Trajekte 14
Erbe, Erbschaft, Vererbung
Herausgeber:
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
Berlin, April 2007
52 Seiten
Inhalte
Den Geisteswissenschaften wird gern die Zuständigkeit für die Tradition,
das kulturelle Erbe und das kulturelle Gedächtnis zugeschrieben. So
gesehen trägt das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung zu Recht den Titel eines Geisteswissenschaftlichen Zentrums,
denn seit Jahren gehört das Thema des Erbes und des Erbens zu einem
seiner zentralen Forschungsschwerpunkte. Allerdings geht es dabei nicht
um das kulturelle Erbe im Sinne eines Katalogs oder Kanons
bewahrenswerter Kulturgüter. Für solche Art konservatorischer
Nachlasspflege gibt es Bibliotheken und Museen, die sich jeweils
bestimmter Sparten oder Ausschnitte des kulturellen Erbes annehmen, oder
das Unesco-Programm des Weltkulturerbes mit dem ehrgeizigen Ziel, das
Erbe der Menschheit zu bestimmen, zu erhalten und an die künftigen
Generationen zu übermitteln.
Dagegen geht es bei einer Erforschung
des Erbe(n)s um die – sehr unterschiedlichen – Konzepte und Gesetze,
Praktiken und Logiken, Formen und Medien, mit denen Dinge und Wissen,
Status und Macht, mit denen biologische und ökonomische Anlagen,
technisches und symbolisches Vermögen zwischen den Generationen
übertragen werden, um auf diese Weise den Transfer zwischen
Vergangenheit, Gegenwart und Künftigem zu sichern. Im Unterschied zur Tradition bringt der Begriff des Erbes – als eine spezifische Form der Traditionsbildung – eine genealogische
Perspektive ins Spiel: Übertragungen zwischen den Generationen, die in
der Geschichte, in einer Kultur oder Gemeinschaft aufeinander folgen.
Gefragt wird dabei nicht danach, was geerbt und vererbt wird, sondern
wie sich das Erbe überhaupt konstituiert, d.h. welche Bilder und
Gewohnheiten, Interessen und Vorstellungen die Art und Weise, wie ge-
und vererbt wird, prägen.
Vererbung und Erbschaft sind grundlegende
anthropologische Praktiken, mit denen die Menschen sich gleichermaßen
als Natur- und Kulturwesen begreifen können, als Individuen, die in der
menschlichen Reproduktionskette, in der Gemeinschaft und in der
Geschichte leben. Das Erbe betrifft gleichsam jene Tradition, die durch
die Körper und Leben der Menschen hindurchgeht. Es berührt die Art und
Weise, wie die Beziehung zwischen den Toten, den heute und den künftig
Lebenden geregelt wird, es betrifft die Memoria ebenso wie die Übernahme
von Schuld und Schulden. Dennoch hat das Erben nicht den Charakter
einer anthropologischen Konstante, denn seine Regelungen
stellen sich in verschiedenen Kulturen und historischen Epochen höchst
unterschiedlich dar. Dabei schließen die Medien und Wege des Transfers
materielle und symbolische, natürliche und artifizielle, physische und
sprachliche Träger ein. Das Zusammenspiel biologischer und symbolischer,
juristischer und ökonomischer, religiöser und sozialer Elemente von
Übertragungen in seinen historischen Wandlungen und kulturellen
Differenzen zu untersuchen, bedeutet insofern humanwissenschaftliche
Grundlagenforschung par excellence, die per se interdisziplinär sein
muss.
Zum Themenschwerpunkt
Die meisten Beiträge in diesem Heft entstammen Projekten, Kooperationen und Tagungen der Forschergruppe Genealogie am ZfL. Im Anschluss an ein Forschungsprojekt zum Konzept der Generation
und seiner Wissenschafts- und Kulturgeschichte (vor allem seit dem 18.
Jahrhundert) wird derzeit – in Kooperation mit Bernhard Jussen
(Bielefeld), dem soeben der Leibniz-Preis verliehen wurde – ein Projekt
zum Thema Erbe, Erbschaft, Vererbung zum Abschluss gebracht.
