Trajekte 18
Überleben
Herausgeber:
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
Berlin, April 2009
56 Seiten
Inhalte
In Anbetracht der globalen Klimakatastrophe und der internationalen
Finanzkrise ist die Rede vom Überleben allgegenwärtig. So melden die
Zeitungen am 18. Februar 2009 beispielsweise, dass die US Regierung nach
Vorlage des Sanierungskonzepts der schwer angeschlagenen US-Autobauer
an alle Seiten appelliert habe, sich für ein Überleben der Firmen
einzusetzen. Was aber hat dieses Überleben der Automobilfirmen
mit jenem Bild zu tun, das uns wiederholt aus den immer gleichen
Nachrichtenbildern von Erdbeben-, Unwetter- oder Flugzeugkatastrophen
anspringt: Verstört, planlos und wie abwesend, unansprechbar und zu
keiner klaren Auskunft über das Geschehene fähig, irrt ein Mensch, der
die Katastrophe überlebt hat, auf den Trümmern des Unfall- oder
Unglücksorts umher, anstatt sich um das eigene Leben zu sorgen – ein
Bild, in dem sich die Figur des Überlebenden verdichtet und verkörpert. Durch den Tatbestand, überlebt zu haben, scheint hier die Sorge um das eigene Leben zunächst ausgeschaltet.
Während die Semantik beider Überlebensbegriffe extrem auseinander fällt – dort ein weites Verständnis von Leben,
das auch nicht-biologische Körperschaften einschließt, hier die
existenzielle Zuspitzung des Sinns vom Überleben an der Schwelle zum
Tod, im Angesicht der Opfer eines 'unnatürlichen' Todes –, während beide
Bedeutungen also auf den ersten Blick wenig gemein zu haben scheinen,
gibt es womöglich dennoch eine Verbindung. Diese zeigt sich weniger auf
der Begriffsebene als in ein und demselben Begründungszusammenhang für
beide: der Geschichte der Moderne als einer Abfolge der man-made disaster.
Ein solches Bild der Moderne ist geprägt von dem Bewusstsein, dass
nicht nur das einzelne Leben ständig bedroht ist, sondern der
Fortbestand der Spezies. Damit sind Unglück und Unfall von der Ausnahme
zum Sonderfall einer permanenten Gefahr mutiert. Eine solche
Bewusstseinslage grundiert auch die gegenwärtige Konjunktur des
Überlebens-Paradigmas.
In ihrem Beitrag zu Natur und Geschichte,
in dem Hannah Arendt in den fünfziger Jahren die im 20. Jahrhundert
fundamental veränderte Beziehung zwischen Natur- und
Geisteswissenschaften erörtert hat, erscheint eine auf den ersten Blick
ganz unkatastrophische Semantik des Überlebens, mit der die moderne, auf
Kurzlebigkeit ausgerichtete Produktionsweise im technischen Zeitalter
am Beispiel des Häuserbaus in den Vereinigten Staaten kommentiert wird:
"Das Haus soll gar nicht mehr den Menschen, sondern der Mensch das Haus
überleben." Diese unspektakuläre Feststellung verweist allerdings auf
einen grundlegenden Wandel im Verhältnis zwischen biologischer,
historischer Zeit und der Zeit der Dinge. Mit ihm verändert sich auch
das Verhältnis zum Erbe der Vergangenheit.
Schon in seinem Essay
zum Passagen-Projekt hatte Walter Benjamin in den dreißiger Jahren das
Verhältnis zwischen dem kollektiven Imaginären und der Architektur als
eine Art verschachtelter Topographie des kollektiven Gedächtnisses
beschrieben, deren historische Signatur auf die Entwicklung der
Produktivkräfte zurückgeht. Letztere, so Benjamin in Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts,
"legte die Wunschsymbole des vorigen Jahrhunderts in Trümmern noch ehe
die sie darstellenden Monumente zerfallen sind. ... Sie sind Rückstände
einer Traumwelt". Während die Städtebewohner zu Beginn des 20.
Jahrhunderts sich demnach mit den Rückständen einer Traumwelt des 19.
Jahrhunderts umgeben sahen, sind solche Reste in Hannah Arendts
Jetztzeit der USA nach dem Zweiten Weltkrieg im Verschwinden begriffen.
Nun spielt sich der Umbau von Haus und Landschaft bereits innerhalb der
Lebensspanne einer Generation ab. Dies beschreibt Arendt als
eine Art Kreislauf von "bauen, verbrauchen, einreißen, und neu bauen".
