Trajekte 20
Aus Berliner Archiven
Herausgeber:
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
Berlin, 2010
52 Seiten
Inhalte
Wie schon die Nummer 10 fällt auch diese Nummer 20 der Trajekte aus dem Rahmen und dehnt die Rubrik Aus dem Archiv auf das ganze Heft aus. Das zehnjährige Erscheinen der Trajekte im fünfzehnten Jahr des Bestehens ist für das Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
durchaus eine Wegmarke auf den mit vielen Erfolgen gepflasterten, doch
trotz allem noch unbefestigten, aber auch unzementierten Pfaden einer
jungen Forschungseinrichtung. Mit diesem kleinen Jubiläum gesellen wir
uns zu den Großjubilaren des Berliner Wissenschaftsjahres und widmen diese Nummer einer Reihe von Einblicken in verschiedene Berliner Archive.
FÜR EINE ARCHÄOLOGIE DES ARCHIVS
Dieses Heft enthält Beiträge zu einer Archäologie des Archivs – dies allerdings in einem sehr viel buchstäblicheren und materielleren Sinne, als Michel Foucault es je gemeint hat, dessen Archäologie des Wissens
(1969, dt. 1973) das kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Interesse
am Archiv beflügelt hat. Wenn Foucault das Archiv als "das Gesetz
dessen, was gesagt werden kann," definiert, als "System, das das
Erscheinen der Aussagen als einzelner Ereignisse beherrscht", dann
bezeichnet das Archiv bei ihm diejenigen Prozeduren, nach denen Diskurse
reguliert und Wissen generiert werden. Im Zentrum dieses Heftes stehen
dagegen konkrete Archive, Orte, an denen unterschiedlich geartete
Bestände gesammelt, bewahrt, geordnet, bearbeitet und für die Nutzung
zugänglich gemacht werden: An ihnen sind unterschiedlichste Objekte
gelagert, Dokumente und Quellen, Nachlässe und andere
Hinterlassenschaften, Handschriften, Drucke, Bild- und Tonträger sowie
vieles andere mehr.
Eine Archäologie solcher Archive offenbart deren
häufig wechselvolle Geschichte, die sich im gegenwärtigen Zustand selten
unmittelbar zeigt. Unterschiedliche Katalogsysteme, die auf den Wechsel
von Medien und Kulturtechniken zurückgehen – etwa von Bestandsbüchern
über Karteikarten zu digitalen Verzeichnissen –, sind oft das
auffälligste Anzeichen für die Geschichtlichkeit von Archiven. Häufig
betrifft die Entstehungs- und Vorgeschichte aber nicht das Archiv als
ganzes. Die Zusammenführung von Sammlungen, die Teilung und räumliche
Verlagerung ebenso wie deren wiederholte Reorganisation nach veränderten
Kriterien führen dazu, dass sich im Archiv oft zahlreiche Bestände
unterschiedlicher Provenienzen versammeln. Erst über eine Archäologie
von Archiven in diesem konkreten Sinne erschließt sich der historische Index einzelner Sammlungen, ähnlich wie im jüngst restaurierten und wiedereröffneten Neuen Museum
in Berlin nicht nur Objekte aus fernen Zeiten oder von fernen
Schauplätzen ausgestellt sind, sondern dort jeweils im Zusammenhang
eines spezifischen Ausgrabungsvorhabens präsentiert werden. Auf diese
Weise wird erkennbar, dass die Ausstellungsstücke nicht nur Spuren ihrer
Herkunft, sondern auch Signaturen ihrer Auffindung und des dabei
virulenten Erkenntnisinteresses tragen. Damit erhält Walter Benjamins
Allegorie des Gedächtnis-Schauplatzes, die unter dem Titel Ausgraben und Erinnern
bekannt ist, einen ganz konkreten Sinn: "Denn der betrügt sich selber
um das Beste, der nur das Inventar der Funde und nicht auch […] Ort und
Stelle des Findens selbst in der Niederschrift bewahrt."
