Erinnerungsarbeiten – Neueinsätze – Werkinszenierungen. Entwürfe und Fallstudien zu einer Theorie literarischer Spätwerke
gefördert mit Mitteln des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) 2007
Leitung: Sandro Zanetti
Als 'Spätwerk' bezeichnet man gemeinhin den gegen Ende der
Schaffensperiode eines Künstlers entstandenen Teil seines Gesamtwerks -
oder ein bestimmtes Werk aus dieser Periode. In einem anderen Sinne
meinen 'Spätwerke' die gegen Ende einer Epoche entstandenen Werke, die
in der Regel von unterschiedlichen Künstlern stammen und gegebenenfalls
einen gemeinsamen Spätstil ausbilden. Als Begriff taucht das Wort
'Spätwerk' erst am Ende des 19. Jahrhunderts auf, und erst im 20.
Jahrhundert wird der Begriff diskursbestimmend, allerdings oft in einem
stark restriktiven Sinne, meistens verstanden als 'Alterswerk'. Mit der
Kritik am klassischen Werkbegriff wie auch an den Bezugsgrößen 'Autor'
und 'Epoche' ist der Begriff etwas in Verruf geraten, allerdings auch
deshalb, weil seine Geschichte nie wirklich aufgearbeitet worden ist.
Das Projekt "Erinnerungsarbeiten - Neueinsätze - Werkinszenierungen.
Entwürfe und Fallstudien zu einer Theorie literarischer Spätwerke" setzt
hier kritisch an, indem es einen Beitrag zur Aufarbeitung dieser
weitgehend in Vergessenheit geratenen Begriffs- und Methodengeschichte
leisten möchte. Das Ziel dieser Aufarbeitung ist jedoch nicht
rückwärtsgewandt. Im Vordergrund steht vielmehr der über die historische
Rückvergewisserung möglichst scharf profilierte Versuch einer
theoretischen Weiterarbeit an einem heuristisch, nicht
substantialistisch verstandenen Spätwerk-Begriff. Mit diesem heuristisch
verstandenen Spätwerk-Begriff soll es insbesondere möglich werden,
diejenigen temporalen und konzeptuellen Spannungen von literarischen
Arbeiten genauer zu beschreiben und zu analysieren, die sich - als
Spätwerke - von ihren Vorgänger-Werken in der Weise absetzen, daß die
Absatzbewegung zugleich den Einsatzpunkt ihrer jeweiligen poetologischen
Stoßrichtung in einem jeweils spezifischen kulturellen und historischen
Kontext bildet. Auch wenn sich das Projekt dabei auf auktoriale und
nicht auf epochale Spätwerke konzentriert, soll das, was an einem
Spätwerk als 'spät' gelten können soll, nicht einfach in Abhängigkeit
vom Alter des Autors bestimmt werden, sondern primär aus der
Veränderungsqualität, die jeweils durch die erwähnte Absatzbewegung
motiviert wird.


