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SchädelBasisWissen. Kulturelle Implikationen der plastischen Chirurgie des Schädels

  1. Projektbeschreibung
  2. Teilprojekte
    1. Texte: Rhetorik und kulturelle Semantik des SchädelWissens in der Medizin
    2. Visualisierungen: Schädelbilder in Kunst, Medizin und Statistik
    3. Medizinische Praktiken: Arzt-Angehörigen-Interaktion
    4. Kulturgeschichtliche Untersuchungen zu Wechselwirkungen zwischen Kunst und plastischer Chirurgie
  3. Publikationen
  4. Veranstaltungen
  5. Medienecho

I. Projektbeschreibung

Forschungskooperation des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin mit der Pädiatrischen Neurochirurgie der Charité – Universitätsmedizin Berlin

gefördert von der VolkswagenStiftung, »Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften« 2011–2014

Leitung: Sigrid Weigel (verantwortlich), Ernst-Johannes Haberl
Beratung: Michael Hagner
Wissenschaftliche Koordination: Uta Kornmeier (ZfL)

Gastwissenschaftler: Martin Kemp, Nichola Rumsey

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Ausgangspunkt des Projekts ist die Diskrepanz zwischen den technisch avancierten Operationsverfahren in der plastischen Chirurgie und der vagen Begrifflichkeit in der wertenden, den Eingriff motivierenden Beschreibung ihrer ›Objekte‹. Untersucht wird die kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Herkunft der impliziten kulturellen Norm- und Idealvorstellungen zum körperlichen Erscheinungsbild (und dessen Funktion als Indikator der Persönlichkeit), wie sie gegenwärtig im medizinischen Diskurs, in visuellen Darstellungen und in der medizinischen Praxis und Therapie zum Tragen kommen. Im Zentrum steht dabei der menschliche Schädel als Körperteil, das für Selbst- und Fremdwahrnehmung von zentraler Bedeutung ist.

Das Vorhaben antwortet auf den Bedarf einer spezialisierten chirurgischen Praxis (Korrektur von Schädelfehlbildungen an Säuglingsköpfen/Craniosynostosen an der Charité), kulturelle Voraussetzungen und Kontexte in Praxis und Therapie einzubeziehen. Ziel des Projekts ist es, die Voraussetzungen zu erarbeiten, die eine durch Wissen gestützte, reflektierte und patientenorientierte Arbeitsweise ermöglichen.

Im historischen Teil wird die Genese der Vorstellung von einem ›wohlgeformten‹ (Kinder-)Schädel erforscht, die aus der Wechselbeziehung zwischen medizinischem Wissen, Künsten und kultureller Semantik hervorgegangen ist. Der aktuelle Teil organisiert einen Austausch mit Ärzten und Patienten.

Gegenstand der drei Projektteile sind

  1. Texte (Lehrbücher und Fachartikel aus dem Gebiet der plastischen Chirurgie),
  2. Visualisierungen und Modelle als Normalitätsinstanz (Proportionsstudien für Künstler, Anatomie-Lehrbücher, medizinische Fotos, bildgebende Verfahren, therapievorbereitende Datenbanken),
  3. Praxis und Therapie (beobachtende Begleitung einzelner Fälle, Patienteninterviews).

1. Texte: Rhetorik und kulturelle Semantik des SchädelWissens in der Medizin

Bearbeitung: Simon Strick

Fokussierend auf die Genealogie und den zeitgenössischen Diskurs zum Phänomen der Craniosynostose, vermisst das Teilprojekt das diskursive Feld des »missgebildeten« Schädels. Seit der Entdeckung des vorzeitigen Verschlusses der Schädelnähte durch Virchow (ca. 1860), und der Etablierung routinisierter Behandlungsmethoden für Craniosynostose vor ca. 40 Jahren, hat sich das Vokabular zur Beschreibung von pathologischen Schädelformen stark verändert. Durch qualitative und rhetorische Analysen medizinischer Fachtexte, untersucht das Projekt die semantischen Felder, welche das Schädelwissen in diesem Zeitraum charakterisieren. Dabei stehen die kulturellen und historischen Konnotationen der medizinischen Sprache (z.B. »Missbildung«, »Deformität«) im Zentrum der Analyse, sowie die zugrunde liegenden kulturellen Vorannahmen, die Unterscheidungen zwischen »abweichenden« und »normalen« Schädelformen mitprägen und ermöglichen.

