Trajekte 21
Visionen
Herausgeber:
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
Berlin, September 2010
52 Seiten
Inhalte
Es gibt wenige Begriffe, die derart zwischen Hochschätzung und Verachtung aufgespannt sind wie die Vision.
Wenn einerseits ständig davon die Rede ist, dass ohne Visionen – sei es
zu alternativen Wegen der Energiegewinnung, sei es viel grundsätzlicher
zu unseren Formen des Arbeitens, Wirtschaftens und Lebens – 'die Welt
nicht mehr zu retten' sei, andererseits aber das Wort 'Vision'
regelmäßig zur Abwertung abwegiger Ideen weltfremder Phantasten benutzt
wird, dann deutet das auf ein brisantes Phänomen hin: Es ist das Symptom
eines Urteilstreits, der wie ein Riss durch Gesellschaft und
Wissenschaft geht.
Visionen sind Phänomene im doppelten
Sinne: sekundär als Gegenstand kontroverser Beurteilungen und Maßstäbe,
primär im ursprünglichen Wortsinn – von gr. φαινόμενο, fainόmeno, das 'Sichzeigende', 'Erscheinende' – als Erscheinungen noch vor jedem Urteil über deren Status, Einordnung oder Qualität. Wenn man mit dem Wort Vision, das sich von lat. visio,
'Sehen', 'Anblick' ableitet, heute aber zuvörderst – wenn nicht nur
noch – solche Phänomene bezeichnet, die sich mit dem bloßen Auge nicht
wahrnehmen lassen oder die gegebene, materielle Wirklichkeit
überschreiten, dann hat sich in der europäischen Kulturgeschichte ein
bemerkenswerter Bedeutungswandel im Verständnis der Erscheinungen
vollzogen. Die Vision, eigentlich das Gesehene, ist nunmehr dasjenige,
was als nicht-sichtbar begriffen wird, was nicht begreifbar, nicht
fassbar, nicht planbar oder nicht berechenbar ist.
Die Zweischneidigkeit
dessen, was mit Visionen verbunden wird, verweist auf eine fundamentale
Doppelnatur, die dem Sehen und dem Blick, den Wahrnehmungen und den
Erscheinungen zugeschrieben wird. Der Wunsch nach dem Unsichtbaren und
zugleich die Furcht davor haben die gegensätzlichsten Vorstellungen
hervorgebracht, die unter dem Begriff der Visionen versammelt werden.
Die Ahnung, dass es sich bei dem, was sich dem menschlichen Auge in der
äußeren Welt darbietet, nicht um die ganze Wirklichkeit handeln kann,
bildet eine anthropologische Urszene. Aus ihr entspringt die Vorstellung
eines zweiten oder anderen Blicks 'hinter die Dinge', über das
Beobachtbare hinaus oder aber eindringend in das Obskure. Dabei ist die
Betonung dieses anderen Blicks – jenseits von Optik und visueller
Wahrnehmung – häufig mit der Aufwertung anderer Sinne verbunden, etwa
dem Hören und Tasten. So gründet die Entwicklung der Psychoanalyse etwa
im Wechsel vom ärztlichen Blick zum Zuhören (→ Kirchhoff).
Der
antike Seher, der gerade das sieht, was sich dem normalen Sterblichen
nicht zeigt, die biblischen Offenbarungen, die eine der äußeren Welt
abgewandte Haltung voraussetzen und auf eine Art 'inneres Sehen'
abzielen, und die Auspizien (Vogelschau) der römischen Auguren gehören
in die nobilitierte Vorgeschichte der Visionen. Dagegen haben sie in
krankhaften Wahnvorstellungen ihren wohl negativsten Ausdruck erhalten.
In Gestalt des 'Vorscheins' sind Visionen durch die Philosophie
anerkannt, als Hypothesenbildung methodisch gebändigt und als Vermögen
von Projektemachern, Erfindern und 'Genies, die ihrer Zeit voraus
waren', in die Wissenschaft eingemeindet worden. Als Entwürfe des
Wünsch-, Vorstell- oder Lebbaren, als Imaginationen, Kreationen und
Artefakte sind sie Medium und Produkt der poetischen und künstlerischen
Einbildungskraft, der sich die Entstehung von Literatur, Kunst und Musik
verdankt. Im Modus von Träumen, Phantasmen, Phobien und
Zwangsvorstellungen werden sie von der Psychoanalyse als Ausdruck
psychischer Konflikte ernst genommen und bearbeitet. Und schließlich
stellen diejenigen Bereiche der Wirklichkeit, denen die visionären
Erscheinungen gelten und die als unsichtbar oder unzugänglich bewertet
werden, eine ständige Herausforderung dar: Quelle von Technikvisionen
und der Entwicklung technischer und medialer Apparate, mit deren Hilfe
das menschliche Auge sich 'das Unsichtbare' – sei es das Innere des
Körpers, die Gedanken und Gefühle, das Universum oder die
Elementarteilchen – erschließt oder zu erschließen wähnt.
