Di, 30.10.2007
20.00 Uhr
Lesung mit Musik
"In des Todes kalten Armen kann das Leben erst erwarmen". Märtyrer in der Literatur
Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, 10117 Berlin
ZfL-Projekt(e):
Figurationen des Märtyrers in nahöstlicher und europäischer Literatur
Programm
Veranstaltung der Reihe zum Jahresthema des ZfL: Märtyrer. Schlüssel zum Verhältnis der Religionen und Kulturen
Märtyrer
zählen zu den wichtigsten Protagonisten der Literaturgeschichte. Die
Opfer (in) der Literatur sind Legion; ohne Tod, Schmerz und spektakuläre
Szenen des Sterbens sind Drama und Dichtung nicht vorstellbar. Dabei
geht es nur zum geringeren Teil um klassische Märtyrer, die (im
Bekenntnis oder im Kampf) für ihre Konfession gestorben sind. Es geht um
Elemente und Motive einer kulturellen Praxis, auf denen das Märtyrertum
basiert und die weit über die Religionsgeschichte hinausgehen: um den
Zusammenhang von Opfertod und Sinnstiftung, um den Kampf für die
Gerechtigkeit oder ein anderes Ideal, um Widerstand und Tyrannis, um das
Motiv des Liebestodes, um Leidenschaft, Ekstase und Schmerz-Lust, um
Heroismus, Freiheit und Gewalt, um Unbedingheit und Vernichtung.
Da
die meisten derjenigen, die – oft vor den Augen der Öffentlichkeit –
eines spektakulären oder grausamen Todes gestorben sind, erst
nachträglich zu Märtyrern werden, indem ihrem physischen Sterben eine
metaphysische Bedeutung zugeschrieben wird oder ihr Tod zum Fanal oder
Symbol einer Gemeinschaft wird, folgt die Herstellung von Märtyrern
gleichsam literarischen Gesetzen. Denn der Streit um die Märtyrer ist
immer ein Deutungskampf: Für die einen Heroen/ Opfer der Wahrheit und
Vorbilder, sind sie für die anderen Wahnsinnige, Verrückte und Rasende.
Die
Lesung präsentiert einen Gang durch die Literaturgeschichte entlang der
Figuren von Märtyrern und verwandter Motive. In vier Kapiteln – Recht
und Herrschaft, Kampf und Schlachtfeld, Liebe und Tod, Tod und Erhöhung
–werden u.a. Texte gelesen von Sophokles, Titus Livius, William
Shakespeare, Heinrich von Kleist, Heinrich Heine, Elias Canetti,
Ingeborg Bachmann und Ivo Andrić sowie Auszüge aus "Mohammed und die
Schlacht von Uhud" und der "Geistlichen Anleitung von 9/11".
Künstlerische Leitung/ Textauswahl: Christina Pareigis, Sylvie Rühl
Vortragende: Helga Lehner, Bernd Ludwig, Sylvie Rühl
Musik: Hannes Zerbe
Helga Lehner
Schauspielerin
und Autorin, lebt und arbeitet in Berlin. Theaterengagements in
Österreich, der Schweiz und Deutschland, zuletzt am Hansa-Theater und
Teatr Kreatur Berlin. Mitwirkende in zahlreichen Film- und
Fernsehspielen sowie -serien, langjährige Tätigkeit beim RIAS Berlin als
Moderatorin und Autorin.
Bernd Ludwig
Schauspieler und Autor,
lebt und arbeitet in Berlin. Theaterengagements in Bremen, Potsdam und
Berlin, Theaterarbeiten u.a. mit Peter Stein, zuletzt am Teatr Kreatur
Berlin. Zahlreiche Eigenproduktionen. Seit zwanzig Jahren Mitarbeit beim
RIAS Berlin bzw. Deutschlandradio als Sprecher und Autor.
Christina Pareigis
Literaturwissenschaftlerin
am ZfL, Bearbeiterin des Susan Taubes-Archivs. Forschungsschwerpunkte:
Moderne jiddische Literatur, deutschsprachige Literatur jüdischer
Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts, Literatur aus dem
Shoah-Kontext.
Sylvie Rühl
Schauspielerin, lebt und arbeitet
in Berlin. Freie Theaterarbeit und Lesungen in Jerusalem und Berlin,
zuletzt am Teatr Kreatur Berlin. Mitbegründerin des Spielzimmertheaters
und des Theaters Zettel.
Hannes Zerbe
Jazzmusiker,
Orchesterleiter und Komponist, lebt und arbeitet in Berlin. Zerbe
studierte Klavier und Komposition, letzteres bei Wolfram Heicking und
Paul-Heinz Dittrich.
Eintritt: frei
Um Anmeldung wird gebeten unter: trajekte@zfl-berlin.org.