Die
Fallgeschichte einer solchen Archivarchäologie wird in dem Beitrag von
Britta Lange erzählt. Die wechselvolle Entwicklung einer Berliner
Sammlung mit Tonträgern von Stimmen aus dem Umfeld des Ersten Weltkriegs
führt in das geplante Humboldt-Forum in Berlins Mitte. Wo die Besucher
fremde Welten kennenlernen sollen, werden diejenigen, die die dort
einmal versammelten Archive nutzen, zugleich mit einem kolonial
motivierten Sammlungsinteresse des ‚Deutschen Reiches’ konfrontiert.
Dagegen untersucht Daniel Meiller diejenigen Veränderungen, die zwar auf
alle Archive im digitalen Zeitalter zukommen, in besonderer Weise aber
auf solche, bei denen nicht nur die Archivierung elektronisch umgestellt
wird, sondern deren Gegenstände selbst vom medientechnischen
Fortschritt betroffen sind. Der Artikel verfolgt vor allem das Problem
des Umgangs mit dem Bestand analoger Filme in der gegenwärtigen Praxis
von Filmarchiven, die im Fahrwasser der Filmproduktion längst digital
organisiert und ausgerüstet sind. Eine der ältesten Techniken des
Archivs diskutiert der Beitrag von Daniela Döring, in dem die
Redewendung vom "Schlüssel zum Archiv" eine handfeste Bedeutung erhält.
Nur wer den Schlüssel zu den Schränken des Archivs in der Hand hat,
verfügt über den vollständigen Zugang zu den Beständen. In ihrem Artikel
geht es um die Art und Weise, wie die Inventarisierungs-, Ordnungs- und
Verschlussfunktion des Schrankes im Archiv Räume des Wissens im
wörtlichen Sinne entstehen lässt.
ARCHÄOLOGIE UND IDEENGESCHICHTE
Foucault
hat seine Methode der Archäologie im Kontrast zur Ideengeschichte
konzipiert. In einem der vier Prinzipien seiner Abgrenzung heißt es:
"Die Instanz des schöpferischen Subjekts als raison d’être
eines Werkes und Prinzip einer Einheit ist ihr fremd." Ganz im Gegensatz
dazu ist es gerade die Arbeit intellektueller Subjekte, die die beiden
im ZfL befindlichen Archive begründet: das Archiv Susan Taubes und der Nachlass Jakob Taubes. In beiden Fällen geht es darum, die jeweiligen Hinterlassenschaften zu sichten, zu ordnen und zu edieren, wobei edieren
ein schlichtes Wort ist für die aufwendige Recherche zu den Kontexten
und Hintergründen, den Themen und Motiven, den Adressaten und Namen, von
denen in den Briefen der beiden die Rede ist. Durch deren Erforschung,
die umfangreiche Recherchen in zahlreichen, weit zerstreuten anderen
Archiven umfasst und schließlich in die Auswahl, Anordnung und
Kommentierung der zu edierenden Korrespondenzen eingeht, werden die
Hinterlassenschaften von Jacob Taubes und Susan Taubes als Teil einer intellectual history
der Bundesrepublik und der europäisch-amerikanisch-israelischen
Nachkriegszeit lesbar. Die für die am ZfL befindlichen Archive
verantwortlichen Wissenschaftler – Christina Pareigis für das Archiv Susan Taubes, Martin Treml und Herbert Kopp-Oberstebrink für den Nachlass Jacob Taubes
– geben in ihren Beiträgen Einblicke in ihre Arbeit und dokumentieren
bisher unpublizierte Texte und Bilder aus den Nachlässen. In diesen
Fällen ist es also nicht so, dass das Archiv der Ideengeschichte
entgegensteht, vielmehr ermöglichen die Archive mit den Nachlässen
"schöpferischer Subjekte" aufschlussreiche Einblicke in die
Ideengeschichte und deren Verquickung mit den Biographien.