2. Visualisierungen: Schädelbilder in Kunst, Medizin und Statistik

Bearbeitung: Uta Kornmeier

Alle medizinischen Fachpublikationen arbeiten mit Visualisierungen (seien dies Zeichnungen, Fotografien, Diagramme oder durch bildgebende Verfahren generierte Bilder oder Modelle), die – wie Bild- und Medienwissenschaft gezeigt haben – keineswegs vorhandenes Wissen ›illustrieren‹, sondern an der Generierung von Wissen maßgeblich beteiligt sind.

Das Teilprojekt untersucht die spezifischen Rhetoriken dieser Abbildungen an aktuellen und historischen Beispielen im Umfeld der Craniosynostosen und arbeitet die Wechselwirkungen zwischen Bild und Text heraus.

3. Medizinische Praktiken: Arzt-Angehörigen-Interaktion

Bearbeitung: Birgit Griesecke

Diagnosen und Operationen von Craniosynostosen stellen Untersuchungen und Eingriffe am Schädel als einem zentralen und zugleich intimen Teil des Körpers dar. Welche Erwartungen, Fragen, Zweifel und Hoffungen, welche Entscheidungswege und Verständigungsmuster kommen dort zur Geltung, wo gesellschaftliche Erwartungen, kulturelle Bedeutungsmuster und die Möglichkeiten avancierter Chirurgie aufeinandertreffen? Gespräche zwischen Ärzten und Patienten (bzw. deren nächsten Angehörigen), Äußerungen und Darstellungen in Foren, Blogs und Webpages, Informationsbroschüren, Ratgeberliteratur, fachliche und alltagspraktische Einlassungen können hierüber Aufschluß geben. Mittels semantischer Untersuchungen (Sprachspiel- und Sprechaktanalysen, Phrasemforschung) wird in diesem Teilprojekt der kulturelle Bedeutungsraum ausgelotet, in dem die Craniosynostosen verhandelt und behandelt werden: Wie kommen Einschätzungen von Form und Deformation explizit und implizit zur Sprache? Mit welchen sprachlichen Mitteln und argumentativen Einsätzen verläuft die Entscheidungsfindung für oder gegen eine Operation? Wie wird die zeitliche Dimension der Craniosynostose-Problematik (vorausgreifende Simulationen des wachsenden Schädels und zukünftiger Erfahrungen im sozialen Raum; konjunktivische Selbstverständigungen, rückblickende biographische Erzählungen) in Sprache gefasst?

4. Kulturgeschichtliche Untersuchungen zu Wechselwirkungen zwischen Kunst und plastischer Chirurgie

Bearbeitung: Li Anna Töppe

Das Dissertationsprojekt untersucht Wechselbeziehungen zwischen Kunst und plastischer Chirurgie, wobei Fokus der Betrachtung die Suche nach Form und ihre Erzeugung in beiden Disziplinen darstellt.
Das Projekt will sich ihren Bestimmungen nähern, indem es das jeweils spezifische Verständnis vom Materialgebrauch sowie die Entwicklung und Umsetzung von Techniken in beiden Disziplinen Ende des 19. und im Verlauf des 20. Jahrhunderts erforscht. Auffassungen von Bewegung und Bewegungslosigkeit sowie von Körperformen werden mit einbezogen, um die Prozesse und Ergebnisse der »Produktionen« von Formen zu verstehen.