Dabei lässt sich eine eigentümliche Dialektik des Visionären
beobachten. Die Tatsache, dass alternative Gesellschaftsentwürfe,
Utopien, Technikphantasien und Zukunftsbilder unter dieselbe Kategorie
fallen wie religiöse Erscheinungen, Halluzinationen, Gesichte,
Geistervorstellungen oder auch unrealistische Wünsche das eigene Leben
betreffend, begründet sich durch die ihnen allen gemeinsame
Gegenstellung zu einem Konzept von Wirklichkeit, demzufolge
sich diese im positiv Gegebenen, sinnlich Wahrnehmbaren, Erklär- und
Begreifbaren erschöpft. Visionen bezeichnen also dasjenige, was eine
rationale, überprüfbare, vernünftige, aufgeklärte Durchdringung der
Wirklichkeit hinter sich gelassen und überwunden, von sich abgespalten
und als irrational oder unwissenschaftlich abqualifiziert, aus der
erklärbaren Welt ausgegrenzt und in den Bereich des Übersinnlichen,
Unsichtbaren oder Unrealistischen verwiesen hat. Dort aber entfalten die
Visionen, gerade aufgrund ihrer Vertreibung aus der sanktionierten
Wirklichkeit, ein umso farbigeres und ganz offensichtlich ein umso
faszinierenderes Eigenleben: in Gestalt esoterischer Überzeugungen,
pseudowissenschaftlicher Welterklärungen und sektiererischer Zirkel.
Anders wäre weder die Erfolgsgeschichte visionären Denkens noch die
Besessenheit zu erklären, mit welcher deren Anhänger ihren Vorstellungen
folgen. Visionen tendieren dazu, buchstäblich nach den Sternen zu
greifen, sie neigen zum Absoluten und fordern dazu heraus, im Leben
abgebildet zu werden, um die Erscheinungen realiter und materiell in
Erscheinung treten zu lassen.
Die Ausgrenzung der Visionen aus
den exakten Wissenschaften ist aber auch für diese selbst nicht ohne
Folgen geblieben. Wenn gegenwärtig in der aktuellen Wissenschaftspolitik
und Forschungsförderung allenthalben der Ruf nach Visionen und frei
flottierender, ungesteuerter Kreativität laut wird und die Intuition
hoch im Kurs steht, dann ist das ein Zeichen für den drohenden Leerlauf
einer auf Kalkulierbarkeit ausgerichteten Wissenschaft. Wo 'Big Science'
im bürokratischen und phantasielosen Geschäft endloser Versuchsreihen
zu versanden droht, wird der Wert der einzelnen Forscherpersönlichkeit
mit ihrer Inspiration und ungeteilten Neugier wiederentdeckt.
Am
Umschlagsplatz zwischen verschiedenen Vorstellungen von Wirklichkeit
besetzen Visionen einen sensiblen Ort, der über die Einteilung der Welt
in die gegebene und eine unzugängliche, übernatürliche oder
übersinnliche Sphäre entscheidet, in Faktisches und Vermutetes, in
Diesseits und Jenseits, in Sichtbares und Unsichtbares. Insofern sind
Visionen Grenzphänomene, die nicht zuletzt auch den Austausch
und den Streit zwischen den zwei Kulturen betreffen. Während die Natur-
und Technikwissenschaften mit ihrem Projekt, die Naturgesetze zu
erforschen und zu erklären, 'naturgemäß' dem Reich der Visionen
skeptisch gegenüberstehen, sind die Geistes- und Kulturwissenschaften
seit jeher mit Grenzgängen zwischen verschiedenen Welten befasst und den
Umgang mit dem Wunderbaren und Übernatürlichen gewohnt.