Programmkonzeption: Sabine Berthold, Sabine Flach, Dirk Naguschewski, Christina Pareigis, Martin Treml, Sigrid Weigel
Das ZfL dankt dem Museum für Kommunikation Berlin
Märtyrer – Schlüssel zum Verhältnis der Religionen und Kulturen
Allenthalben
ist eine Renaissance der Religionen in der Politik und Kultur zu
verzeichnen – auch in solchen modernen Gesellschaften, die sich noch vor
kurzem als weitgehend säkular betrachtet haben. In diesem Zusammenhang
stellt die Wiederkehr des Märtyrermodells eine besonders beunruhigende
Komponente dar. Mit den Selbstmordattentätern, die sich als Märtyrer
verstehen und auch von ihren Gemeinschaften als solche verehrt werden,
ist eine Figur auf den Schauplatz der Geschichte zurückgekehrt, von der
das säkularisierte Europa annahm, dass sie längst vergangenen Zeiten
angehört. Bei aller Fremdheit der Bilder, die durch die Medien von den
internationalen Kampfschauplätzen übermittelt werden, gibt es stets auch
Wiedererkennungsmomente: aufgrund der vielen religiösen Symbole, in
denen nicht selten Zeichen der christlichen Ikonographie auftauchen, und
aufgrund der Chiffren aus Pop- und Massenkultur, derer sich die
Propaganda der Selbstmordattentate und die Verehrung ihrer Akteure
bedient. Durch diese Bilder wird deutlich, dass hier auch Momente aus
der europäischen Tradition im Spiele sind. Sie erinnern an bekannte
Mythen und Deutungen aus der Geschichte der kollektiven Verarbeitung von
Toten aus Kriegen, Gewaltherrschaft und Katastrophen.
Die
Beschäftigung mit der vielfältigen Tradition von Märtyrern in der
Kulturgeschichte erhellt nicht nur religiöse Zusammenhänge politischer
Gewalt, sondern auch die Verbindungen und die Differenzen
zwischen den drei monotheistischen Religionen. Denn die Verehrung von
Märtyrern spielt sowohl in christlichen und islamischen als auch in
jüdischen Kulturen eine zentrale Rolle. Zugleich schärft der Blick auf
die Kontinuität und den Wandel von Märtyrermotiven die Sensibilität für
die vergessenen, gleichwohl aber fortwirkenden Prägungen auch der
Moderne durch Muster, die der Verknüpfung von Opfer und Verehrung, von
Passion und Pathos entstammen.
Die theologische Figur des Märtyrers (von griechisch martyr,
'Zeuge'), dessen Entstehung mit einer semantischen Umdeutung des Zeugen
in den Blutzeugen einhergegangen ist, verbindet das Opfer des eigenen
Lebens – sei es durch Selbsttötung oder Inkaufnahme des eigenen Todes –
mit einem Bekenntnis: sei es zur Wahrheit oder Tugend, zum Glauben oder
zu den Religionsgesetzen. Damit wird das physische Sterben zur
Manifestation eines metaphysischen Sinns. Als nach einer Geschichte
mythischer, antiker und judaischer Vorformen die Passion Christi zum
zentralen Bezugspunkt einer emphatischen Märtyrerkultur geworden war,
hat diese sich seither mehrheitlich in Formen und Variationen einer
Imitation der Passion, der Nachahmung eines heiligen Martyriums, weiter
entwickelt: als Genealogie, in der sich Vorbild und Nachahmung ablösen, –
und als Kette der Leiden und Leidenschaften. Davon ausgehend hat sich
in der Geschichte von Säkularisierung und Modernisierung die Bedeutung
des 'Märtyrers' auch in nicht genuin religiöse Felder ausgeweitet: als
Figur eines heroischen, geheiligten oder idealisierten Sterbens für
einen höheren Wert, für die Interessen oder Ideale einer Gemeinschaft,
Nation oder Idee. Die Gestalt des heiligen Kriegers oder Gotteskrieger,
sei es in Gestalt des christlichen Kreuzritters, des islamischen
Schlachtfeldmärtyrers oder des zeitgenössischen Selbstmordattentäters,
hat sich dabei auf den Schauplätzen der Politik als besonders wirksam
erwiesen. Dagegen ist die mystische Umformung des Martyriums in eine
sublime Form gesteigerter sinnlicher Offenbarung, wie sie in der
mittelalterlichen Mystik ausgebildet wurde, zu einer Vorlage
ästhetischer Programme – auch und gerade – in der Moderne geworden.
Die
Strukturen und Elemente der Märtyrertradition sind somit zum einen
geeignet, die verborgenen religionsgeschichtlichen Grundlagen der
Moderne sichtbar zu machen; zum anderen erhellen sie grundlegende Motive
(nicht nur) der europäischen Kulturgeschichte. Das Deutungsmuster des
Märtyrers kommt immer dann zum Einsatz, wenn es darum geht, radikale
Umdeutungen vorzunehmen: Opfer in Helden zu verwandeln, Ohnmacht in
Macht, Schmerz in Lust, Leiden in Leidenschaft, Askese in mystische
Ekstase – und den (realen) Tod in ein (imaginäres) ewiges Leben,
Insofern verkörpert der Märtyrer, einem Revenant gleich, die
Formensprache der abendländischen Imaginations- und Bildgeschichte seit
der Antike. (Sigrid Weigel)
In Bild und Ton
Von dieser Veranstaltung gibt es verschiedene Bild- und/oder Ton-Dokumente.
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