Wissensgeschichte der Synergie
gefördert von der VolkswagenStiftung/Fritz Thyssen Stiftung »Pro Geisteswissenschaften – Dilthey-Fellowship« 2010–2015
Leitung: Tatjana Petzer
Gastwissenschaftler: Igor Polianski
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I. Projektbeschreibung
Mit Synergie (griech. Zusammenwirken, Mitarbeit) werden ganz allgemein kooperative Interaktionen bezeichnet, die zu einer neuen Qualität führen bzw. führen sollen. Durch die einflussreiche Lehre des Architekten und Philosophen Richard Buckminster Fuller vom synergetischen Planen und Gestalten sowie durch die Synergetik, die der Physiker Hermann Haken zur fächerübergreifenden Beschreibung komplexer selbstorganisierender Systeme wissenschaftlich begründete, wurden Psychologie, Neurowissenschaft, Linguistik, Soziologie, Ökonomie und Theologie zu neuen theoretischen Überlegungen inspiriert. Aktuell haben Synergie-Konzepte nicht nur in Debatten der Natur- und Geisteswissenschaften, sondern auch in den Künsten Konjunktur. Dabei stellt sich die wissenstheoretische Frage, wie derartige Synergie-Modellierungen in die Generierung und Strukturierung von Wissen eingreifen und welches Innovationspotential sie für die Wissensgesellschaft mit Blick auf die Zukunft haben. In einzelnen Forschungsprojekten und im Rahmen des interdisziplinären Forum SynergieWissen werden Elemente einer allgemeinen Wissensgeschichte der Synergie/Synergetik erarbeitet. Einen Einblick in die aktuelle Arbeit gewährt die Wiki-Plattform SynergieWissen.
1. Synergeia. Technik und Glaube in der Slavia Orthodoxa
Bearbeitung: Tatjana Petzer
Tatjana Petzer geht diesen Fragen aus historischer Perspektive am Beispiel des slawisch-orthodoxen Kulturraums nach, der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts transdisziplinäre, in der Religion präfigurierte Synergie-Konzepte hervorbrachte. In ihrer kulturwissenschaftlichen Studie werden – ausgehend von der neutestamentarischen Figur des synergós – weltanschauliche Erklärungsmodelle, globale Transformationsprojekte und Zukunftsentwürfe sowie Technologieentwicklungen untersucht, die angesichts des allgemeinen Krisenbewusstseins um 1900 von Grenzgängern zwischen den Disziplinen als Angebot unterbreitet wurden – mit dem Ziel, zu einer ›Neuen Menschheit‹ aufzubrechen.
2. Naturhermeneutik. Zur theologischen Rezeption der Synergetik
Bearbeitung: Stephan Steiner
Stephan Steiner widmet sich einer wissenschaftshistorischen Rekonstruktion der aktuellen theologischen Rezeption der Synergetik; dieser kommt die Funktion einer Klärung des Grundbegriffs der Natur zu. Im Hintergrund steht die für das 20. Jahrhundert charakteristische, intensive Suche nach einer Vermittlung zwischen Religion und Naturwissenschaft. Deren Kern bildet das Desiderat eines holistischen Naturverständnisses. Die herrschende Kluft zwischen wissenschaftlicher und alltäglicher Erfahrung – als Desintegration des mathematisierten Naturverständnisses der Naturwissenschaften und »naiver« Naturauffassungen ethischer, ästhetischer oder religiöser Provenienz – erscheint in dieser Perspektive zunehmend problematisch und deutungsbedürftig. Auf christlicher (Alexandre Ganoczy) wie auf jüdischer Seite (Edgar Morin) wird in dieser Situation heute die Synergetik rezipiert, um die in diesem Widerspruch fassbar werdende Mehrdimensionalität der Natur theoretisch zu verarbeiten. Als Theorie des Zusammenwirkens und der Interaktion soll die Synergetik die feindliche Konkurrenz der vielfältigen Naturbegriffe überwinden und an ihre Stelle das hermeneutische Projekt einer interdisziplinären Beschreibung der Wirklichkeit setzen. Dieses soll es erlauben, heterogene Symbolisierungen der Natur zu thematisieren und als Beziehungsgeschichte zu analysieren. Darin werden nicht zuletzt Fragen nach der Organisation und Komplexität naturwissenschaftlichen Wissens aufgeworfen.
3. Wissenschaft und Prophetie in der Dichtung der russischen Avantgarde (Dissertationsprojekt 2010–2012)
Bearbeitung: Anar Imanov
Die Suche nach einer Synthese von Kunst, Religion und Wissenschaft führte in der russischen Moderne zur Entwicklung neuer künstlerischer Methoden, mithilfe deren eine vielschichtige Konzeption der Zukunft entstand. Ziel der Dissertation ist es, die universalistische Konzeption der russischen avantgardistischen Dichtung herauszuarbeiten, die vor dem Hintergrund sich wandelnder Wissens- und Wissenschaftssysteme in der Moderne den Versuch unternahm, mittels projektivem Denken und prophetischem Schreiben zwischen Organischem und Dinglichem, Phantasmen und Wissen, Glauben und Ratio zu vermitteln. Anhand der poetisch-wissenschaftlichen Visionen von Velimir Chlebnikov und anderen Dichtern der futuristischen Bewegung untersucht Anar Imanov ästhetische Entwürfe und literarische Programmatiken, die durch Sprechakte der Verkündung die Dichtung und die exakten Disziplinen miteinander verschränkten sowie wissenschaftliche Mythologeme konstituierten.
III. Publikationen
Tatjana Petzer: »Kultakte der Wissenschaft. Synergie und Synthese im russischen Kosmismus«, in: Nadežda Grigor’eva u.a. (Hg.): Das Konzept der Synthese im russischen Denken. Künste – Medien – Diskurse, München u.a.: Sagner 2010, S. 161–182.
Tatjana Petzer: »›Überall ist Energie‹ Nikola Teslas Entdeckungen und Visionen«, in: Trajekte 21, 2010, S. 30–36.
Tatjana Petzer: »Selbstorganisation, Spiel, Synergie«, in: Trajekte 22, 2011, S. 38–39.
Tatjana Petzer: »Das Wort ist synergetisch«. Pavel Florenskijs Kulturtheorie des Zusammenwirkens, in: Forum SynergieWissen ZfL Berlin. 01.08.2011.
Anar Imanov: Velimir Chlebnikovs imaginäre Synergie, in: Forum SynergieWissen ZfL Berlin, 01.08.2011.
Tatjana Petzer: Synergie - Vom Begriff zur Figur des Wissens, in: Forum SynergieWissen ZfL Berlin, 01.09.2012.
Tatjana Petzer, Linda Pelchat, Anar Imanov: Synergie in Kunst und Konstruktion, in: Forum Synergie Wissen ZfL Berlin, 15.10.2012.
Tatjana Petzer: »Wirksame Worte: Übertragungsphantasien in der russischen Moderne«, in: Barbara Gronau (Hg.): Szenarien der Energie. Zur Ästhetik und Wissenschaft des Immateriellen, Bielefeld: transcript 2012, S. 45–66.






