Trajekte 19
Ost West Passagen
Herausgeber:
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
Berlin, September 2009
52 Seiten
Inhalte
Topographie und Geographie
In Ingeborg Bachmanns Erzählung Drei Wege zum See
(1972) wirft die Hauptfigur, die während ihres Familienurlaubs in der
Österreichischen 'Provinz' durchs Gebirge wandert, einen Blick nach
"dort drüben", wo sie "gerne gelebt" hätte: "über die Karawanken
hinüber, wo geradewegs in der Verlängerung einmal Sipolje gewesen sein
muß." Mit Sipolje, dem fiktiven slowenischen Dorf aus Joseph Roths
Romanen Radetzkymarsch (1932) und Kapuzinergruft (1938) wird signalisiert, dass Bachmanns Sehnsuchtsblick einer poetischen Geographie
gilt, die auf den Untergang des 'Vielvölkerstaates' verweist. Auch wenn
darin der Sohn von Roths Figur Trotta (als große Liebe der Hauptfigur)
wieder aufersteht, geht es ihr nicht um eine nostalgische Rückkehr zur
Vergangenheit. Eine Vorbemerkung erklärt, dass der "Ursprung der
Erzählung im Topographischen" liege, gefolgt vom Datum der Wanderkarte
des Autors, "Auflage 1968", einem augenzwinkernden Hinweis auf den
historischen Index der Erzählung. Durch diese Konstellation verwandelt
sich die 'Provinz' in eine Schwelle zum versunkenen "Riesenreich", einem
ehemaligen Imperium. Aus der Perspektive von dessen Geographie gibt der
Westen die Peripherie ab. (s.u. FN 1)
Bachmanns Erzählung
reflektiert eine Betrachtungsweise, für die große Teile Europas – man
befand sich mitten im 'Kalten Krieg', in Prag standen sowjetische Panzer
– eine terra incognita darstellten. Im Dunkeln des politischen
Diskurses lebten sie nur mehr als konservierte Gedächtnislandschaft
fort, deren Datierung hinter den Beginn des Zweiten Weltkriegs
zurückreichte. In Gestalt der Stimme Trottas, die in den inneren
Monologen der Hauptfigur den politischen Pathosformeln von 1968 ständig
ins Wort fällt, erscheint in Bachmanns Erzählung die osteuropäische
Kultur als Topographie eines "politischen Unbewussten" (Jameson) im
Diskurs der westeuropäischen Intellektuellen.
Nach dem Fall der
Mauer und der Öffnung des 'Eisernem Vorhangs' ist das Verdrängte
'Europas' zurückgekehrt – und damit auch die Bedeutung der Geographie.
Diejenigen, die wähnten, Europa zu sein und zu vertreten, wurden gewahr,
dass das, was man über ein halbes Jahrhundert sich angewöhnt hatte,
Europa zu nennen, "nur" sein westlicher Teil ist, und zudem nicht einmal
ausgemacht ist, wo Europa "aufhört". Ein Satz des ukrainischen Autors
Jurij Andruchovytsch – "In Europa liegt der Osten paradoxerweise dort,
wo die Mitte des Kontinents ist" – bringt die paradoxale Topographie
Europas auf den Punkt: Sie ist durch eine Ungleichzeitigkeit zwischen
geographischen, politischen und kulturellen Europa-Begriffen
gekennzeichnet. Unter diesem Motto stehen die diesjährigen Literaturtage des ZfL, in deren Kontext die hier abgedruckten Texte von Dževad Karahasan und Herta Müller gehören.
In
Folge dieser tiefgreifenden Erfahrungen hat unter westeuropäischen
Intellektuellen ein intensiver Europa-Diskurs eingesetzt, eine
Europa-Philosophie, in der nach dem Motto Penser l'Europe à ses frontières
die beliebtesten Topoi von Dekonstruktion und Deterritorialisierung
noch einmal in Umlauf kamen: z.B. Europa als Archipel. Diesen Diskurs
analysiert, vor dem Horizont der weit zurückreichenden Geschichte der
philosophischen Selbstreflexion Europas, Rodolphe Gaschés jüngstes Buch:
Europe or the Infinite Task. A Study of a Philosophical
Concept. Ein Auszug aus dem Vorwort erscheint hier in deutscher Übersetzung.
