Trajekte 22
Spielen
Herausgeber:
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
Berlin, April 2011
52 Seiten
Inhalte
Was haben Kinderspiel, Theaterspiel,
Kartenspiel und die spieltheorischen Experimente in den
Wirtschaftswissenschaften gemeinsam? Was – über das Wort Spiel
hinaus – verbindet das Musikspiel mit dem Fußballspiel, dem Liebesspiel
und den Sprachspielen Wittgensteins? Bandbreite und Bedeutungsfacetten
des Worts scheinen so vieldeutig, dass sich das Gemeinsame nicht so
leicht erschließt. Sie werden schon darin kenntlich, dass das 'Spiel'
nicht nur einen Gegenbegriff kennt: je nach Kontext und Auffassung
werden ihm z.B. der Ernst, der Zweck, die Realität und die Regel
entgegengesetzt – oder auch der Terror, wie im Band IV von Poetik und Hermeneutik über Probleme der Mythenrezeption (Terror und Spiel, 1971). Dabei meinen wir doch zu wissen, was es mit dem Spiel auf sich hat. Anders wäre nicht zu erklären, wie gebräuchlich Wortbildungen mit Spiel sind.
Denkt
man allein an jene Komposita, bei denen dem Spiel ein anderes Nomen
vorangestellt wird, dann eröffnet sich durch diese Operation nicht nur
der Raum einer Taxonomie, in dem sich verschiedene Klassen von
Spielen unterscheiden lassen: Schauspiel, Kinderspiel, Glücksspiel,
Gesellschaftsspiel, Rollenspiel. Es wird auch eine nahezu endlose Reihe
von Varianten eröffnet, die nach vorne, zur Zukunft hin offen ist: neue
Zeiten, neue Medien, neue Spiele – wie die im vordigitalen Zeitalter
aufgewachsene Generation beim Auftreten der Computerspiele hat lernen
können. Die Spielarten bezeichnen hingegen nicht nur, wie in
der Biologie, eine untergeordnete Ebene der Taxonomie; sie eröffnen auch
die Möglichkeit eines Spiels innerhalb der jeweiligen Spielregeln. Als Spielarten
bezeichnet man auch Handlungsvarianten bzw. wieder erkennbare Muster im
Umgang mit bestimmten Aufgaben oder Problemlösungen. Mit solchen
Komposita, bei denen dem Spiel ein zweites Wort angehängt wird – neben
Spielart etwa Spielraum oder Spielzeit – vergrößert sich seine
semantische Spannbreite erheblich. Mit dieser Operation befinden wir uns
an der Schwelle zum metaphorischen Gebrauch. Mit dem Spielmaterial und dem Spielraum
bestimmter Aufgaben oder Handlungen sind wir nicht mehr unbedingt im
Spiel. Vielmehr wird das 'im Spiel sein' hier zu einer Metapher für
individuelles Agieren im definierten Umfeld, – sei es einer Gruppe, der
Gesellschaft oder des Weltmarkts: neue Horizonte, neue Spieltypen, wie
die Konjunktur der 'global player' zeigt.
Die Spielmetapher in der Beschreibung der Kultur hat zwei entgegen gesetzte Enden: Das eine reicht in den Himmel, das andere auf die Erde.
Ersteres ist der Fall, wenn nicht Handlungsmodi und Entscheidungen im
Blick sind, sondern die Welt umgekehrt als ein Geschehen erscheint, das
sich nach undurchschaubaren, 'höheren' Gesetzen bewegt. So wurde schon
in der Antike der Mensch als "Spielzeug Gottes" (Heraklit) betrachtet,
und noch Novalis fragte (im Allgemeinen Brouillon), ob nicht auch Gott und die Natur spielten, womit er die Welt als Produkt einer göttlichen ars combinatoria versteht, die die Menschen in ihrer eigenen poiesis
nachzuahmen suchen: "Die Sprache ist ein eignes Ideen Instrument. Der
Dichter, Rhetor und Philosoph spielen und componieren grammatisch."