Dabei geht es (1) um eine historische Untersuchungsanordnung, die
Zäsuren zwischen Vormoderne und Moderne befragt, sowohl in der Relation
von Verwandtschaft und Erbe als auch im Verhältnis zwischen Toten und
Lebenden, und (2) um eine epistemologische Perspektive, die
Schnittstellen der Vererbung zwischen Natur- und Kulturgesetzen
untersucht, vor allem im Hinblick auf die Geschichte der Epigenetik. Im
Lichte dieser Forschungen zur Geschichtlichkeit des Erbes als einer
intergenerationellen, kulturell sehr unterschiedlich organisierten
Praxis stellen sich manche Phänomene, die gegenwärtig im Diskurs über
den demographischen Wandel, über Generationengerechtigkeit und
Generationenvertrag verhandelt werden, anders und weitaus komplizierter
dar, als die in den Nachrichten verbreiteten Statistiken vermuten
lassen. Dies ist das Motiv dafür, um – in Zusammenarbeit mit Soziologie
und Rechtswissenschaft – ein Anschlussprojekt zum Thema der Generationen in der Erbengesellschaft
zu konzipieren. Dieses Vorhaben hat zum Ziel, die historisch
informierte kulturwissenschaftliche Expertise der Generationen- und
Erbeforschung für eine qualitative Analyse der gegenwärtigen Probleme zu
nutzen.
„Immer mehr Alte, immer weniger Junge“, so lautet die
Formel, auf die derzeit die Probleme des ‚demographischen Wandels’
gebracht werden. Mit der Folge, dass viele Reformvorhaben sich als reine
Zahlenoperationen darstellen, die Zukunft also vor allem errechnet
wird. Die meisten Vorschläge und Maßnahmen, mit denen dem Übel
abgeholfen werden soll, legen eine einfache und eindeutige Korrelation
zwischen der jeweiligen Gestaltung von Lebensläufen/Lebensformen und dem
Faktor ökonomischer Anreiz bzw. steuerliche Belastung zugrunde – obwohl
jeder weiß, dass Kinder nicht aus Kindergeld gemacht werden. Wenn aber
Politik im Klartext immer ausschließlicher Haushaltspolitik ist, dann
deutet das u.a. auf den prekären Mangel eines gesellschaftsanalytischen
Vermögens hin, das die einzelnen Daten im Zusammenhang weitreichenderer
kultureller Umbrüche beleuchten würde: im Horizont sich wandelnder
kultureller und sozialer Praktiken, Arbeits- und Lebensformen,
Mentalitäten und Präferenzen, aber auch veränderter Bilder und Begriffe,
mit denen die Beziehungen der Generationen und Geschlechter gefasst und
gestaltet werden.
Die öffentliche Debatte signalisiert einen
deutlichen Mangel kulturwissenschaftlicher Expertisen der Gegenwart.
Während viele Soziologen sich mit ihren überwiegend empirischen Methoden
seit langem um eine zeitgemäße Analyse veränderter Lebensverläufe,
Altersbegriffe, Familien- und Generationsverhältnisse bemühen, stehen
die Kultur- und Geisteswissenschaften bislang zumeist mit leeren Händen
da, wenn es um drängende Fragen von Gegenwart und Zukunft geht. Dabei
wird niemand behaupten wollen, dass Generationen und Familienbande, dass
Alter und Geschlecht nicht in den Themenkreis der Humanwissenschaften
gehören. Insofern müssen diese sich die Frage vorlegen, ob sich nicht
über das Interesse an Differenz und Genderfragen, über subtilste
dekonstruktive Lektüren und den Import postkolonialer Theorien ihr Blick
für die Gegenwart getrübt hat.
