Fr, 27.01. –
Sa, 28.01.2006
Literaturtage des ZfL
Literarische Kritik der ökonomischen Kultur - Zur Rückkehr der Arbeitswelt in die Gegenwartsliteratur
Literaturhaus Berlin, Fasanenstr. 23, 10719 Berlin
Kontakt:
Ulrike Vedder
Programm
In Kooperation mit dem Literaturhaus Berlin.
In der Literatur der Gegenwart ist die Rückkehr eines Motivs in den
Horizont der literarischen Bearbeitung von Erfahrungen zu verzeichnen:
Ökonomie und Arbeit. Mit den Transformationen der Arbeitswelt durch die
neuen elektronischen Technologien, die zur bestimmenden Wirtschaftskraft
geworden sind, richtet sich das literarische Interesse nun – da es
Ökonomie, Business und Arbeitswelt als ergiebige Sujets wiederentdeckt –
auf die ökonomischen Kräfte und deren politische, unternehmerische oder
wissenschaftliche Deutung als schicksalhaft oder steuerbar, aber auch
auf die abgründigen Kehrseiten wirtschaftlicher Euphorie. Dabei zeichnet
sich die Literatur durch eine Vielfalt der Berührungspunkte
wirtschaftlicher und sprachlich-literarischer Prozesse aus.
Etliche
Schriftsteller interessieren sich gerade für die kulturellen und
symbolischen Aspekte der Arbeitswelt, d.h. für die übermächtig anmutende
Verstrickung von Sprache, Denken und Mentalität in die Allgegenwart
wirtschaftlicher Systeme. Sie untersuchen Phänomene wie die Zirkulation
spezieller Sprachmuster der IT-Branche (Kathrin Röggla: wir schlafen
nicht, 2004), die Kollisionen zwischen unternehmerischen Plänen für
Übernahmen und Jointventures einerseits und deren jeweilige Sprachwelten
andererseits (Ernst-Wilhelm Händler: Wenn wir sterben, 2002), das
libidinös besetzte Verhältnis zwischen Chef und Angestellten (Georg
Klein: Anrufung des blinden Fisches, 1999; Über die Deutschen, 2002),
die letztlich enttäuschten Versprechen einer Partizipation an
Wirtschaftsmacht und -gestaltung (Dirk Kurbjuweit: Nachbeben, 2004;
Unser effizientes Leben, 2003). Anders als die Angestelltenliteratur der
Weimarer Republik mit ihren Sekretärinnen und Buchhaltern, ihren
Verkäufern und Vertretern, anders aber auch als die ‚Literatur der
Arbeitswelt’ der 60er und 70er Jahre thematisiert die jüngste Literatur
zumeist eine technisch hochgerüstete Dienstleistungsbranche mit
hochqualifizierten Mitarbeitern. Deren Kommunikationen und Zirkulationen
führt Rainer Merkels Das Jahr der Wunder (2001) in der Werbebranche vor
– nicht mit dem zynischen Blick eines Michel Houellebecq, Frédéric
Beigbeder oder Bret Easton Ellis, sondern aus einer Perspektive des
Staunens. Diese Perspektive findet sich auch in Anne Webers Erzählung
Gold im Mund (2005), in der eine Schriftstellerin ihren Arbeitsplatz in
ein Großraumbüro verlegt, und zwar nicht, um sich den dortigen
Arbeitsabläufen einzupassen, sondern um als ein selbstbeobachtender
‚Fremdkörper’ die Veränderungen des eigenen Wahrnehmens und Schreibens
zu registrieren. Der einzige Arbeitsplatz im Foyer einer Agentur für
Arbeit, inmitten von wartenden Arbeitslosen, ist das Café Umberto,
titelgebend für Moritz Rinkes neuestes Stück (UA September 2005). Die
Geschichten um Arbeit, Arbeitslosigkeit und Liebe, die sich dort
ereignen, erzählen auch von individuellen Strategien des Umgangs mit
Überfluß und Knappheit, Ansprüchen und Übertragungen, Handel und
Zirkulation, Reichtum und Armut – d.h. mit jenen ökonomischen Kriterien,
deren Konfiguration den homo oeconomicus ausmacht. Es gibt also
jenseits der ‚Experten’ und des professionellen Diskurses über die
Ökonomie ein anderes literarisches Wissen vom Produzieren, Distribuieren
und Konsumieren, einen Blick auf Wirtschafts-, Arbeits- und
Geldverhältnisse, der – geschult in der Zirkulation der Zeichen – die
kulturelle Erfahrungsperspektive ins Zentrum stellt.
Freitag, 27. Januar 2006
14.30-16.30 Uhr
Kathrin Röggla: Lesung, anschl. Gespräch mit Falko Schmieder
Rainer Merkel: Lesung, anschl. Gespräch mit Daniel Weidner
17.00-19.00 Uhr
Dirk Kurbjuweit: Lesung, anschl. Gespräch mit Halina Hackert-Lemke
Moritz Rinke: Lesung, anschl. Gespräch mit Kai Bremer
20.00 Uhr
Podiumsdiskussion
„Literarische Kritik der ökonomischen Kultur“ mit Rainer Merkel, Moritz Rinke, Kathrin Röggla, moderiert von Dirk Kurbjuweit
Samstag, 28. Januar 2006
14.00 Uhr
Vortrag
Joseph Vogl: „Poetik des ökonomischen Menschen“, moderiert von Karlheinz Barck
15.30-17.30 Uhr
Anne Weber: Lesung, anschl. Gespräch mit Anne-Kathrin Reulecke
Georg Klein: Lesung, anschl. Gespräch mit Stefan Willer
18.00-19.00 Uhr
Ernst-Wilhelm Händler: Lesung, anschl. Gespräch mit Ulrike Vedder
20.00 Uhr
Podiumsdiskussion
„Zur Rückkehr der Arbeitswelt in die Gegenwartsliteratur“ mit
Ernst-Wilhelm Händler, Georg Klein, Anne Weber, moderiert von Hubert
Winkels
Gefördert durch die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Berlin
In Bild und Ton
Von dieser Veranstaltung gibt es verschiedene Bild- und/oder Ton-Dokumente.
Jetzt aufrufen!
Medienecho
McKinsey und wir (31.01.2006)
Eine Berliner Tagung über Literatur und Arbeitswelt. Beitrag von Andreas Kilb, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.1.06, S. 35
Und das Geld spricht gut (31.01.2006)
Eine Tagung stellt fest: In der Literatur wird wieder gearbeitet. Beitrag von Ijoma Mangold, in: Süddeutsche Zeitung, 31.1.2006
Die Götter bitten zur Kasse (31.01.2006)
Literatur & Arbeitswelt: Eine Tagung in Berlin. Beitrag von Thomas Wegmann, in: Tagesspiegel, 31.1.2006, S. 23
Neue Abschaffels (31.01.2006)
Eine Tagung im Literaturhaus in Berlin befasste sich mit der 'Literarischen Kritik der ökonomischen Kultur'. Beitrag von Anne Kraume, in: taz, 31.1.2006
Literaturtage des ZfL 2006 (30.01.2006)
Beitrag von Ruth Fühner, in: Radio hr2, Sendung: Mikado am Nachmittag, 30.01.2006
Literarische Kritik der ökonomischen Kultur (28.01.2006)
Lesung von Anne Weber. Literaturhaus Berlin, Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin 28.01.2006
Arbeitswelt und Gegenwartsprosa (27.01.2006)
Beitrag von Hubert Winkels/Rainer Schlossig, in: Deutschlandfunk, Sendung: Kultur heute, 27.01.2006, 17:48