Eine
einschlägige und wirkmächtige Tradition sieht die Bedeutung von Kunst
und Poesie gerade darin, immaterielle, unsinnliche Vorstellungen
sichtbar zu machen, indem sie diese in Gestalt fasslicher, körperlicher
Bilder zur Darstellung bringen. Als angestammtes Gebiet aller denkbaren
und vorstellbaren Erscheinungen bilden die Künste eine Art mittlerer Position
zwischen der sanktionierten, positiven Welt und der Sphäre des
Unsichtbaren. Während den Produkten der Einbildungskraft oder auch aller
Sinne (einschließlich des 'sechsten') in den Künsten keinerlei
Begrenzungen auferlegt sind, erhalten sie ihr uneingeschränktes
Existenzrecht dort zumeist um den Preis, ein gesondertes und
eingezäuntes Reich der Fiktion darzustellen, das für das, 'was zählt',
nicht in Betracht zu ziehen ist. Dem zum Trotz wurde die
Einbildungskraft immer wieder als Vermögen eines unverzichtbaren Möglichkeitssinns,
wenn nicht als 'Wissenschaft vom Möglichen' und Wünschbaren in Anschlag
gebracht (→ Willer). Denn die Einbildungskraft gründet in der
Doppelnatur des Sehens, in der Gleichzeitigkeit und im Wechselspiel
zwischen 'innerem' und 'äußerem' Sehen. Die daraus erwachsene
Zweideutigkeit sprachlicher und visueller Bilder hat eine Geschichte von
Deutungsmethoden hervorgebracht, in denen sich die Spannung zwischen
Sichtbarem und Unsichtbarem wiederholt und als Streit zwischen
buchstäblichem und übertragenem Sinn, zwischen konkreter und
allegorischer Bedeutung ausgetragen wird. Insofern sind diejenigen
Fächer, die sich der Theorie und Geschichte von Texten und Bildern
widmen (u.a. Religionswissenschaft, Theologie, Kunstgeschichte und
Literaturwissenschaften) von der Sache her immer schon mit der
Doppelnatur des Sehens, mit Visio und Visionen, befasst. (→ Weidner,
Mitchell, Kernmayer).
Andererseits hat die forcierte Entwicklung
von Techniken und Medien den Versuch beflügelt, endlich die bis dato
unzugänglichen und unsichtbaren Sphären mit Hilfe eines durch Mikroskop,
Fotografie, Röntgenstrahlen aufgerüsteten Blicks dingfest zu machen –
oder auch der Schönheit der Kunst auf den Leib zu rücken (→ Kornmeier).
Insofern stellt sich die Moderne als Epoche der Technikvisionen
im doppelten Sinne dar: als Zeitalter nicht nur beschleunigter
technischer Erfindungen und der Entwicklung technologischer Verfahren,
sondern auch als Zeitalter technischer Visionen im buchstäblichen Sinne,
eines technischen Sehens. Damit wurde eine neue Epoche im Verhältnis
von Sichtbarem und Unsichtbarem eingeleitet. Seit dem 19. Jahrhundert
lassen sich zahlreiche Projekte beobachten, die eine bemerkenswerte trading zone
zwischen empirischer Wissenschaft und der Welt von Visionen und
übernatürlichen Erscheinungen bilden, sei es als Versuch, Immaterielles
oder Unsichtbares mit den Methoden exakter Wissenschaft zu erfassen oder
umgekehrt das visionäre Denken für die Naturwissenschaften fruchtbar zu
machen (→ Petzer, Solhdju).
Sigrid Weigel
Bildessay
- Innere Werte. Kunst im Röntgenlicht (Uta Kornmeier)
Jahrestagung des ZfL "Prophetie und Prognostik"
- "Ich sah, und siehe". Zur biblischen Prophetie (Daniel Weidner)
- Aussicht ins Unermessliche. Zur poetischen Prognostik (Stefan Willer)
- Idolatrie: Nietzsche, Blake und Poussin (W.J.T. Mitchell)
- "Überall ist Energie." Nikola Teslas Entdeckungen und Visionen (Tatjana Petzer)
- Geister-Visionen: Experimentieren – Rivalisieren – Demokratisieren (Katrin Solhdju)
- „Wenn jemand spricht, wird es hell.“ Sehen des Unsichtbaren in Psychoanalyse und Neurowissenschaften (Christine Kirchhoff)
- "Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt...". Vom Sagen des Unsichtbaren in der literarischen Moderne (Hildegard Kernmayer)
Medienecho
Visionen - Sehen des Unsichtbaren (01.11.2010)
Radiorezension von Thomas Palze, in: Bayerischer Rundfunk, Bayern 2, Sendung: nachtstudio.kleinformat vom 26.10.2010 (gekürzte Fassung)


