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I. Projektbeschreibung
Die WissensKünste widmen sich dem Austausch zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Praxis, und zwar in theoretischer, historischer und praktisch-experimenteller Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwiefern künstlerische Praktiken als spezifische Erkenntnisweise und als Interventionen in den wissenschaftlichen Diskurs verstanden werden können, bzw. um welche künstlerischen Tätigkeiten es sich dabei handelt.
In den WissensKünsten werde jene thematischen Schwerpunkte untersucht, die in den Arbeiten der Gegenwartskünstler, in ihren Installationen, Performances und Experimenten, im Vordergrund stehen. Diese sind ganz deutlich durch Modelle, Methoden und Techniken aus Bereichen wie Hirnforschung, Genetik und Reproduktionsmedizin, Robotik, Informatik, Nanowissenschaft, Materialforschung u.a. geprägt, d.h. durch Themen und Probleme aus den derzeitigen Leitwissenschaften. Man könnte auch sagen, die Künste beschäftigen sich heute mit denjenigen wissenschaftlichen Paradigmen, welche die stärkste Resonanz und Sichtbarkeit in der allgemeinen Kultur genießen bzw. die deutlichsten sozialen und kulturellen Wirkungen zeitigen. Gleichwohl übernehmen die Wissenskünste ihre Themen weder direkt aus den Einzelwissenschaften noch aus den Künsten, sondern zielen auf das Feld der Praktiken und der Korrespondenzen zwischen ihnen.
1. WissensKünste I: LifeSciences – Kunst – Medien (2001–2002)
Leitung: Sabine Flach
Bearbeitung: Sandra Mühlenberend
Im Mittelpunkt der Konzeption stand der Impuls, die künstlerischen und medialen Entsprechungen des gegenwärtigen biotechnologischen Wandels zu markieren. Dabei war es von besonderem Interesse, die genuinen Bedeutungen der ästhetischen Arbeiten an dieser Zäsur ebenso zu präsentieren, wie den Prozeß der Kulturwerdung der neuen Biotechnologien. Eine solche ästhetische wie theoretische Arbeit eröffnet neue Blickwinkel und Analysestrategien gegenüber den LifeSciences. Im Zentrum standen daher die bildenden Künste in ihrer Auseinandersetzung mit und impliziten Bezugnahme auf die neuen Technologien. Bei den WissensKünsten wurde deutlich, wie stark Naturwissenschaftler zur Erläuterung und Darstellung ihrer Forschungen Paradigmen, Metaphern und Bilder verwenden, die nicht einem ‚neutralen’ und damit scheinbar objektiven Bereich zuzuordnen sind, sondern in kulturgeschichtliche Traditionen eingebunden sind. Das kritische Potential der Künste ermöglicht die Rückgewinnung und die Auslotung dieser kulturellen und epistemologischen Implikationen der betreffenden Bilder und Begriffe: durch die Analyse von Konstellationen, in denen diese konkrete Gestalt annehmen, durch Untersuchungen zu ihrer Genese in den materiellen und symbolischen Praktiken der Wissensproduktion und durch die Rekonstruktion der diskursiven Voraussetzungen, imaginären Traditionen und Kehrseiten von wissenschaftlichen Erklärungen, Erfindungen und Erkenntnissen.
Zudem wurde erkennbar, daß die Arbeiten von Künstlern nicht nur seismografische Aufzeichnungen veränderter Erfahrungs- und Symbolwelten sind, sondern selbst zu deren Entwicklung, zur experimentellen Erkundung und praktischen Evaluierung beitragen. Jenseits der Grenzen der schönen Künste operieren die künstlerischen Praktiken heute in denselben Bereichen, um die sich auch die akademischen Wissenskulturen bemühen Das Potential der Künste erlaubt es, implizite Phantasmen wissenschaftlicher Projekte sowie die vielfältigen Antworten der Einbildungskraft darauf in verschiednen Genres und Medien zu untersuchen und kritisch zu hinterfragen. Die Künste erst unterlegen die scheinbar ahistorischen Bilder der Wissenschaft mit ihrer ikonografischen Genese und können somit auf die blinden Flecken und Ungereimtheiten des wissenschaftlichen Diskurses nicht nur hinzuweisen, sondern besonders auch aufzeigen, wie sehr dieser auf genau diesen unvollständigen Konzepten basiert.
