PREMEC - Zweiter Workshop an der EHESS in Paris
16.02.2018

Joseph Wulf: Ein polnisch-jüdischer Historiker in der BRD. Zwischen Zeugenwissen und engagierter Geschichtsschreibung

Ort: EHESS, 105 Boulevard Raspail 75006 PARIS
Organisiert von Aurélia Kalisky (ZfL) und Judith Lindenberg (EHESS)

Workshop im Rahmen des deutsch-französischen Projekts (ANR/DFG) »Frühe Schreibweisen der Shoah. Wissens- und Textpraktiken jüdischer Überlebender in Europa (1942–1965)« (PREMEC), organisiert vom Centre de Recherches Historiques (CRH) der EHESS

Der in Polen geborene Joseph Wulf überlebte den Holocaust im Ghetto von Krakau und später in Auschwitz. Nach der Befreiung wurde er Mitglied der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission (1944–1947) in Polen. 1947 emigrierte er nach Paris, wo er gemeinsam mit Michel Borwicz das Centre pour l’Histoire des Juifs Polonais (Zentrum für die Geschichte polnischer Juden) gründete. 1952 ließ er sich dann in der Bundesrepublik Deutschland nieder. Dort setzte er sich als Ziel, die postnationalsozialistische Gesellschaft durch die Publikation von Dokumenten, insbesondere deutschsprachiger Quellen zu den Tätern, mit dem deutschen Staatsverbrechen zu konfrontieren und die gesamtgesellschaftliche Beteiligung daran aufzuzeigen. Er lebte dort bis zu seinem Selbstmord in Berlin-Charlottenburg 1974. In Deutschland hat Wulfs Werk in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit erfahren und seine Pionierrolle ist innerhalb der Historiographie der Shoah anerkannt worden. So sind in den 2000er Jahren zahlreiche Arbeiten sowie eine Biographie erschienen. Trotz dieser verspäteten Rezeption wird aber bis heute Wulfs historiographischer Beitrag immer noch nicht als Teil der Forschungsgeschichte zum Holocaust anerkannt. Zudem bleiben wichtige Aspekte des Wulf’schen Werks unzureichend behandelt. In Frankreich sind seine Publikationen darüber hinaus noch immer weitestgehend unbekannt. Mit dem Workshop soll dem entgegenwirkt werden, indem aus unterschiedlichen Perspektiven die Komplexität von Joseph Wulfs Wirken in den Blick genommen wird. Aus den Beiträgen soll dann ein Sammelband in Frankreich hervorgehen.

In der frühen historiographischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der Bundesrepublik nimmt Joseph Wulf eine spezifische, einzigartige Position ein, gekennzeichnet durch seine Perspektive als jüdischer Überlebender. In Anbetracht der Biographien anderer jüdischer Intellektueller, die auch überlebt und sich anderswo als in der BRD, jedoch in Westeuropa, früh wissenschaftlich mit den Erfahrungen des Holocaust auseinandergesetzt haben – wie etwa HG Adler in England, Jacques Presser und Abel Herzberg in den Niederlanden oder Michel Borwicz in Frankreich –, lässt sich Wulfs Werk durchaus als repräsentativ für eine weiter gefasste Autorengruppe begreifen. Und dies wird noch deutlicher auch und gerade über den Kontext der Geschichtswissenschaften hinaus, denn viele dieser Autoren verfassten sowohl historiographische wie auch literarische oder soziologische Werke über den Holocaust.

In diesem Sinne sollte eine Perspektive jenseits von nationalen Kontexten und Disziplinen uns vielleicht erlauben, Joseph Wulfs Arbeiten innerhalb dieser Gruppe überlebender Autoren (neu) zu verorten. Dadurch soll zum einen der einzigartige Charakter seines Werks begreifbar werden und zum anderen die Gründe dafür nachgezeichnet werden, weshalb und auf welche Weise sein Werk vielfach abgelehnt wurde – sowohl von Akademikern als auch von der Öffentlichkeit.

Wulf gehört einer Generation jüdisch-polnischer Überlebender, Wissenschaftler und Intellektueller an, die trotz erheblicher Unterschiede in ihren methodischen Ansätzen und ihren spezifischen Lebensläufen über einen gemeinsamen kulturellen Erfahrungshorizont verfügen. Darüber hinaus und dadurch bedingt zählt Wulf zum erweiterten Kreis jener jüdischer Intellektueller, deren wissenschaftliche Herangehensweisen auch auf epistemologischer Ebene untrennbar mit dem Blickwinkel des Überlebenden verbunden sind. Diese Erfahrung durchzieht ihr Wirken auf allen Ebenen, ungeachtet ihrer institutionellen Anerkennung bzw. Nichtanerkennung im wissenschaftlichen Feld und der unterschiedlichen Kontexte ihrer Herkunftsländer und späteren Wahlheimaten.