V. Medienecho

Wie wir vom Kopf auf den Charakter schließen (21.03.2011)

Pressemitteilung der VolkswagenStiftung vom 21.03.2011, lesen

Schädel-Basis-Wissen (27.03.2011)

Deutsche Mediziner und Geisteswissenschaftler wollen gemeinsam ein Tabuthema aufarbeiten. Artikel von Norbert Lassau, in: Welt am Sonntag vom 27.3.2011, lesen

Berliner Neurochirurg geht neue Wege (28.03.2011)

Ernst-Johannes Haberl will bei der Korrektur von Schädel-Fehlbildungen minimalinvasiv operieren. Artikel von Norbert Lossau, in: Berliner Morgenpost vom 28.03.2011, lesen

Chirurgen suchen nach der optimalen Kopfform (29.03.2011)

Chirurgen können heute seltsam gewachsene Schädel korrigieren. Doch wer oder was sagt ihnen, welche Form  eigentlich die beste ist? Artikel von Norbert Lossau, in: Die Welt vom 29.03.2011, lesen

SchädelBasisWissen (31.03.2011)

Apparate und Technik dominieren heute die Medizin. Doch es gibt Situationen, in denen es Ärzten nicht mehr ausreicht, nur die Technik, nur das Handwerk zubeherrschen. Radiobeitrag von Anke Schäfer, in: Inforadio RBB, Sendung: Wissenswerte - Forschung im Gespräch vom 31.03.2011, 10:25 Uhr, anhören (1,7 MB)

Schädelbasiswissen. Alles reine Kopfsache (02.04.2011)

Artikel von Cornelia Werner, in: Hamburger Abendblatt vom 02.04.2011, lesen

Schädel nach Norm (27.04.2011)

Von der Kopfform wird auf den Charakter geschlossen. Chirurgen und Kulturhistoriker bearbeiten das Gebiet gemeinsam. Artikel von Claudia Schmölders, in: Tagesspiegel vom 27.04.2011, lesen

Verbesserte Behandlung von Schädelfehlbildungen bei Kindern (12.01.2012)

Weiterentwicklungsprojekt des IBB Technologie-Entwicklungs-Fonds (TEF) ebnet den Weg für eine verbesserte Operationsmethode. Pressemeldung der ipal GmbH vom 12.01.2012, lesen

Schädelbasiswissen (12.01.2012)

Chirurgen und Kunsthistoriker untersuchen gemeinsam ästhetische Gesichtspunkte. Radiobeitrag von Anke Schaefer, in: Deutschlandfunk, Sendung: Aus Kultur- und Sozialwissenschaften vom 12.01.2012, 20:10 Uhr, anhören (3,2 MB)

Herausforderungen für Wissenschaft und Gesellschaft (30.06.2012)

Jahresbericht 2011 über den Förderbereich Herausforderungen für Wissenschaft und Gesellschaft der VolkswagenStiftung, in dem das ZfL-Projekt SchädelBasisWissen gefördert wird., lesen

Mehr als nur Kopfgeburten: Kultur und Chirurgie kommen zusammen (10.11.2012)

Eine Tagung des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin befasst sich mit Schädelformen. Interview mit Uta Kornmeier, in: Deutschlandfunk, Sendung Kultur heute, 10.11.2012, 17:30, anhören (2,5 MB)

Treffen der Kopfarbeiter (12.11.2012)

Chirurgen, GeisteswissenschaftlerInnen und Kulturschaffende widmen sich auf einer Tagung dem Thema »Schädel«. Artikel von Elise Graton, in: tageszeitung vom 12.11.2012, lesen

Solche schönen Schädel gibt es nicht einmal in der Kunst (15.11.2012)

Die Kulturwissenschaftler wenden sich dem Körper zu. Jetzt trafen sie sich in Berlin zu einer Tagung mit plastischen Chirurgen. Artikel von Volker Breidecker, in: Süddeutsche Zeitung vom 15.11.2012