Die Frage
nach der Verquickung zwischen Persönlichkeit und Ideengeschichte – in
diesem Fall betrifft sie die Öffnung der romanistischen
Sprachwissenschaft der Zwischenkriegszeit für neue,
kulturwissenschaftliche Fragestellungen – steht im Zentrum des Beitrags
von Dirk Naguschewski. Er rekonstruiert die Fallgeschichte von Max
Leopold Wagner aus den Dokumenten des Universitätsarchivs der Humboldt-Universität
- soweit solche Dokumente eine Aufklärung über die "ungeklärten
Umstände’ zulassen, die zur Entlassung des homosexuellen Professors
geführt haben.
DOKUMENTE UND MONUMENTE
Auch
altehrwürdige, viel genutzte Archive bergen immer wieder Überraschungen.
Von einer solchen berichten Dominik Erdmann und Christian Thomas in
ihrem Artikel über die Entwurfshandschriften zu Alexander von Humboldts
berühmten Kosmos-Vorlesungen aus den Jahren 1827/28, die sich in seinem Nachlass in der Staatsbibliothek Berlin
befinden. Durch deren Studium muss die Legende, Humboldt habe die
Vorlesung in "freier Rede" gehalten, korrigiert werden; andererseits
verdichtet sich mit diesem Konvolut die Schichtung der verschiedenen
Kosmos-Manuskripte. Der Artikel erörtert die Konsequenzen, die dies für
die textkritische Analyse des Verhältnisses hat, in dem
Universitätsvorlesung (bzw. deren Mitschriften), populäre Vorlesung und
die viel spätere Buchpublikation von 1845 stehen – ein faszinierendes
Textgeflecht, das nun genauer untersucht werden kann. Einem anderen
bedeutenden Berliner Nachlass ist der Beitrag von Herbert
Kopp-Oberstebrink gewidmet, der auf unpublizierten Dokumente aus dem
Umfeld von Wilhelm Diltheys Rede Archive für Literatur (1889) und der von ihm initiierten Gesellschaft zur Gründung eines deutschen Literaturarchivs basiert, insbesondere einer nachgelassenen Variante zur Rede und den Statuten der Gesellschaft.
Allein die Tatsache, dass Diltheys Nachlass, der zum Bestand des Archivs der Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
gehört und sich damit nicht an der Seite desjenigen Alexander von
Humboldts befindet, muss aus der Sicht Diltheys als Enttäuschung seines
Plädoyers für besondere, von den Bibliotheken getrennte Literaturarchive,
in denen die Handschriften aller bedeutender literarischer und
wissenschaftlicher Autoren vereint werden, bewertet werden. Am Ende der
Rede wird die ganze Zweischneidigkeit von Diltheys Programm deutlich.
Kann jene einerseits als Gründungsurkunde der nationalen
Literaturarchive in Deutschland gelten, so stellt sie sich zugleich als
ein Programm dar, in dem die Dokumente der Literaturgeschichte in nationale Monumente
verwandelt werden. Denn sein Vorschlag, so Dilthey, verknüpfe "das
Interesse der zeitlosen Wissenschaft" mit "der Pflege unseres nationalen
Bewusstseins". Solche "Stätten, an denen die Handschriften unserer
großen Schriftsteller erhalten und vereinigt lägen, die erhaltenen
Büsten und Bildnisse darüber, wären Pflegestätten der deutschen
Gesinnung. Sie wären eine andere Westministerabtei, in welcher wir nicht
die sterblichen Körper, sondern den unsterblichen idealen Gehalt
unserer großen Schriftsteller versammeln würden." Insofern ist es kein
Zufall, dass Diltheys Archive für Literatur die Deutschen als
herausragende Kulturnation bewertet, in deren geistiger Leistung die
gesamte geistige Entwicklung von Antike, Abendland und europäischer
Neuzeit gipfelt. Das Literaturarchiv bezeichnet in Diltheys Verständnis
"alle dauernd wertvollen Lebensäußerungen eines Volkes, die sich in der
Sprache darstellen: also Dichtung wie Philosophie, Historie wie
Wissenschaft."