Hingegen verkehrt Nietzsche das Bild von der Welt als "göttliches
Spiel", indem er die Idee Gottes als Dichtung im Weltenspiel wertet. In
ironischer Gegenstellung zum Gleichnisstatus der Unvergänglichkeit in
Goethes Faust führt er sein Welt-Spiel ein: "An
Goethe/ Das Unvergängliche/ Ist nur ein Gleichnis!/ Gott der
Verfängliche,/ Ist Dichter-Erschleichnis.// Welt-Rad, das rollende,/
Streift Ziel auf Ziel:/ Not – nennts der Grollende, / Der Narr nennts –
Spiel.// Welt-Spiel, das herrische/ Mischt Sein und Schein: -/ Das
ewig-Närrische / Mischt uns hinein!" (Lieder des Prinzen Vogelfrei, 1887) Im Antichrist,
wo er den 'Glauben' als "Spiel der Instinkte" deutet, heißt es dann:
"Wer nach Zeichen dafür sucht, dass hinter dem großen Welten-Spiel eine
ironische Göttlichkeit die Finger handhabe, er fände keinen kleinen
Anhalt in dem ungeheuren Fragezeichen, das Christentum
heißt."(1888) Noch bevor Sigmund Freud die Erzählungen der religiösen
Überlieferung als Produkte einer "archaischen Erbschaft" verdrängter
Schuldgefühle der Vorfahren deuten wird, hat Nietzsche die Positionen
zwischen Gott und Menschen im Weltspiel verkehrt.
Das irdische Ende des Spiels verbindet sich mit der Geschichte der Festkultur von repräsentativen höfischen Spielen bis zum Florentiner Fußball
in der Medici-Kultur der Renaissance (Bredekamp 2006). Aus Vergnügen,
Tanz und Zeitvertreib geboren – so jedenfalls die etymologische Spur:
mhd. spil für die Formen des mittelalterlichen Festwesens wie Tanz, Wettkampf, Musik – ist das Spiel in der Moderne zur Meistertrope der Kultur
geworden; die Gesellschaft ist nun ein Wechselspiel von Begrenzung und
Freiheit. Seine Dynamik bezieht es aus der Spannung zwischen
Regelförmigkeit und dem freien Kräftespiel. Mit den sogenannten Gesellschaftsspielen
können sich deren Mitglieder in codifizierte Verhaltensweisen üben –
das Spiel als Entscheidungs-Probe – und sich gleichzeitig von deren
Alltag und Zweck ablenken. Während sich hier das Spiel in Abgrenzung vom
Werktag und durch eine klare zeitliche und räumliche Einfriedung
definiert – ähnlich dem Karneval, der sich allerdings als Verkehrung der
Normen und damit als Extremform des Festes darstellt – werden im
Paradigma der Kultur als Spiel die gemeinsamen Regeln und
Grenzen als gegeben vorausgesetzt. Dass es dabei zu Missverständnissen
kommt, ist unvermeidlich, weil die Spielmetapher den tatsächlichen Agon
zwischen unterschiedlichen Regelwerken verdeckt, was zur Agonie
einzelner Regeln oder Akteure führen kann. Womit aus dem Spiel bitterer
Ernst wird.
Aus der Sicht der eigenen Spielregeln können Akteure, die anderen Regeln folgen, schon mal zu Spielverderbern
werden. Das musste die Gemeinschaft der Akademiker jüngst erleben, als
sie auf der von Person und Stand unabhängigen Geltung der "Regeln guten
wissenschaftlichen Verhaltens" bestanden hat und damit in Streit mit
einer neuen Variante des Medienspiels der politischen Klasse
geraten ist: hier die Dissertationsordnung und die Normen
wissenschaftlicher Autorschaft, dort die neuen Spielregeln der Politik,
die durch wöchentliche Politbarometer geprägt sind. Immer wenn im Spiel
ein Streit ausbricht, heißt das: entweder einer hat geschummelt, wird
erwischt und darf nicht weiter mitspielen, oder die Akteure folgen
unverträglichen Regeln, – womit ein Kampf auf dem Spielfeld ausbricht.
