Die Stimme in der Medienkultur der Nachkriegszeit
Programm
Die Stimme hat sich in den letzten Jahren wieder erhoben, abgesetzt von
dem unansehnlichen Platz, den eine logo- und phonozentrische
Schrifttheorie ihr zuschrieb. Auf der einen Seite ist die Aufmerksamkeit
für die menschliche Stimme als kreatürlicher Äußerung - auch jenseits
des Wortes - gewachsen, auf der anderen Seite haben seit der Entwicklung
von Phonograph und Telephonie technische Medien die Ablösbarkeit der
Stimme vom menschlichen Körper auf unheimliche Weise vertraut gemacht.
Der
Workshop versucht, Markierungen zu setzen für eine Phänomenologie der
Stimme in der Medienkultur vor allem (aber nicht nur) der Zeit nach dem
zweiten Weltkrieg. Er fragt nach der Historizität von Stimmen(kulturen)
und ihrer Überlieferungsträger; nach der Spannung zwischen
Repräsentativitäts- und Personalitäts-Ansprüchen der und an die Stimme;
nach der affektiven und illusionistischen Übertragungskraft der Stimmen
in der Oper und auf dem Sprechtheater; nach den visuellen Übersetzungen
prototypischer und prominenter Stimmen im Design, in den Illustrierten,
Filmen und Plakaten; nach der paradoxen Überlagerung der live-Stimmen
im seinerzeit dominanten Massenmedium Radio mit konservierten Stimmen,
die aus der Vergangenheit und von Verstorbenen stammten. Das
Identifizierende jeder sozialisierten stimmlichen Äußerungen und die
Abhängigkeit ihrer Wirkung von einem Ort im soziokulturellen Echoraum
scheinen das Versprechen zu enthalten, dass das zu restituierende Stimm-
und Hörbild der Nachkriegszeit anderes und mehr bietet als das
restaurative Image, das die Kulturgeschichte bisher für sie bereithält.
PROGRAMM (vorläufig, Stand: 22.1.2007):
Freitag, 26.1.2007
14h30
Justus Fetscher (ZfL): Einführung
MODERNE STIMMEN
Moderation: Thorsten Palzhoff (ZfL)
14h45
Karl Ludwig Pfeiffer (Siegen/Bremen): Stimmen - Farinelli, Proust, Farinelli
15h45
Nils
Plath (Osnabrück): „So was Stimmen nennen! Warum eigentlich, sobald man
weiß, daß es nicht stimmt.“ Skizzen zur Autorität der Stimme nach
Unterstreichungen von T. W. Adorno bei Samuel Beckett
16h45
Kaffeepause
LITERARISCHE ECHOS
Moderation: Justus Fetscher (ZfL)
17h15
Helmut Peitsch (Potsdam): Die Stimme der Toten. Publikationen der Briefe hingerichteter Widerstandskämpfer
18h15
Francoise Lartillot (Metz): Stimmbruch in der Lyrik nach 1945. Töne der frühen Friederike Mayröcker
Ende gegen 19h15
Samstag, 27.1.2007
VOKALPOLITIK
Moderation: Wilhelm Vosskamp (Köln)
11h
Wolfgang Beilenhoff (Bochum/Köln): Hörgewohnheiten. Zu Michail Romms Der gewöhnliche Faschismus
12h
Oksana Bulgakowa (ZfL): Tonbremssspuren. Film-Stimmen der 1950er Jahre (Marlon Brando und Innokentij Smoktunovskij)
13h
Mittagspause
MITTEBESTIMMUNG
Moderation: Inge Münz-Koenen (ZfL)
14h30
Gerd
Rienäcker (HU Berlin): „Was man noch nicht sagen kann, kann man
vielleicht schon singen“. Über das Sagen, Sprechen und Singen, die
Bedeutungshaftigkeit des Koloraturgesangs und Dessaus Lanzelot
15h30
Marianne Streisand (FH Osnabrück): Bild und Ton beim späten Brecht
16h30
Kaffeepause
UNTERTÖNE
Moderation: Oksana Bulgakowa (ZfL)
17h
Alexander Honold (Basel): Rieseln und Rauschen. Die Stimmen des Wassers
18h
Justus Fetscher (ZfL): Verschiedene Stimmen. Die Sprache des Jenseits im Hörspiel der 1950er Jahre
19h
Abschlussdiskussion
Ende gegen 19h30
20h
Feier zum Geburtstag von Inge Münz-Koenen