Vortrag
22.06.2017 · 16.00 Uhr

Ana María Rabe (Medellín, Kolumbien): Philosophische Stile vorgeführt am Thema Gedächtnis und Erinnerung

Ort: ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et.,

Was bedeutet es, sich mit unterschiedlichen philosophischen Stilen zu beschäftigen? Und was für einen Sinn macht es, die verschiedenen Weisen, in denen Philosophen z. B. über Erinnerung und Gedächtnis geschrieben haben, gegenüberzustellen, anstatt gleich über ihre jeweiligen Ideen oder Theorien zu sprechen? In der Philosophie scheint es doch auf den Inhalt anzukommen, solange dieser nur kohärent und nachvollziehbar niedergelegt ist. So wird auch vorwiegend über das diskutiert, was in philosophischen Texten steht, während man sich scheinbar nicht so sehr darum zu kümmern braucht, welche Form die jeweilige sprachliche Äußerung hat. Und dennoch gilt auch für die Philosophie, was schon seit langem in der Kunst anerkannt ist: Inhalt und Form können nicht rein voneinander geschieden werden. Denn der Stil, in dem ein die Sprache und schriftliche Äußerung beherrschender Philosoph schreibt, hängt unmittelbar mit seiner allgemeinen philosophischen Einstellung zusammen. Wenn dies aber so ist, dann hat auch der Stil, in dem er eine bestimmte Frage behandelt, einen direkten Einfluss auf die konkrete Konzeption, die er zum Ausdruck bringt. Denn mit dem von ihm verwendeten Stil kommen auch seine grundlegenden ethischen, erkenntnistheoretischen, metaphysischen bzw. anti-metaphysischen, ontologischen oder ästhetischen Auffassungen zum Tragen. Daher gilt: Je ausgeprägter ein Stil ist und je deutlicher er sich von anderen philosophischen Stilen unterscheidet, desto mehr haften ihm die grundlegenden Überzeugungen des Philosophen an, der ihn verwendet. Der Vortrag möchte diesen Umstand nahe bringen, indem er die jeweiligen Stile untersucht und vergleicht, in denen ausgewählte Philosophen über Fragen der Erinnerung und des Gedächtnisses geschrieben haben. Dabei kommen so unterschiedliche Stimmen zu Wort wie die vom frühen und vom späteren Ludwig Wittgenstein, von Walter Benjamin, Friedrich Nietzsche und Ernst Mach.

Ana María Rabe promovierte in Philosophie an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig mit einer Arbeit zum Raum in der Kunst, Philosophie und Physik. Sie hat an verschiedenen deutschen und spanischen Universitäten gelehrt und war Gastprofessorin an diversen Universitäten u. a. in Chile, Puerto Rico und Russland. Von 2008 bis 2011 arbeitete sie als angestellte Wissenschaftlerin am Institut für Philosophie des Forschungszentrums CSIC in Madrid, 2013 hatte sie die erste, neu eingerichtete Eduardo Chillida-Gastprofessur an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. inne. Seit November 2014 ist sie Professorin für zeitgenössische Philosophie an der Universidad de Antioquia in Medellín (Kolumbien). Zahlreiche Veröffentlichungen in Büchern und wissenschaftlichen Zeitschriften zu erkenntnistheoretischen, kunst-, kultur- und lebensphilosophischen Fragen. Zu ihren Buchpublikationen zählen neben dem 2012 erschienenen Band Homo naturalis. Zur Stellung des Menschen innerhalb der Natur (hg. von A. M. Rabe und St. Rohmer, Freiburg/München: Karl Alber) die 2008 bei Wilhelm Fink erschienene Monographie Das Netz der Welt. Ein philosophischer Essay zum Raum von ›Las Meninas‹, die ausgewählte Raumkonzeptionen der Kunst, Philosophie und Physik vorstellt und miteinander in Verbindung bringt, sowie der von ihr 2010 in Barcelona herausgegebene und übersetzte Band Die Künste im Zeitalter des Raumes (vollständig dreisprachig auf Katalanisch, Spanisch und Deutsch).

Ana María Rabe arbeitet gegenwärtig an drei Forschungsprojekten, die erstens die zeitliche Struktur der Erinnerung und das Zusammenwirken von Erfahrung und Darstellung in der Arbeit des Gedächtnisses betreffen, zweitens den intellektuellen Austausch zwischen dem Philosophen Martin Heidegger und dem Künstler Eduardo Chillida und drittens die Eigenart und Aussagekraft philosophischer Stile.

Bildnachweis: Sandrart.net (Bildvorlage von Artothek zur Verfügung gestellt)