2. WissensKünste II: Bilder jenseits des Bildes (2003–2004)
Leitung: Sabine Flach
Im Mittelpunkt dieser Reihe stand die Tatsache, daß das Bild, seine Theorie und Geschichte wie kaum ein anderer Gegenstand seit geraumer Zeit im Zentrum eines interdisziplinären kulturwissenschaftlichen Interesses steht, – bis hin zu Ansätzen einer interdisziplinären Bildwissenschaft. Spätestens seit dem iconic oder pictorial turn kommt dem Bild eine erneute Aufmerksamkeit zu. In jüngster Zeit ist diese Aufwertung der Bilder auch für die Geschichte des Wissens und der Wissenschaften wirksam geworden, in der Analyse sowohl des in Bildern repräsentierten Wissens als auch der bildlichen Repräsentation von Wissen. Dabei konzentriert sich das Interesse über die ästhetische und ikonografische Dimension von Bildern hinaus auf dessen Bedeutung und Funktion in den Wissenschaften, auf das Bild in seiner Darstellungs- und Visualisierungsfunktion und auf das Bild als Erkenntnismodell und -medium. Im Zuge dieser Entwicklung aber hat sich nicht nur gezeigt, daß verschiedene Disziplinen sich im Interesse am Bild treffen, sondern darin auch sehr unterschiedliche Weisen im Umgang mit Bildern und fachwissenschaftlich sehr differente Bildbegriffe und Methoden der Bildbetrachtung deutlich geworden sind. Zudem ist die Situierung von Bildern in verschiedenen Diskursen und Kontexten aufgezeigt worden. Aufgrund der unterschiedlichen erkenntnistheoretischen und methodischen Voraussetzungen für die Frage nach Begriff und Wirkungsweise von Bildern in ästhetischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontexten sind dabei nicht nur die disparatesten Thesen, Deutungen und Vorschläge entwickelt worden, in denen der Bildbegriff – ähnlich wie der der Kultur – jegliche Konturen zu verlieren droht. Daneben sind auch umfangreiche Studien entstanden, die gleichsam die Herkunft und ganze Geschichte von Bildern zu erfassen suchen. In dieser Situation war es wichtig, die interdisziplinären Zugänge zum Bild in präzisen Fokussierungen der Fragestellung voranzubringen. Diese Aufgabe stand im Zentrum der Reihe „Bilder jenseits des Bildes“: die Frage nach dem Bildbegriff und seinen Veränderungen durch den Einsatz digitaler Medien und bildgebender Verfahren in Kunst und (Natur-) Wissenschaften. Im Verlaufe der Veranstaltungen wurde deutlich, wie die Zeichensysteme Bild und Schrift im digitalen Raum – sowohl der Kunst als auch der Naturwissenschaft – ihre Antinomie verlieren, durchlässig werden und wie dabei tradierte epistemologische Zuordnungen überschritten werden. Durch diesen Rückgriff auf eine Arbeitsweise, die die Dekonstruktion des kanonisierten Konzepts von der Dichotomie von Bild und Schrift vorsieht (und kunsthistorisch mit der künstlerischen Praxis der Avantgardisten in Zusammenhang gebracht werden kann), konnten die ‚kommunizierenden Röhren’ zwischen unterschiedlichen Darstellungsmedien und Feldern erörtert werden. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Modalitäten der "graphé" – der Wortfolge, dem Bild, der Zahl und der Formel sind fließend, oft seriell oder als Rückkoppelungsschleifen organisiert. (Die Fortschreibung der Panofskyschen Ikonologie hat gezeigt, wie Text und Bild als zeichenkonstituierende Elemente aufeinander angewiesen sind.)
Zugleich wurde deutlich, daß die wissenschaftlichen Bilder, trotz der verschiedenen Transformationsprozesse, dennoch auf einer aus der Bild- bzw. Schriftgeschichte kommenden Ikonografie fußen, deren implizite Semantik durch künstlerische Interventionen in wissenschaftliche Register transparent gemacht werden kann.
3. WissensKünste III: Zwischen Evolution und Experiment – Schönheit in Kunst und Wissenschaft (2005)
Leitung: Sabine Flach
Das Thema „Schönheit“ gehört zu den gesellschaftlich wichtigsten Diskussionsfeldern des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Schönheit dominiert sowohl die populären Life-Style Debatten, als auch humanwissenschaftliche Forschungen, in denen Schönheit nicht mehr als normative Größe, sondern als Rekonstruktion der Zusammenhänge von Schönheit, Ästhetik, Aisthesis, Erkenntnis und Wahrheit untersucht wird. Schönheit ist zudem das aktuelle Thema der Kunst. Zeigte sich diese lange Zeit dominiert von einer Ablehnung des Schönen, so beschäftigt sie sich nun intensiv mit der Kehrseite der Schönheit und nimmt die Bedeutung von Groteskem, Bizarrem, Skurrilem und Abjektem in den Blick. Schönheit ist zudem eines der dominantesten Themen der Naturwissenschaft. Und dies im Hinblick auf die Renaissance biologischer Modelle des 19.Jh., die Wiederkehr der Verbindung von Schönheit und psychologischen Krankheiten sowie der „Schönheit“ als Ergebnis naturwissenschaftlicher Produktion. In den Debatten gerät das Schöne allzu häufig zum Oberflächenphänomen und seine Bedeutung für und sein Einfluß auf unser kulturelles Wissen werden dabei ebenso wenig zur Kenntnis genommen, wie die Tatsache, daß die Schönheit naturwissenschaftlicher Objekte, Bilder und Prozesse diesen nicht einfach inhärent, sondern Teil des Konstruktionsprozesses ist. Zudem werden die vielfältigen Verflechtungen und Einschreibungen der Schönheitsvorstellungen und -begriffe für die naturwissenschaftliche Produktion nicht wahrgenommen. Gerade hier ergeben sich epistemologisch produktive Schnittstellen zwischen künstlerischem, human- und naturwissenschaftlichem Diskurs. Die Veranstaltung „Zwischen Evolution und Experiment. Schönheit in Kunst und Wissenschaft “ arbeitete diesen blinden Flecken des Schönheits-Diskurses entgegen. Sie rekonstruierte das historische und kulturgeschichtlich entwickelte Wissen der Schönheit, verdeutlichte dessen implizite Einschreibung in zeitgenössische Diskussionen, ästhetische Artefakte und die Repräsentation naturwissenschaftlichen Wissens.
III. Publikationen
Herausgeber:
Sabine Flach, Sigrid Weigel
WissensKünste
Das Wissen der Kunst und die Kunst zu wissen/ The knowledge of the arts and the art of knowledge
Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, Weimar, 2011
IV. Veranstaltungen
V. Medienecho
Das Wissen der Künste (13.11.2009)
Sabine Flach im Gespräch mit Julian Doepp, in: Bayern 2, Sendung: artmix-gespräch vom 13.11.2009, anhören (22,7 MB)
Stimme als Medium des Nachlebens (13.07.2012)
Sigrid Weigel im Gespräch mit Norbert Lang, in: Bayern 2, Sendung: artmix-gespräch vom 13.07.2012, 48:46 min
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