerseits zur Reflexion über das Theater genutzt wird.
Einerseits werden also scheinbar ganz verschiedene philosophische,
ästhetische und politische Diskurse, Medien und Praktiken herangezogen,
um das Sakrament zu denken und seine jeweilige Interpretation zu
plausibilisieren. Andererseits werden umgekehrt solche Diskurse und
Praktiken mittels sakramentaler Modelle und Konzepte reflektiert und in
Szene gesetzt, wenn etwa im allegorischen Theater dem Vollzug der
Handlung auf der Bühne ein emblematischer Sinn zugewiesen wird.
Solche Reflexionen lassen sich nicht einfach als ‚Säkularisierung‘
theologischer Denkfiguren verstehen und lassen sich auch konfessionell
nicht einfach verorten,
vielmehr zeigt sich in ihnen das Spannungsfeld und der Verhandlungsraum
zwischen verschiedenen religiösen Gruppen, zwischen verschiedenen
medialen Praktiken, Semiotiken und Politiken verstanden werden, der bis
in die beginnende Moderne um 1800 von außerordentlicher kultureller
Produktivität ist.
Das breite Spektrum der Beiträge aus Geschichts-,
Religions-, Kunst- und Literaturwissenschaft zum Workshop "Sakramentale
Repräsentation" dokumentierte die vielfältige und
disziplinenübergreifende Anschlussfähigkeit des Projekts.
Als fruchtbar erwies sich insbesondere die Erweiterung und Präzisierung
der die bisherige Forschung dominierenden historischen bzw.
konfessionsspezifischen Typologie von Präsenz vs. Repräsentation
zugunsten einer medien- und kulturgeschichtlichen Perspektive auf die
vielfältigen diskursiven Schnitt- und Umbruchstellen des sakramentalen
Paradigmas in der frühen Neuzeit. In diesem Sinne verfasste das Projekt
eine kollektive Monographie, verortet das Konzept der sakramentalen Repräsentation
im Rahmen bisheriger Forschungsansätze (u.a. Diskursanalyse,
Säkularisierungsdebatten, Mediengeschichte) und entfaltet es in einer
Reihe von exemplarischen Einzeluntersuchungen,
die die Rolle des Sakramentsdiskurses in Epistemologie und
Zeichentheorie, in der Ikonologie, Bildkritik und Emblematik, im
barocken Theater sowie in der Rhetorik und Poetik der geistlichen Lyrik
und schließlich in der der politischen Theorie behandeln
Publikationen
Stefanie Ertz, Heike Schlie, Daniel Weidner: Sakramentale Repräsentation (erscheint voraussichtlich 2011).
Heike Schlie
Wandlungen eines sakramentalen Bildverbundes in der Reformation. Das
Schneeberger Retabel von Lucas Cranach dem Älteren, in: Das Bild im
Plural. Mehrteilige Bildformen zwischen Mittelalter und Gegenwart, hrsg.
von David Ganz und Felix Thürlemann, Berlin 2010, S. 10–35.
Eben doch von Menschenhand gemacht – Lucas Cranach und der Kunstdiskurs
der Vera-Icon-Bilder, in: Intellektualisierung und Mystifizierung
mittelalterlicher Kunst. "Kultbild" – Revision eines Begriffs, hrsg. von
Martin Büchsel und Rebecca Müller, Berlin 2010, S. 207–232.
Abdruck und Einschnitt – Die medialen Träger der Spur als appendicia exteriora des Christuskörpers, in: Bildwelten des Wissens. Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik 8,1 (2010): Kontaktbilder, S. 83–94.
Body Turn. The Representation of the Naked and Clothed Self in its
Religious, Social and Cosmological Perspectives (Mattheus Schwarz,
1497–1574), in: The "I" between self-reference and hetero-reference.
Individuality in the modern and pre-modern, hrsg. von Franz-Josef
Arlinghaus (voraussichtlich 2011).
Das Holz des Lebensbaumes,
des Kreuzes und des Altarretabels: Die Cranach'sche Neufassung einer
sakramentalen Bildgattung, in: Cranach in neuem Licht. Der Cranach-Altar
der St. Wolfgangskirche zu Schneeberg, hrsg. von Thomas Pöpper und
Susanne Wegmann (voraussichtlich 2011).
Daniel Weidner
Kreatürlichkeit. Benjamins Trauerspielbuch und das Leben des Barock,
in: Profanes Leben. Walter Benjamins Dialektik der Säkularisierung,
hrsg. von Daniel Weidner, Frankfurt a.M. 2010, S. 120–138.
'Schau in dem Tempel an / Den ganz zerstückten Leib, der auf dem Kreuze
lieget'. Theatrale und Sakramentale Präsenz in Andreas Gryphius' 'Leo
Armenius', in: Daphnis (voraussichtlich 2011).
Sagen, Glauben, Zeigen. Politik der Repräsentation in Martyriologien
der Reformation, in:: Zeugnis und Zeugenschaft. Perspektiven aus der
Vormoderne, hrsg. von Wolfgang Drews und Heike Schlie (voraussichtlich
2011).
Reading Images, Printing
Voices. Plurimediality and Metamediality in G.P. Harsdoerffers
"Seelewig", in: Cultures of Communication, Theologies of Media in Early
Modern Europe and Beyond, hrsg. von Ulrike Strasser und Christopher Wild
(voraussichtlich 2011).
Gespielte
Zeugen. Schauspieler-Märtyrer im Barocktheater, in: Geschichte und
Gegenwart von Märtyrern in den Religionskulturen, hrsg. von Silvia
Horsch und Martin Treml (voraussichtlich 2011).
Veranstaltungen
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29.01. –
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Workshop
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30.03. –
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