Trajekte 17
Ausdruck, Erscheinung, Affekte
Herausgeber:
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
Berlin, Oktober 2008
52 Seiten
Inhalte
Die meisten Manifestationen und Formen des Ausdrucks operieren
an der Schwelle zwischen Physiologie und symbolischen Systemen, von
Körper und Bedeutung, von Akustik und Semantik. Ob Gesichtsausdruck,
Gebärde oder Tanz, ob gesprochene oder musikalische Phrase, stimmliche
Intonation der Rede oder Schrift: Stets wird leiblich-materiell etwas
zum Ausdruck gebracht, dessen Bedeutung zu einem nicht unerheblichen
Teil durch Kult, Habitus und Überlieferung geprägt ist und durch die
Brille symbolischer Konventionen 'gelesen' wird. Ausdruck, das heißt:
Stimme, Atem, Nerven, Gesten, Gangart usf. gleichsam im Stoffwechsel mit
der kulturellen Umgebung. Doch die Wissenschaft vom Ausdruck wird
bislang weitgehend vom Gegensatz der 'zwei Kulturen' beherrscht und
begrenzt: dort die Erforschung der neuronalen, anatomischen und
evolutionsbiologischen Grundlagen des Ausdrucks, hier das Studium der
kulturellen Semantik von Ausdrucksgebärden, der Rhetorik und der nach
Kulturen und Epochen ausdifferenzierten 'Sprache' der Künste. Sprache
ist hierbei im weiteren Sinne zu verstehen: als System von Regeln,
Materialien und Konventionen, mit denen Bedeutungen produziert wird.
Walter Benjamin hat die Schwelle
als Schulfall des dialektischen Denkens verstanden, weil nur von einer
Position auf der Schwelle beide ansonsten getrennten, gegeneinander
abgesperrten Räume zugänglich sind, weil nur dort das Licht von beiden
Seiten auf die Szene fällt. Wie sähe nun eine Theorie des Ausdrucks aus,
die das biologische und medizinische Wissen vom Ausdruck mit dem Wissen
über die Zeichen und aisthetischen Regeln des Ausdrucks verknüpft? Wie
sähe – anders gesagt – eine physiologische Semiotik aus, deren
Zeichenbegriff vom historischen Wissen der Kulturwissenschaften
profitiert und doch zugleich auf der Höhe der aktuellen Neuro- und
Biowissenschaften argumentiert?
Ein Gedankenexperiment, in dem die beiden Sichtweisen verbunden werden, findet sich schon in Ewald Herings Beitrag Über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie
(1870), in dem er sich vorstellt, sowohl die Position des Psychologen
einzunehmen, der die Nerventätigkeit als Grundlage der menschlichen
Äußerungen untersucht, als auch die Position desjenigen, der die Klänge
und Töne studiert, die aus dem Mund des Subjekts kommen und als Sprache
oder Musik in Erscheinung treten. In erkenntnistheoretischer Hinsicht
hat dagegen Sigmund Freud in seinem Fragment gebliebenen Entwurf zur Psychologie
(1895), der dem Projekt einer „naturwissenschaftlichen Theorie des
Gedächtnisses auf neuronaler Grundlage“ gewidmet ist, die Schwelle
zwischen den Methoden der Neuro- und Biowissenschaften einerseits und
den Fragen der Bedeutungswissenschaften andererseits eingekreist: als
Übergang und Inkompatibilität zwischen dem 'quantitativen Paradigma' der
Neurologie und dem 'qualitativen' Aspekt der Bedeutung von Erregungen
und Affekten. Irgendwo auf dem Wege zwischen physiologischen Prozessen,
neuronalen Aktivitätsmustern bzw. Erregungsmustern, Empfindungen,
distinkten Gefühlen und Gedanken sowie den Äußerungen des Subjekts
findet der Übergang zwischen Messbarem und Bedeutung statt. Der Traum,
Licht ins Dunkel dieser Black box zu bringen, ist ein starker Motor
wissenschaftlicher Neugier, bis hin zu dem Projekt, die Träume zu
visualisieren, indem man das Hirn schlafender Probanden mit Hilfe
bildgebender Verfahren 'durchleuchtet'. Was man zu sehen bekommt, sind
neuronale Erregungs- und Aktivitätsmuster, doch um die Traumbilder und
-geschichten zu erfahren, wird man auch weiterhin auf die Erzählungen
der Träumenden angewiesen sein. Diese Einsicht war vor mehr als einem
Jahrhundert für Sigmund Freud das Motiv, seinen Ort zu wechseln und den
Erzählungen seiner Patienten zuzuhören. Wenn die Neurowissenschaften
gegenwärtig die Psychoanalyse, den Traum und das Unbewusste
wiederentdecken, wird der Erfolg dieses Unternehmens davon abhängen,
welche Rolle dabei die erkenntnistheoretische Arbeit am Übergang
zwischen neuronalem und semantischem Paradigma spielen wird.