Irgendwo auf der Zeitstrecke zwischen den 80er Jahren und heute ist, so scheint es, den Geisteswissenschaften ihr gesellschaftskritischer
Anspruch (nachdem das Wort zuvor bis zur Unkenntlichkeit
überstrapaziert worden war) abhanden gekommen. Insofern ist es gut, dass
im Jahr der Geisteswissenschaften endlich auch selbstverständlicher
über den Nutzen geisteswissenschaftlicher Forschung diskutiert
wird. Dabei ist zu hoffen, dass auch die – erstaunlich zählebige -
Formel vom vermeintlichen Gegensatz der ‚zwei Kulturen’ überwunden wird:
hier Eigenwert der Geisteswissenschaften, dort Nutzen der
Naturwissenschaften. Denn die zwei Wissenskulturen unterscheiden sich
zwar durch vieles – vor allem durch ihre Sprache, durch ihre Erkenntnis-
und Betrachtungsweisen, ihre Methoden und Instrumentarien –, nicht aber
durch ihre Nähe oder Ferne zum Leben, Agieren und Denken der Menschen.
Einen wirklichen Nutzen von der Wissenschaft wird die Gesellschaft nur
haben, wenn die Differenzen der Wissenskulturen in eine gemeinsame
Arbeit an der adäquaten Analyse anstehender Probleme münden und an
qualitativen, sozial und kulturell verträglichen Antworten arbeiten.
Das Jahr der Geisteswissenschaften
Im Jahr der Geisteswissenschaften
geht es nicht nur darum, bei Politik und Öffentlichkeit für die
Relevanz philologisch, historisch, theoretisch und begrifflich
reflektierten Wissens zu werben; es geht auch darum, dass die
Humanwissenschaften sich auf ihre Verantwortung für die Gemeinschaft
besinnen, dass sie aus der Defensive herauskommen, sich einmischen und
ihre Kompetenzen mit der tatsächlichen wissenschaftlich-technischen
Entwicklung abgleichen. Geisteswissenschaft heute kann nur
Humanwissenschaft im digitalen, biomedizinischen, globalen Zeitalter
sein – was keineswegs heißt, die Sorge um die Tradition zu vergessen. Im
Gegenteil: Denn erst im Gegenlicht der Kultur- und Wissensgeschichte
werden die Konturen gegenwärtiger Phänomene und Begriffe scharf.
In diesem Sinne versteht das ZfL nicht nur seine Forschungen zum Erbe(n), sondern auch das Jahresthema für 2007: Märtyrer.
Hier geht es darum, die Wiederkehr der Märtyrer in die politische Arena
– vor allem in Gestalt der Selbstmordattentäter – auf der Grundlage der
historischen Vielgestaltigkeit von Märtyrer- und Opfertraditionen in
verschiedenen (Religions-)Kulturen zu studieren. Dasselbe gilt für ein
soeben begonnenes Forschungsvorhaben zur Topographie pluraler Kulturen Europas in Rücksicht auf die 'Verschiebung Europas nach Osten',
in dem es darum geht, die aus dem gegenwärtig herrschenden
Europa-Konzept bisher weitgehend ausgeblendeten östlichen Kulturen in
ihrer religionshistorischen, sprachlichen, kulturellen und politischen
Vielfalt zu untersuchen.
Nachrichten aus dem ZfL
Das
ZfL ist umgezogen, und zwar für eine dreijährige Übergangszeit, weil
das Gebäude in der Jägerstr. 10/11 kurzfristig an den Bund verkauft
worden ist. Insofern die Vorstellung des von Wolfgang Kreher und Ulrike
Vedder herausgegebenen Buches Von der Jägerstraße zum Gendarmenmarkt. Eine Kulturgeschichte aus der Berliner Friedrichstadt
(Berlin 2007) zufällig mit dem Tag des Umzugs von der Jäger- in die
Schützenstraße zusammenfiel, ist der Band zur Kulturgeschichte des
städtischen Umfelds unbeabsichtigt zu einer Art Gedenkband geworden.
Transit-Ort für das ZfL ist die dritte Etage des Mossezentrums in der
Schützenstr. 18; die Bibliothek befindet sich im zweiten Stock. In den
dort neu entstandenen Trajekte-Tagungsraum laden wir alle
Kollegen und Freunde zu unseren Mittwochsvorträgen, Symposien und
Tagungen ein, die sie am Ende des Heftes in Kalender und Ankündigungen
finden. Nur für die Festveranstaltung anlässlich der Verleihung des Humboldt Forschungspreises an Georges Didi-Huberman
am 20. Juni möchten wir Sie in den Einsteinsaal der BBAW bitten.