Im Blick auf die Art und Weise, wie hier das Bewahren
und Pflegen der Dokumente sich in nationale Gesinnungspflege
verwandelt, muss Foucault noch einmal widersprochen werden. Mit seiner
Gegenüberstellung von Archäologie und Ideengeschichte wendet er sich
nämlich gegen die Behandlung des Diskurses "als Dokument, als Zeichen für etwas anderes", wogegen sich die Archäologie "an den Diskurs in seinem ihm eigenen Volumen als Monument"
wende. Es verhält sich genau umgekehrt: Als Monument wird ein Archiv
zum Zeichen für etwas anderes, im Falle von Diltheys Literaturarchiv zum
Symbol der Kulturnation. Hingegen sollte sich alle Aufmerksamkeit und
Anstrengung, alle Methode und Technik von Archiven auf die Dokumente
richten: auf deren materielle Erhaltung und transparente Ordnung. Die
Lektüre und Deutung sollte jeder Zeit und Generation selbst überlassen
bleiben.
Die gegenwärtige Archivdebatte handelt vor allem von der
Spannung zwischen dem Archiv als kultur- und wissenschaftsgeschichtliche
Metapher auf der einen Seite und dem konkretem Ort des Sammelns,
Bewahrens und Ordnens von Dokumenten auf der anderen Seite. Hinter
dieser Kontroverse ist die Problematik ideologischer Verwicklungen von
Sammlungsinteressen und -praktiken in Vergessenheit geraten. Da nach
1989 viele deutsche Archive mit der Aufgabe einer grundlegenden
Reorganisation konfrontiert sind – der Umbau der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar
der DDR in die Klassik Stiftung Weimar ist das herausragende Beispiel –
stellt sich die Frage der Beziehung zwischen Archivpolitik und
Erbevorstellung gegenwärtig besonders deutlich. Eine archäologische
Erforschung der in einzelnen Archiven verkörperten Archivkonzeptionen
kann die in der Ordnung des Archivs sedimentierten Schichten seiner
Herkunft und Vorgeschichte lesbar machen. Insofern muss eine ebenso
praktisch wie theoretisch und historisch informierte Archivwissenschaft
neben den Methoden und Techniken für das Sammeln, Bewahren, Ordnen und
Erschließen der Dokumente auch ein Wissen um die Geschichte von Archiven
umfassen.
Sigrid Weigel
I. Neues aus Berliner Archiven
- Archiv und Zukunft. Zwei historische Tonsammlungen Berlins für das Humboldt-Forum (Britta Lange)
- Das verrückte Inventar. Über ver/schränkte Wissensräume im Museum (Daniela Döring)
- Fortlaufende Modernisierung. Analoge Filmarchive im digitalen Zeitalter (Daniel Meiller)
II. Archive des ZfL
- Der Nachlass Jacob Taubes am ZfL. Ein Werkstattbericht nebst einem Schreiben von Jacob Taubes an Carl Schmitt (Herbert Kopp-Oberstebrink/ Martin Treml)
- Susan Taubes – Bilder aus dem Archiv (Christina Pareigis)
III. Fallgeschichten aus der Berliner Wissenschaftsgeschichte
- Aussicht vom Zettelgebirge. Zur Datenverarbeitung in Alexander von Humboldts Manuskripten der Kosmos-Vorlesungen (Dominik Erdmann/ Christian Thomas)
- "Archive für Litteratur!". Wilhelm Dilthey und die Anfänge der Literaturarchiv-Gesellschaft in Berlin (Herbert Kopp-Oberstebrink)
- „Ungeklärte Umstände“. Warum der Berliner Romanist Max Leopold Wagner 1925 die Universität verließ (Dirk Naguschewski)
Medienecho
De Maistre und andere Reaktionäre (12.05.2010)
Jacob Taubes an Carl Schmitt. Artikel zum Beitrag von Herbert Kopp-Oberstebrink u. Martin Treml, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.05.2010