Der letztere Fall wirft die Frage auf, wem die Deutungshoheit zukommt,
die Regeln auszulegen. Denn das Spiel ist in einer Hinsicht absolut:
innerhalb seiner Grenzen gibt es keine Ausnahme. Insofern war der
jüngste Streit um die Doktorarbeit eines Ministers lehrreich. In ihm
ließ sich beobachten, wie auf dem Wege der Sprachregelung (die Rede vom
"Fehler") eine Umdeutung allgemeiner Verhaltensregeln stattgefunden hat:
Beliebtheit und Ausstrahlung wurden in den bürgerlichen Tugendkatalog
aufgenommen und in den gleichen Rang erhoben wie Verantwortung und
Ehrlichkeit. Der Fall zeigt aber auch, wie fatal die Spielmetapher ist,
wenn es um grundlegende Normen geht. Denn im Unterschied zu Gesetzen
sind Spielregeln verhandel- und definierbar – allerdings nur vor Beginn
des Spiels. Dagegen gilt in der Politik nur im Falle eines Ausnahmezustands,
dass Souverän ist, wer in Absehung der geltenden Gesetze über die
Situation entscheidet. Dass der Verteidigungsminister a.D. in seinen
Selbstverteidigungsreden die toten Soldaten in Afghanistan bemüht hat,
wird so als Versuch lesbar, sich mit der Aura eines solchen
Ausnahmezustands zu umgeben, in deren Schatten dann die Regeln
wissenschaftlichen Arbeitens zu einer vernachlässigenswerten Größe
werden. Seine Verteidiger führten dagegen ein eher schlichtes Modell von
'Ausnahme' ins Feld, das Bild vom Ausnahmepolitiker.
Zurück zum
Spiel. Vor dem Horizont der schier grenzenlosen Spielmetapher scheint es
vielversprechender, nach Ort und Bedeutung des Spiels in der
Kulturgeschichte zu fragen. Auf der einen Seite steht die Vorstellung
vom Spiel als einer zentralen anthropologischen Figur, wenn nicht
Konstante: ob im Bonmot der Pascalschen Pensées, die Menschen suchten im Spiel nur die Jagd und nicht die Beute; ob in der Feststellung aus Friedrich Schillers Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795), der Spieltrieb mache den Menschen zum Menschen; oder in Johan Huizingas Theorie vom Homo Ludens
(1938). Hier kommt dem Spiel vor allem die Bedeutung einer Einübung von
Handlungen "innerhalb festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach
freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln" zu, womit das
Spiel zu einem zentralen Faktor von Akkulturation und Erziehung wird. In
einem eher kulturgeschichtlichen Deutungsmodell kommt dagegen die
Herkunft des Spiels aus dem Kult zum Zuge, sowie – im Paradigma 'Vom
Kult zur Kultur' – deren Umformung etwa in den Dionysien und der
griechischen Tragödie. Eine Ableitung aus dem kultischen Ursprung des
Spiel begründet auch Roger Callois Les Jeux et les Hommes (1958) mit seinen vier Grundformen des Spiels: Agon (Wettkampf), Alea (Zufall), Mimikry (Maske), Ilinx (Rausch).
Freuds Psychoanalyse entdeckt hingegen im Spiel eine Urszene symbolischen Handelns. Im berühmten Fort-Da-Spiel in Jenseits des Lustprinzips
(1920) beschreibt Freud, wie das Kind mithilfe eines Übergangsobjekts
(der Spule) einen Verlust (die abwesende Mutter) bearbeitet, diesen
Verlust im Akt einer symbolischen Nachahmung gleichsam verkehrt und sich
auf diese Weise in eine aktive Position bringt. Das Spiel steht damit
am Anfang des Vermögens zur symbolischen Handlung. Ihm einen angemessen
Ort in der Theorie der Symbolischen Formen (Cassirer) zukommen
zu lassen, beschäftigt viele kulturwissenschaftliche Annäherungen an das
Spiel. Wenn das mimetische Vermögen, wie Walter Benjamin beschrieben
hat, im Verlaufe der onto- und phylogenetischen Entwicklung in Sprache
und Schrift hineingewandert ist, dann lassen sich auch Wittgensteins Sprachspiele in dieser Perspektive begreifen.
Sigrid Weigel
- The Political Theater of Alain Badiou – Alain Badious politisches Theater
- Das Ereignis (Alain Badiou)
- Die Realität des Spiels im Theater (Hans-Christian von Herrmann)
- Bentham spielen (Jörg Thomas Richter)
- "Sinn und Bild nach Belieben machen." Wilhelm Heinses Anastasia und das Schachspiel (Almut Hüfler)
- Affenpuppe und Brudersteine (Aurélia Kalisky)
Aus dem Archiv
- Strategische Voraussicht. Oskar Morgenstern und die Anfänge der Spieltheorie (Wolfgang Pircher)
- Selbstorganisation, Spiel, Synergie (Tatjana Petzer)
Bildessay
- Deep Play (Harun Farocki)
- Das offene Spiel. Über die Möglichkeiten des Fußballs (Stefan Willer)