Didi-Huberman ist – nach Stéphane Mosès – das zweite der Honorary
Members des ZfL, dem dieser Preis für einen Forschungsaufenthalt am ZfL
verliehen wird.
Der Verein der Freunde und Förderer des ZfL,
der sich im letzten Jahr gebildet hat – Gründungmitglieder sind neben
Aris Fioretos (Vorsitzender): Verena Auffermann, Karlheinz Barck, Bernd
Kauffmann , Sabine Knapp-Lohmann, Wolfgang Kreher, Beatrice Kühne,
Stefan Münker, Bernd Stiegler, Wolfgang Thierse und Hanns Zischler –,
widmet sich Begegnungen zwischen Kunst und Wissenschaft, Politik und
Öffentlichkeit. Er hat seine Aktivitäten im Januar 2007 mit einer von
Aris Fioretos und Hanns Zischler gestalteten Literarischen Soirée
begonnen, für die sie auch Reiner Speck gewinnen konnten, den
renommierten Urologen und Vorsitzenden der Marcel-Proust-Gesellschaft.
Und nach Jahren der Debatte, der Evaluierung, unterschiedlichster Vorschläge etc. zur Weiterförderung des ZfL
(über das Ende der derzeitigen Laufzeit und Förderform im Dezember 2007
hinaus) hat das BMBF nun erfreulicherweise zugesagt, eine
Weiterförderung in Form einer bilateralen Lösung zu realisieren. Auf der
Grundlage der Empfehlung des Wissenschaftsrates vom Januar 2006 und der
vom Land Berlin zugesagten Fortführung der bisherigen Grundförderung
wird das Forschungsprogramm des ZfL also nunmehr vom Bund durch eine
mittelfristige Projektförderung ermöglicht werden. Man darf also auch
künftig mit dem Engagement und den Aktivitäten des ZfL rechnen.
Trajekte-Abonnement
Und schließlich möchte ich noch einmal daran erinnern, dass der Vertrieb der Trajekte auf Abonnementvertrieb und den Verkauf über den Buchhandel umgestellt wird. Wenn Sie die Trajekte weiterhin erhalten wollen, vergessen Sie bitte nicht, uns Ihren Bestellwunsch zu schicken.
Sigrid Weigel
- Jahr der Geisteswissenschaften
Jahresthema des ZfL: Märtyrer - Die Aura des Nutzens. Standpunkt zur Debatte über die zwei Kulturen (Sigrid Weigel)
- Erbe, Erbschaft, Vererbung. Überlieferungskonzepte zwischen Natur und Kultur (Sigrid Weigel)
- Aus dem Archiv
Zwischen Leben und Tod. Die Verschollenen und ihre Hinterbliebenen im Spätmittelalter (Christina Deutsch) - Bildessay
Bildpolitik des Erbens. Die Effigies im englischen Funeralzeremoniell (Kristin Marek) - Aus der Arbeit des ZfL
Logiken des Erbens und Vererbens (Ulrike Vedder) - Die Topographie der Vererbung. Epigenetische Landschaften bei Waddington und Piper (Ohad Parnes)
- Demographischer Wandel. Kulturwissenschaftliche Perspektiven zu einer gegenwärtigen Debatte (Ohad Parnes/Ulrike Vedder/Sigrid Weigel/Stefan Willer)
- Korrespondenzen
Generationengerechtigkeit (Martin Kohli) - Erbrecht und Demographiedebatte. Rückkoppelungen gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen (Peter Breitschmid)
- Die Lebenszeit (Brüder Grimm)
- Aus der Arbeit des ZfL
Topographie pluraler Kulturen Europas in Rücksicht auf die ›Verschiebung Europas nach Osten‹ (Andreas Pflitsch) - Ankündigungen
Humboldt-Forschungspreis für Georges Didi-Huberman - Namen. Benennung, Verehrung, Wirkung (1850-1930)
- Konjektur und Krux. Zur Methodik der Philologie
»Allein die Träume sind vollkommen wirklich« (Baudelaire). Alexander von Zemlinsky und die Moderne


