17.04.2024

Call for Papers: Revolution revolutionieren. Walter Benjamin und die Frage nach Revolution und Revolte

Revolution revolutionieren. Walter Benjamin und die Frage nach Revolution und Revolte

Workshop, 24.–25. Oktober 2024, Berlin
Organisation: Marcus Döller, Florian Telsnig

Der Workshop, der aus Mitteln des Walter Benjamin Förderpreises für junge Forschende finanziert wird, wird von der International Walter Benjamin Society, dem Walter Benjamin Archiv und dem Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung gefördert.

Revolutionen scheitern an der Revolutionierung ihrer selbst. ›1917, 1968 und kommende‹ Revolutionen haben gemeinsam, dass sie in ihrem revolutionären Handeln gleichzeitig Kräfte der Entpolitisierung hervorbringen, insofern sie nicht die konstitutive Suspendierung des Politischen und ihr Scheitern in der politischen Organisationsform einzuholen vermögen. Diese innere Spannung lässt sich mit Walter Benjamin auf drei Ebenen zeigen: begrifflich, historisch und praktisch.

Gegenwärtig ist Benjamin weniger Stichwortgeber einer politischen Praxis, die bspw. gegen das politische Erbe des Faschismus revoltierte, wie dies noch 1968 der Fall war, sondern vielmehr Gegenstand der akademischen Forschung, welche gerade viele der verkürzenden Lesarten (metaphysische Frühphase vs. materialistische Spätphase) überwunden hat, die das Resultat diverser politischer Vereinnahmungen waren. Mit dieser akademischen Ausdifferenzierung von Benjamins Denken ging aber als deren Kehrseite eine Neutralisierung der darin verhandelten Sachgehalte einher. Ohne die alten Gegensätze fortzuschreiben, soll dieser Befund als Ausgangspunkt für unsere Diskussion dienen: Der Workshop möchte ausgehend von Benjamins Analysen die Aktualität von Revolution und Revolte begrifflich, historisch und praktisch herausarbeiten.

  • Erstens analysieren wir begrifflich, wie Revolution und Revolte nach Benjamin zu denken wäre. Benjamins politisches Denken, das sich im Spannungsfeld von Revolution und Konterrevolution bewegt, lässt sich als ein Denken beschreiben, das einen doppelten Anspruch verfolgt: Während es einerseits die Bedingungen revolutionären Handelns aufweist, zeigt es andererseits die »feudalen und hierarchischen Gewalten« (GS V, 853) auf, welche die Organisationsformen der Revolution selbst gegen die Revolution entwickeln und so diese unterbrechen. Diese regressiven Effekte revolutionären Handelns zeitigen die Aussetzung oder gar Refeudalisierung der Revolution. Damit ist die Dialektik eines Spannungsfeldes umrissen, das der Workshop bspw. in Bezug auf die Französische Revolution, die Februarrevolution 1917 oder Denker*innen wie Rosa Luxemburg oder Georg Lukács ausmessen soll.
  • Zweitens rekonstruieren wir historisch, wie Benjamin zur Zeit der Studierendenrevolte rezipiert wurde. Die damaligen Anknüpfungspunkte und Auseinandersetzungen waren zahlreich, von denen hier nur einige wenige schlagwortartig genannt sein sollen: die in der Alternative (siehe Neuffer 2022) und im Merkur (siehe Schöttker/Wizisla 2006) geführten Auseinandersetzungen; RAFs Benjamin-Lektüren (siehe Wohlfarth 2006), Jürgen Habermas’ Kritik (1972) an Benjamin (der eine Auseinandersetzung zwischen Habermas und Rudi Dutschke über Linksfaschismus vorausging); popkulturelle Aneignungen wie die Publikation Swinging Benjamin (Salzinger 1973) etc. Neben diesen Punkten sind ebenfalls komparative Zugänge erwünscht, welche Benjamins Denken der Revolution mit dem Denken von bspw. Hans-Jürgen Krahl, Oskar Negt oder der Situationistischen Internationale kontextualisieren. Besonders willkommen sind Zugänge, die die feministische Benjamin-Rezeption dieser Zeit behandeln.
  • Drittens untersuchen wir praktisch, inwiefern Benjamin für gegenwärtige politische Praxen (Protest-, Organisationsformen etc.) bedeutsam ist oder inwiefern er für jene bedeutsam sein könnte (siehe Butler 2015). Die Bedeutung von Benjamins Denken liegt womöglich gerade darin, dies darf in diesem Kontext nicht unberücksichtigt bleiben, dass es sich nicht von dieser Gegenwart in diese Gegenwart einfach integrieren lässt – oder, anders gesagt: Benjamins Denken könnte gerade insofern bedeutsam sein, als es sich gegenüber dieser Gegenwart als Antagonismus und als widerständig erweist. Besonders freuen wir uns deshalb über Einsendungen, die Benjamins Denken für die eigene politische Praxis produktivmachen oder die Bedeutung Benjamins für aktuelle politische Kämpfe und soziale Bewegungen (bspw. im Globalen Süden) darlegen.

Diese und verwandte Themenfelder will der Workshop mit Blick auf Benjamins Begriff der Revolution beleuchten. Vorträge können sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch gehalten werden. Die Publikation aller Beiträge ist vorgesehen.

Veranstaltungsformat: Alle Vortragstexte sollten zwei Wochen vor dem Workshop den anderen Teilnehmer*innen zur Verfügung gestellt werden, damit während des Workshops selbst mehr Zeit für Diskussion bleibt. Jede*r Teilnehmer*in wird zudem gebeten, eine einleitende Response von 5 Minuten zu einem Vortrag zu übernehmen.

Die Beiträge werden nach einem anonymisierten Auswahlverfahren ausgewählt. Für die Bewerbung sind zwei Dokumente einzureichen: a) ein kurzer Lebenslauf, der den Titel des eingereichten Beitrags enthält, und b) ein Abstract (max. 4000 Zeichen) für einen ca. 20-minütigen Vortrag ohne Namen oder biographische Angaben.

Beiträge werden bis zum 3. Juni 2024 an folgende Adressen erbeten:
marcus.doeller@uni-erfurt.de
florian.telsnig@univie.ac.at