Als Effekt der forcierten Entwicklung und der gleichzeitigen
Funktionserweiterung der Technik verweist sie auf die "Geschwindigkeit,
mit der sich das äußere Bild der Welt verändert", und erläutert diese
beschleunigte Veränderung mit einem mythischen Bild, "als sei die Welt
in einen proteischen Verwandlungsprozess gerissen." Der Ausdruck
"gerissen" signalisiert, dass hier eine technisch-ökonomische Bewegung
in Gang gesetzt ist, deren Dynamik in mythische Zeit umschlägt, in das
Gefühl, außerhistorischen Kräften ausgeliefert zu sein. Und tatsächlich
wird Arendt die geschichtsphilosophische Signatur dieser Konstellation
wenig später als Angleichung der geschichtlichen an eine zyklische Zeit
erörtern. Der Verlust historischer Zeit versetzt die Menschen zurück in
das Bewusstsein der Kreatur, das nur noch Überleben, aber kein Leben
kennt. Das Selbstverständnis des Menschen als Kreatur aber hat Benjamin
schon in seinem Trauerspielbuch in den zwanziger Jahre als eine widerhistorische Haltung bewertet.
Als
Hannah Arendt 1961 einige Beiträge zu Grundbegriffen des politischen
Denkens –Natur, Geschichte, Freiheit, Politik, Wahrheit – zu dem Buch Between Past and Future
zusammenfasst, beginnt sie ihr Vorwort mit einem Aphorismus des
französischen Schriftstellers René Char: "'Notre héritage n'est précédé
d'aucun testament' –‚unserer Erbschaft ist keinerlei Testament
vorausgegangen.'" Dieses Zitat ist Ausgangspunkt einer Reflexion über
die Lücke, die das Verschwinden des Konzepts der Tradition für das
Handeln hinterlassen hat: "Das Testament, das dem Erben sagt, was
rechtmäßig sein eigen ist, verfügt über vergangenen Besitz für eine
Zukunft. Ohne Testament oder, um die Metapher aufzulösen, ohne Tradition
– die auswählt und benennt, die übergibt und bewahrt, die anzeigt, wo
die Schätze sind und was ihr Wert ist – scheint es keine gewollte
zeitliche Kontinuität und also, menschlich gesprochen, keine
Vergangenheit und Zukunft zu geben, nur immerwährenden Wandel der Welt
und den biologischen Kreislauf der lebendigen Geschöpfe in ihr." Vor
diesem Hintergrund lässt sich die aktuelle Politik der 'Nachhaltigkeit',
einer auf Zukunft gestellten Praxis des Erbens, als verzweifelte
Antwort auf eine forciert um sich greifende Traditionslosigkeit deuten.
Die Sorge um das Überdauern repräsentativer Zeugnisse der
Vergangenheit wirkt wie eine kontra-phobische Politik, mit der die
Vergangenheit gegen die Angriffe der Gegenwart abgesichert werden soll,
als Überleben der Dinge, während sich das Erbe doch zur gleichen Zeit in
eine Anhäufung von Schulden verwandelt.
Mit der gegenwärtigen
Konjunktur des Überlebensbegriffs reicht eine der herausragenden Figuren
des 20. ins 21. Jahrhundert hinein. Denn jede Rede von dem Überleben
wird seit der Shoah überschattet von der besonderen Bedeutung, die das
Wort in deren Nachgeschichte erhalten hat. Vor deren Horizont spitzt
sich die Frage nach dem begrifflichen Zusammenhalt der verschiedenen
Bedeutungsfacetten noch zu. Was hat das Überleben als Symptom eines
Krisenbewusstseins, was das Bewusstsein einer globalen Gefährdung des
künftigen Lebens von Mensch und Umwelt auf diesem Planeten etwa mit
einer solch radikalen Wendung zu tun wie derjenigen des Ich-Erzählers in
Georges-Arthur Goldschmidts autobiographischer Reflexion Le poing dans la bouche (2004, dt. Die Faust im Mund,
2008), in der dieser sich als "unnötig Überlebenden" bezeichnet: "Ich
fand für dieses Unbehagen – zweifelhafte Herkunft und unnötiges
Überleben samt uneingestehbarer Gewohnheiten – keine passende oder auch
nur mögliche Form des Ausdrucks." Wer einmal durch die Judenpolitik der
Nazis qua Geburt zum Tode 'bestimmt' worden ist, dieser 'Bestimmung'
aber durch Emigration, Versteck oder die Hilfe anderer entkommen ist,
dem erscheint das eigene 'gerettete' Leben nicht selten als
unberechtigt, gleichsam illegitim oder gar 'unnötig'.
Die
Psychoanalyse hat einige Jahrzehnte benötigt, um eine solche
Traumatisierung von Überlebenden der nationalsozialistischen
Vernichtungspolitik als 'Überlebendensyndrom' zu verstehen, das sehr
häufig eine latente suizidale Gefährdung einschließt. Noch länger hat es
gedauert, bis die Mehrheitsgesellschaft, bis vor allem Justiz und
Entschädigungsbürokratie bereit waren, die Gefährdung von Überlebenden –
die zur Selbsttötung viele Jahrzehnte nach dem Ende der unmittelbaren
Gefahr führen kann, wie im Falle von Primo Levi, Paul Celan, Peter
Szondi, Jean Améry und anderen – als 'Spätschaden' anzuerkennen, d.h.
als Beschädigung, die in einem direkten Zusammenhang zur Shoah steht.