Gegen
die Dominanz der Topoi aus Philosophie und Theorie haben Intellektuelle
und Schriftsteller aus östlichen Kulturen Europas die Geographie stark
gemacht: Geopoetik und Geopolitik, letzteres weniger
im Sinne einer Foucaultschen Kritik an der Geopolitik westeuropäischer
Nationen, sondern als (poetische) Politik mit der Geographie in
kritischer Absicht: nicht zuletzt gegenüber der verbreiteten Projektion
von Metaphern auf den real-historischen Raum. Magdalena Marszałek und
Sylvia Sasse stellen in ihrem Artikel Genese und Programm der Geopoetik
dar. Zu den prominentesten Metaphern gehören Brückenbau und Brücke; als
Vereinigungssymbol schmücken Brücken die Euro-Geldscheine. In ihrem
Beitrag über die Geschichte einiger realer Brücken, die als
Transferwege zwischen Ost und West dienen, nimmt Tatjana Petzer die
Metapher wörtlich und entdeckt dabei die Brücken als stets gefährdete Architekturen der Passage.
Text–Passagen–Übersetzungen
Die Verschiebung Europas nach Osten ist der Ausgangpunkt für das Interesse an historischen und aktuellen Passagen
durch Europa, die seit Jahren am ZfL untersucht werden, und zwar nicht
nur in der West-Ost-, sondern vor allem auch in der Ost-West-Richtung:
Passagen, in denen sich die europäische Kulturgeschichte als Pluralität
von Sprachen, Religionen, Bildern, Schrift- und Zeichensystemen, von
Mentalitäten, Kleiderordnungen, familialen Lebensformen, sozialen
Affektgeboten und Erinnerungssymbolen zeigt. Von Berlin über Vilnius,
den Balkan, Odessa bis Istanbul und darüber hinaus nach Georgien und
Beirut und zurück verlaufen die Wege einzelner Projekte, aus deren
Forschungszusammenhang eine Reihe von Artikeln dieses Heftes entstanden
ist.
Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Transfer von Texten, der sich zuallererst als Problem der Übersetzung darstellt. Die Tatsache, dass Übersetzungen
sich niemals allein zwischen zwei Sprachen im linguistischen Sinne
abspielen, sondern diffizile Aspekte der Säkularisierung wie auch
Verhandlungen zwischen unterschiedlichen Öffentlichkeiten, Alphabeten,
Schrift- und Drucksystemen betreffen, gehört zur Einsicht vieler
Forschungsprojekte des ZfL. (s.u. FN 2) Durch die Öffnung des
Forschungsschwerpunkts Kulturgeschichte Europas nach Osten hin
rücken nicht nur vielfältige Literaturen in den Blick (durch
südslavische, arabische, türkische und georgische Quellen), sondern auch
die involvierten religiösen Überlieferungen (insbesondere durch Islam
und Ostkirche). Die Betrachtungen von Leo Spitzer aus dem Jahr 1935, die
Beiträge von Barbara Winckler und Michael Marx sowie die Reflexionen
der Übersetzer Stefan Weidner und Gabriele Leupold thematisieren
unterschiedliche philologische Fragen, die bei der Passage von Texten
zwischen Ost und West entstehen.
Passagen durch das alte und neue Europa
Die
Art und Weise, wie Joseph Roth am Vorabend des Zweiten Weltkriegs das
Ende der Familie Trotta als Allegorie auf den Untergang des
'Vielvölkerstaates' erzählt, ist rettende Kritik im Sinne Walter
Benjamins: Erst im Moment ihres Verschwindens wird das Bild einer Kultur
lesbar. Dreißig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als das
'alte Europa' gänzlich von der Bildfläche verschwunden war, hat der
englische Schriftsteller Patrick Leigh Fermor die Aufzeichnungen von
seiner Reise zu Fuß quer durch Europa, die er in den Jahren, in denen
auch Roths Romane entstanden waren, unternommen hatte, zu einer
Reisebeschreibung verarbeitet: Zu Fuß nach Konstantinopel.
Entlang von Rhein und Donau führte ihn sein Weg in den Jahren 1933/34
von Holland über Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien nach
Istanbul. Seine Schilderung eines "längst versunkenen Kulturraums" ist
als "Ethnologie einer untergegangenen Kultur" rezipiert worden, aus der
die Melancholie einer "verlorenen operettenhaften Welt"
spricht. Die Vorstellung, dass diese Melancholie allein den Bildern des
'alten Europa' geschuldet ist, wurde allerdings spätestens mit Orhan
Pamuks Buch Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt durchkreuzt. Dessen Reflexionen über den hüzün,
die türkische Variante der Melancholie, gelten ebenfalls den Bildern
einer untergegangenen Kultur, hier des Osmanischen Reiches. Dass die
Wissenschaft manchmal stärker für die Verklärung des 'alten Europa'
anfällig sein kann als die Literatur, erörtert Ann-Christian Saß in
diesem Heft am Beispiel aktueller Präsentationen des Scheunenviertels
als 'ost-jüdisches Quartier'.