Die Affekte
sind für die Versuche, die Episteme empirischer und hermeneutischer
Methoden und Disziplinen gerade aufgrund ihrer verschiedenen
Betrachtungsweisen und Geltungsbereiche zu verknüpfen, von besonderem
Interesse. Denn sie sind nicht nur Gegenstand naturwissenschaftlichen
und biomedizinischen Experimentalwissens und haben – als Emotionen oder Gefühle
– derzeit in Neurowissenschaft und Hirnforschung Konjunktur. Auch für
die Geisteswissenschaften gehören die Affekte zu ihren angestammten
Gegenständen, so wenn sie die historisch spezifischen Ausprägungen der
Affektmodulierungen in verschiedenen Praktiken, Künsten und Kulturen
untersuchen. Zudem bildet der Affekt seit Aristoteles' Poetologie einen
Kernbegriff rezeptionsästhetischer Theoriebildung und Kunsttheorie:
Unlust und Lust, Mitleid und Furcht als Movens des Dramas und anderer
performativer Künste; während die Figur der compassio, des
Mitleidens mit dem Opfer, die christlich-abendländische Gefühlskultur
und Bildästhetik grundiert. Werden die Affekte einerseits als Motiv,
Ursache und Auslöser des Ausdrucks betrachtet, so bildet der Katalog
spezifischer und unterschiedlicher Affekte – Freude, Ärger, Angst,
Trauer, Überraschung, Ekel usw. – zugleich eine anthropologische
Grundlage der Kultur. Die sprachliche Distinktion unterschiedlicher
Affekte und historisch verschiedener Affektkulturen – mit Leitkonzepten
wie Pathos in der Antike, Passion in Mittelalter und Renaissance, Sensibilité/ Empfindsamkeit im 18. Jahrhundert, Reizbarkeit/ Nervosität
um 1900 (um nur einige grobe kulturgeschichtliche Differenzen zu
vergegenwärtigen) – korrespondieren mit unterschiedlichen
Körper-/Lebenskonzepten und ästhetischen Konventionen. Und
unterschiedliche Affektordnungen, d.h. verschiedene Praktiken im Umgang
mit Trauer und Freude, insbesondere die Regelungen öffentlicher oder
privater/ stiller Ausdrucksformen von Gefühlen, verschiedene
Konventionen im Umgang mit Aggression und Feindschaft, unterschiedliche
Gast- und Festrituale haben einen wichtigen Anteil an der Differenz der
Kulturen, oft diesseits und unterhalb jener nationalen und sprachlichen
Besonderheiten, die von den traditionellen Geisteswissenschaften
untersucht wurden. Der cultural turn hat hier den Blick für die Vielfalt und Bedeutung von Affektordnungen geschärft.
Weil
am Ausdruck stets physiologische Aspekte und die Sinne beteiligt sind,
unterhalten Untersuchungen zum Ausdruck im Bereich der Geistes- und
Kulturwissenschaften – im Unterschied etwa zu Repräsentationstheorie,
Bildwissenschaft, Mediengeschichte und der Geschichte von
Kulturtechniken – eine größere Nähe zur Anthropologie und stehen
insofern oft in einer je unterschiedlichen Beziehung zur Naturgeschichte.
Dabei werden die sogenannten natürlichen oder auch biologischen Anteile
des Ausdrucks gern und oft mit dem Paradigma des Vorsprachlichen oder
Nonverbalen verbunden, z.B. mit unartikulierten Lauten, Seufzern und
Schreien, mit Rhythmus, Gesichtsausdruck und unwillkürlichen Äußerungen
wie Zittern und Weinen. Es ist naheliegend, dass für solche Modelle
Rhythmus, Musik, Tanz und Stimme stets von besonderem Interesse sind, so
dass der Zusammenhang biologischer und kultureller Ausdrucksformen in
der Musikgeschichte seit langem eine prominente Rolle spielt.
Die
Sprache erscheint erst als eine Art Eintrittstor zur Kultur, weil mit
ihr Gesetze und Codierungen, Formgebung, Gestalt und Struktur auftreten.