Améry selbst hat diese psychische Dynamik durch den radikalen Verlust an
'Weltvertrauen' erklärt. Nach dieser spezifischen Art von Überleben scheint das Leben
per se und ganz grundlegend in Frage gestellt, hat die Verbindung von
'Gewissheit' und – zeitlicher – 'Unbestimmtheit' des Todes, die
Heideggers Ontologie 1927 als grundlegend für das Dasein reflektiert
hat, durch die allzu konkret gemeinte Bestimmung zum Tode durch die
NS-Rassenpolitik ihre existenzielle Geltung verloren. Damit hat die
Bestimmung des Daseins als "Sein zum Tode" eine fundamental andere
Bedeutung erhalten, als der Urheber dieser Formel sich hat vorstellen
können.
Anstatt das Lager als Chiffre für das 20. Jahrhundert zu
metaphorisieren, gilt es den Schatten zu reflektieren, den die Figur
des Shoah-Überlebenden auf jeden Überlebensdiskurs seither wirft.
Vielleicht lohnt es sich heute – angesichts der Tatsache, dass adäquate
Analysen der gegenwärtigen globalen 'Krise' bislang ausgeblieben sind –
noch einmal auf die Versuche der Kritischen Theorie zurückzukommen, die
Kosten der Modernisierung und den Zivilisationsbruch der Shoah in einen
gemeinsamen geschichtstheoretischen Begründungszusammenhang zu stellen.
Und insofern die Apologie der Privatisierung, die in den letzten beiden
Jahrzehnten den öffentlichen Diskurs beherrschte, sich blind erwiesen
hat gegenüber der Vergesellschaftung der Kosten, die sich im Rücken der
Privatisierung (der Gewinne) abgespielt hat, wird – so darf vermutet
werden – das in letzter Zeit vielfach geäußerte Verdikt gegen die
kapitalismusanalytischen Bemühungen von Autoren der Kritischen Theorie
in einem veränderten Licht erscheinen.
Das Bewusstsein, dass das
Leben in vieler Hinsicht nur mehr Überleben sei, ist jedoch ein
Denkmuster, das weiter als ins 20. Jahrhundert zurückreicht, wie der
einführende problem- und begriffsgeschichtliche Essay von Falko
Schmieder zeigt. Ihm sind auch Anregung und Konzeption dieses
Schwerpunktthemas der Trajekte zu verdanken. Das Vorhaben, hier
einige der zahlreichen Varianten aus der facettenreichen Bedeutung des
Überlebensbegriffs vorzustellen, versteht sich als Beitrag zu einer
Arbeit an Differenzen. Denn die aktuelle Ubiquität des
Überlebensbegriffs korreliert mit einer prekären Tendenz zur Einebnung
aller Unterscheidungen.
Sigrid Weigel
- Überleben und Nachhaltigkeit. Ein problem- und begriffsgeschichtlicher Aufriss (Falko Schmieder)
- Aus dem Archiv
- Das Nachleben der Antike. Zur Einführung in die Bibliothek Warburg (Fritz Saxl)
- Nachleben als Programm und Methode der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (Martin Treml)
- Überleben im Erbe. World Heritage und konservatorische Futurisierung (Stefan Willer)
- »Our common future«. Technik, Risiko und der Umgang mit irreversiblen Prozessen
(Tile von Damm) - Überlebende Organe und ihr Milieu. Von der Distinktion zur Relation (Katrin Solhdju)
- Gesellschaft als Überlebenszusammenhang. Zu Hobbes' Leviathan (Stefanie Ertz)
- Aus dem Archiv
Furchtlose Augen (Warlam Schalamow) - Überleben im GULAG. Varlam Šalamovs Erzählungen aus der Kolyma (Franziska Thun-Hohenstein)
- »Verstrichener Humanismus«. Zum Begriff des Überlebens nach Auschwitz (Birgit Erdle)
- Überleben und Schreiben. Zu Sempruns L'écriture ou la vie (Christina Pareigis)
- Zeugen des Überlebens. Zu Agambens Was bleibt von Auschwitz? (Dirk Naguschewski)
- Überleben des Untergangs. Zu Adornos Negativer Dialektik (Christine Kirchhoff)
- Überlebensschuld. Zu Canettis Masse und Macht
(Justus Fetscher) - Piotr Nathan. Kunst der Vergänglichkeit
- PLN, LTI. Überschreibungen des 'inneren Deutschland'
(Karlheinz Barck) - Wiedergänger. Zu Derridas Spectres de Marx
(Christine Blättler) - Vom Überleben des Imperiums. Aktuelle Narrative in Russland (Matthias Meindl)