Bekannt wurde Joseph Wulf in erster Linie durch eine Reihe von voluminösen Dokumentensammlungen – zuerst gemeinsam mit Poliakov konzipiert, dann alleine – zu unterschiedlichen Aspekten der Ermordung der Juden sowie zu Gesellschaft und kulturellem Leben im nationalsozialistischen Deutschland. Darüber hinaus verfasste er zahlreiche weitere, bislang kaum beachtete Texte – von literaturwissenschaftlichen und sprachkritischen Studien bis hin zu Biographien wichtiger NS-Funktionäre. Sowohl formal als auch in Bezug auf die verwendeten Genres und ausgesuchten Problematiken ist sein Werk als »hybrid« zu bezeichnen. Diese Vielfalt innerhalb eines einzigen Werks und das Projekt seiner „dokumentarischen Anthologien“ nehmen gewissermaßen bestimmte Aspekte der Kulturgeschichte und -wissenschaften vorweg. Zudem beschränkte sich sein Wirken nicht nur auf die Publikation von wissenschaftlichen und dokumentarischen Texten, sondern umfasste gesellschaftspolitische, Projekte, wie etwa das geplante Holocaust-Dokumentationszentrum in der Villa Wannsee. Dies veranschaulicht sehr deutlich, dass für Wulf die Rolle als Historiker und Wissenschaftler untrennbar mit sozialem und politischem Engagement verbunden war.

Der Workshop soll einen Zugang zu Joseph Wulfs vielschichtigem Werk bieten und vor allem ein Ausgangspunkt für neue Interpretationen seiner Arbeiten sein. Dafür soll neben seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten, den diversen Büchern und Aufsätzen, auch sein breiter Erfahrungshintergrund, von dem sein Wirken beeinflusst wurde, thematisiert werden: Etwa seine literarische Bildung, sein Schicksal als Überlebender, seine Exilgeschichte, sein wissenschaftliches und persönliches Netzwerk und die in der Bundesrepublik erfahrene Ausgrenzung, sein Schreiben in mehreren Sprachen (Deutsch, Jiddisch, Polnisch) und sein politisches Engagement. Unter dem nationalsozialistischen Regime überlebt zu haben, stellt nicht nur eine Schlüsselerfahrung in seinem Leben dar, sondern ist auch der Ursprung eines methodologischen Ansatzes, mittels dessen die unterschiedlichen Teile seines Werkes miteinander verknüpft sind: Wulfs methodologische Haltung beruht auf dem »Zeugenwissen« (B. Breysach), löst disziplinäre Trennlinien auf und erfordert es, die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Objektivität und subjektiven Erfahrungswelten neu zu hinterfragen.

Die Gegenüberstellungen, wie sie sich im Laufe der Jahrzehnte in der Holocaustforschung herausgebildet haben, sollen im Zuge des Workshops anhand von Joseph Wulfs Texten kritisch in den Blick genommen und mögliche Alternativen aufgezeigt werden: Welche Überlegungen über den Status und die Perspektive der Historiker*Innen erwachsen aus Joseph Wulfs Werk, vor allem angesichts der Zeugnisse von Überlebenden und ihrer Rolle in der Geschichtsschreibung? Inwieweit erweist sich die disziplinäre Trennung zwischen testimonialen Texten, die als Gegenstand der Literaturwissenschaften behandelt wurden, und wissenschaftlichen Publikationen, die in den Geschichtswissenschaften analysiert wurden, als kulturell bedingte Konstruktion? Wie könnte eine Geschichtsschreibung, die den Perspektiven der Opfer bereits in der Konstitution von Wissen mehr Bedeutung beimisst, eine Alternative zu dieser binären Trennung bieten? Auf welche Weise spiegeln sich diese Fragen in der Wulf’schen Poetik der Geschichtsschreibung etwa in seinem spezifischen Umgang mit dem Genre der Anthologie? Wie lässt sich durch sein Werk der jeweilige Status vom Dokument, vom Zeugnis und vom Archiv neu begreifen?

Teilnehmende (vorläufige Liste): Nicolas Berg (Simon-Dubnow-Institut), Barbara Breysach (Universität Viadrina), Aurelia Kalisky (ZfL), Klaus Kempter, Gerd Kühling (Haus der Wannsee-Konferenz), Judith Lindenberg (EHESS-CRH), Judith Lyon-Caen (EHESS-CRH)

Moderation/Kommentar: Elisabeth Gallas (Simon-Dubnow-Institut), Katrin Stoll (DHI Warschau), Florent Brayard (EHESS-CRH), Catherine Coquio (Université Paris 7), Simon Perego (Sciences-Po Paris)