Nahezu sieben Jahrzehnte nach
Fermors Wanderung und drei Jahrzehnte nach Bachmanns
Gedächtnistopographie hat Ulrike Ottinger sich für den Film Südostpassage. Eine Reise zu den neuen weißen Flecken auf der Landkarte Europas
mit ihrem Filmteam auf die Reise begeben, um an Schauplätzen der
süd-östlichen Geographie Europas "die Gesetze des Vergessens" zu
erforschen. Aus dem Bildarchiv dieser Reise von Berlin nach Istanbul
stammen die meisten Abbildungen in diesem Heft. Zu sehen sind Orte des
Unter- und des Übergangs. Orte eines mehrfachen Untergangs,
insofern auf den Schauplätzen der postsowjetischen Kultur die Reste des
Vorkriegs-Europa sichtbar und derart Städte wie Odessa und Timisoara als
Hauptstädte des 20. Jahrhundert kenntlich werden. Für sie gilt, was
Benjamin auf Paris als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts gemünzt hat: "Die
Entwicklung der Produktivkräfte legte die Wunschsymbole des vorigen
Jahrhunderts in Trümmer noch ehe die sie darstellenden Monumente
zerfallen waren." Es sind zugleich aber auch Orte des Übergangs,
insofern sie die Signaturen einer globalisierten Ökonomie tragen. Als
deren Emblem kann die überdimensionierte karierte Plastiktasche gelten,
Billigkoffer und Warenlager in einem, die man auf allen Märkten der
neuen 'neuen Welt' sieht – je östlicher, desto häufiger. Die
operettenhafte Seite dieser Welt fängt demgegenüber der Spielfilm 12 Stühle
ein, den Ottinger in Odessa und auf der Krim nach dem satirischen Roman
von Il'ja Ilf und Evgenij Petrov aus dem Jahre 1927 gedreht hat. Ihr
Film liest die 12 Stühle als Allegorie der Schätze, die in dem vom
Sowjetkommunismus verworfenen Mobiliar Alteuropas verborgen sind. So
fördert die Süd-Ost-Passage, wie andere Trajekte durch die
Geographie der lange ausgeblendeten Teile Europas auch, die kulturelle
Archäologie Europas ans Licht. (Sigrid Weigel)
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FN 1: Vgl. die Kapitel "Topographische Poetologie" in S. Weigel: Ingeborg Bachmann. Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses, Wien 1999, und "Zum 'topographical turn'. Raumkonzepte in den Cultural Studies und den Kulturwissenschaften", in: Dies.: Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte, München 2004.
FN 2: D. Weidner (Hg.): Figuren des Europäischen. Kulturwissenschaftliche Perspektiven, München 2006; S. Arndt/ D. Naguschewski/ R. Stockhammer (Hg.): Exophonie. Anders-Sprachigkeit (in) der Literatur, Berlin 2007; M. Treml/ D. Weidner (Hg.): Nachleben der Religionen. Kulturwissenschaftliche Untersuchungen zur Dialektik der Säkularisierung, München 2007; H.-P. Schmidt/ D. Weidner (Hg.): Bibel als Literatur. Eine Anthologie, München 2008; S. Weigel: Walter Benjamin. Die Kreatur, das Heilige, die Bilder, Frankfurt a. M. 2008.
- Bildessay
Brücken – Architekturen der Passage (Tatjana Petzer) - Europa als Name, Europa als Begriff (Rodolphe Gasché)
- Ulrike Ottinger: 12 Stühle
- Über das Türkisch-Lernen. Psychologische Betrachtungen (Leo Spitzer)
- "Ein Bein über das andere geschlagen". Zu einem Gründungstext der modernen arabischen Literatur (Barbara Winckler)
- Aus dem Archiv "The Koran according to Agfa": Gotthelf Bergsträßers Archiv der Koranhandschriften (Michael Marx)
- Den Koran als Dichtung übersetzen. Vorschläge zu einer alternativen Koranübersetzung (Stefan Weidner)
- Zwischen den Texten – Notizen zum Übersetzen eines Gedichts (Gabriele Leupold)
- Literaturtage
Harun al-Raschid schenkt Karl dem Großen einen Elefanten (Dzevad Karahasan) - Kartoffelmensch (Herta Müller)
- Geopoetiken (Magdalena Marszałek, Sylvia Sasse)
- Ein 'ostjüdisches' Quartier? – Jüdische Migranten vor und nach 1918 im Berliner Scheunenviertel (Ann-Christin Saß)