Diese konstituieren soziale Konventionen ebenso wie sie subjektive
Ausprägungen im Umgang damit ermöglichen, d.h. Differenzierungen,
Variationen, Interventionen und Inventionen. Die natürlichen oder
kreatürlichen Anteile des Ausdrucks werden zumeist genealogisch an den
Anfang oder Ursprung versetzt, sei es in ontogenetischer Perspektive in
die Kindheit, sei es in phylogenetischer Perspektive an den Ursprung der
Gattung, wo dann die Verwandtschaft zwischen Menschen und Tier und die
Universalien-Frage ins Spiel kommt. Diese naturgeschichtliche
Betrachtungsweise tritt dabei in Konkurrenz zu mythischen, sprach- und
religionsgeschichtlichen Narrativen, in denen der Ursprung bereits
anderweitig besetzt ist. Herder ist hierfür eine interessante
Übergangsfigur, weil er in seinen genealogischen Theoremen sowohl auf
kreatürliche als auch auf biblische bzw. religionsgeschichtliche
Ursprungsphänomene rekurriert.
Diese Konkurrenz betrifft auch zentrale Begriffe des Ausdrucks wie etwa den der Erscheinung,
weil die Deutungshoheit darüber von der Religion beispielsweise über
die Künste in die Naturwissenschaft gewandert ist. Während
Erscheinungen, die Schauplätze und Medien des Erscheinens und
Inerscheinungtretens lange Zeit von theologischen Diskursen dominiert
waren, bevor die Künste zu den herausragenden Akteuren und Experten von
Visualisierung, Bildwerdung und Erscheinung und daran anschließenden
Theoriebildung wurden, spielen in der Naturgeschichte Aspekte wie
Erscheinung, Gestalt und Morphologie für die Klassifikation der Arten
eine wichtige Rolle. Im Anschluss daran hat sich das Feld einer biologischen Ästhetik
entwickelt, die in der Biologiegeschichte zwar ein Schattendasein
geführt hat, heute aber von der Kulturwissenschaft wiederentdeckt wird.
Das Gesicht
ist als einer der wichtigsten Schauplätze, auf dem Gefühle zum Ausdruck
gebracht werden bzw. in Erscheinung treten, ein Streitobjekt sehr
unterschiedlicher Deutungsmuster. Als Antlitz beansprucht das
menschliche Gesicht eine Exklusivität, die es von der Naturgeschichte
und kreatürlichen Welt abhebt, während die Rede von Ausdruckgebärden des
Gesichts die facialen Expressionen des Menschen eher als Komponente
naturgeschichtlicher Entwicklungen betrachtet. So ist die
Kunstgeschichte zwar eher mit dem Antlitz befasst, wobei die Nähe
zwischen Porträt und göttlichem Antlitz eine sakrale Dimension ins Spiel
bringt, doch berührt sie auch und gerade dort das Moment der
Vergänglich- und Kreatürlichkeit, wie insbesondere am Beispiel der
Totenmaske deutlich wird. Dagegen hat Darwin mit seinem Buch The Expression of the Emotions in Man and Animals
(1872) die Ausdrucksgebärden gleichermaßen für Tier und Mensch
reklamiert. Im Anschluss daran stellt sich die Disziplin der "Facial
Expression" heute als ein Feld überwiegend empirischer Forschung auf
biowissenschaftlicher Grundlage dar, wobei die Rolle der Medien und
Bilder, der Sprache und Deutung zunehmend hinter die Instrumentarien
zurücktritt und in Vergessenheit gerät.
Sigrid Weigel
- Anna Altschuk (1955-2008) zum Gedenken
- משל - eine hebräische Poetik des Ausdrucks (Daniel Weidner)
- Kurvendiskussion: Ausdruck, Dynamik und musikalische Bewegung nach 1900
(Tobias Robert Klein) - Biologische Ästhetik.
(A)Symmetrie und (Un)Sichtbarkeit im Erscheinen des Bauplans
(Peter Berz) - Bildessay
Unmasking the Facial Action Coding System. Wissensformen facialer Ausdrucksgebärden zwischen Messung und Schauspiel (Sigrid Weigel) - Jahrestagung
Kultur der Evolution. Rethinking evolutionary theoryfrom the perspective of cultural studies - Sichtbar sein. Materialität und Facialität frühneuzeitlicher Porträts (Jeanette Kohl)
- Vererbung,
Nervosität, Psychopathologie des Alltagslebens. Jacques-Joseph Moreau
de Tours' vergessener Text "Un Chapitre oublié de la pathologie mentale"
(Gerhard Scharbert) - "Talent der illegitimen Freude". Zur Affektordnung des georgischen Festes (Zaal Andronikashvili)
- Prekäre Übererfüllung. Emir Kusturicas Inszenierungen des serbischen Nationalismus
(Miranda Jakiša)


