6. Internationale Sommerakademie des ZfL
11.09.2016 – 16.09.2016

Realismus revisited

Ort: ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et.
ZfL-Projekt(e): Realismus (2016/2017)

Leitung: Eva Geulen, Stefan Willer

Während unsere Wirklichkeit sich medial, technologisch und politisch rasant wandelt, macht Realismus wieder von sich reden. In der Philosophie liest man vom spekulativen oder neuen Realismus, Politiker werben um mehr Realismus, in den Sozialwissenschaften beginnt man am Primat des Konstruktivismus zu zweifeln, und auch in der Literatur hat Realismus Konjunktur. Vor diesem aktuellen Hintergrund wollen wir die lange Geschichte der Realismus-Theorien und Realismusdebatten im Rahmen der Sommerakademie neu in den Blick nehmen.

Dabei bildet die Literatur unseren Ausgangspunkt. Seit dank Dantes ingeniöser Stilmischung die Literatur gewordenen Toten der »Divina Commedia« die Lebenden an Wirklichkeit und Lebendigkeit übertrafen, trat Realismus in fast schon regelmäßigen Abständen als Problem oder Programm in Erscheinung: Es geht um den figuralen, poetischen, programmatischen, bürgerlichen, sozialistischen, magischen, neuen, ästhetischen, spekulativen Realismus, ›border-realism‹ der Peripherien im Zeitalter der Globalisierung; und um korrelierende Gegenbegriffe wie Nominalismus, Materialismus, Idealismus, Romantik, Naturalismus, Expressionismus, Konstruktivismus, Virtualität. Im Namen des Realismus wird immer neu und immer anders die alte Frage nach dem Verhältnis der Literatur und der Künste als einer »Weise des Weltgestaltens« (Georg Lukács) zu einer Wirklichkeit gestellt, die dann als ihr Vorbild, Abbild oder Gegenbild erscheinen kann, als Stoff, Medium, Möglichkeit, Referenz, Autorität, Telos.

Im Zuge der kulturwissenschaftlichen Entgrenzung und Bereicherung des geisteswissenschaftlichen Fächerkanons sind die Kardinalprobleme des Realismus in den Künsten auf andere Gebiete abgewandert, wo sie unter neuen Voraussetzungen diskutiert werden: Poetologien des Wissens und Wissensgeschichte in der Literatur, New Historicism, Diskursgeschichte, Praxeologie, Evidenz-Theorien, vor allem aber die Bild- und die Medienwissenschaften haben die alten Fragen mit neuen Terminologien weitergeführt, oft ohne zu wissen oder wissen zu wollen, was sie im Gepäck haben. Deshalb lohnt es sich, nicht nur die neuen, sondern auch die alten Realismus-Debatten, Realismus-Theorien und Realismus-Phänomene in den Blick zu nehmen, ihren Stand und ihre Anschlussfähigkeit unter den Bedingungen des Fächerwandels und interdisziplinärer Schulung zu erproben.

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Programm

Öffentliche Abendvorträge:

 

 

Abb. oben: “Escaping Criticism” (1874) von Pere Borrell del Caso, Quelle: Wikipedia